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Tagebucheintrag: Ein Rückblick
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Ich bin umgezogen, weil mein Ex ein Arsch war. Nicht nur ungeduldig. Nicht nur kalt, wenn ich noch nicht warm war. Er hat mich bloßgestellt. Erst unwissend. Mit Maske. Nackt vor seinen Kumpels hat er mich gefickt, und ich habe gedacht, wir seien allein, nur wir und dieses Spiel, das er immer „Vertrauen“ genannt hat. Die Maske hat Licht und Gesichter weggenommen. Übrig blieb der Körper. Übrig blieb, dass jemand zusah, ohne dass ich begriff, wie viele es waren.
Später hat er die Maske gelassen und die anderen dazu geholt. Seine Kumpels. Ich habe es in der Erregung sogar sehr genossen. Das ist der Satz, den ich am liebsten durchstreichen würde und trotzdem stehen lasse. Weil er wahr ist. Weil mein Körper schneller ja gesagt hat als mein Stolz. Weil ich nass war und offen und laut, während Hände wechselten und jemand in mir kam, den ich nicht sehen durfte. Hinterher lag die Wärme in mir wie ein Beweis, und ich habe mich dafür gehasst, dass sie sich gut anfühlte.
Er hat Bilder gemacht. An seine Leute verteilt. Irgendwann habe ich die Kumpels gesehen, ohne Maske, beim Grillen, beim Tanken, in der Bahn, und in ihren Gesichtern war dieses Wissen. Sie hatten mich auch gefickt. Sie hatten mich auch besamt. Sie hatten sich einen Spaß daraus gemacht, mich zu verführen und mich bloßzustellen. Lächeln. Anspielungen. Ein Blick zu lange auf meinen Mund, als wüssten sie, wie ich stöhne, wenn ich nicht mehr wegkann. Da war die alte Stadt kein Zuhause mehr. Da war sie eine Falle mit Gesichtern, die mich schon von innen kannten.
Also Flucht. Neuer Anfang. Spandau. Ein Haus mit Folie, Licht, einer Nachbarin, die Geschenke bringt und an Frühschichten denkt. Hier sollte das nicht mehr passieren. Hier bin ich stark. So stark, dass ich mir nicht nur gestern, sondern auch gleich wieder ein erotisches Hörspiel anmache. Nicht weil mich jemand dazu zwingt. Weil ich es kann. Weil ich mich sicher fühle.
Heute Morgen zuerst der Lärm. Kein richtiger Lärm. Stimmen. Klacken. Silke war früh draußen, Jungs mit Leitern und Kabeln für die Gartenparty. Der Himmel dicht, Dämmerung in den Linden. Von innen kaum Umrisse. Gut. Bei dem Licht kann auch keiner reingucken. Das war die Hauptsache. Ich habe die Matte ausgerollt. Yoga nackt, Haut auf dem Boden, der Körper noch warm vom Schlaf. Die Sonne fehlte. Silke hatte den Tipp mit der Infrarotlampe gegeben. Hell und warm. Ich friere darunter nicht. Ich beuge, öffne, strecke, und der Zug an den Nippeln ist nur ein kurzes Wachwerden, kein Alarm.
Danach der String, Kaffee, Headset. Ein Glück, dass ich nur Telefonsupport mache, kein Video. Das wäre peinlich, so nackt am Schreibtisch. Ich habe gelacht und war dankbar, dass ich mich für den Job nicht schminken und anziehen muss. Niemand muss sehen, wie ich arbeite. Das ist ein Stück Würde, das ich mir mitgebracht habe.
Immer wieder das Handy. Es hat zwischen den Beinen gekribbelt, bevor ich überhaupt Play gedrückt habe. Ich habe den zweiten Teil der Trainer-Geschichte gefunden und sofort Peter gesehen. Den ruhigen Vermieter. Die roten Ohren an der Tür. Den Blick, der zu lange auf dem Stoff gehaftet hat. Nicht den Ex. Nicht die Kumpels. Ihn. Jemand, der rot wird und geht, statt zu filmen.
Gegen Abend habe ich wieder rausgeschaut. Ein großer Bildschirm, der in Richtung Haus zeigt, von mir aus nur Rückseite und Kabel und Reihen. Fünfundzwanzig Plätze. Lautsprecher. Es war mir egal. Ich hatte das Hörspiel. Ich hatte die Kopfhörer. Vielen Dank, liebe Silke. Die beste Freundin ever. Sie denkt an Lärm. Sie denkt an mich. Hier sind alle so nett. Eine Gartenparty, Bier, Verein. Das ist Nachbarschaft. Das ist nicht die Küche meines Ex, in der plötzlich Stimmen waren, die nicht zu uns gehörten.
Gegen neun wurde es dunkel und laut. Ich habe innerlich noch einmal danke gesagt. Für die Ohren. Für das Abo. Für diese Jungs, die Silke angeblich weichkochen wollten mit einem teuren Paket und es nie erfahren würden. Ich habe die Schublade aufgemacht. Was ich einmal für einen anderen Mann gekauft hatte, lag noch da: Strapshalter, Strümpfe, ein BH, der mehr zeigt als hält, Stiefel. Kein Slip. Das Heft verlangte keinen. Ich bin ins Wohnzimmer, auf die Couch, unter die Lampe. Kopfhörer auf. Play.
Die Geschichte hat mich geführt. Nicht grob wie er. Bestimmt. Ich habe nicht an die Kumpels gedacht. Ich habe nicht an die Maske gedacht. Ich habe an einen Ex-Mann gedacht, der sich räuspert und trotzdem bleibt.
Bei eins auf alle Viere. Po hoch. Finger von hinten. Zwei. Tief. Nass bis zu den Knöcheln. Der Trainer war Peter, der Stoß kam aus meiner Hand und fühlte sich trotzdem an wie ein Befehl. Countdowns. Seitenlage. Beine über die Lehne. Nicht kommen. Ich habe nicht gehalten. Der Körper hat entschieden, so wie damals, nur dass diesmal niemand sonst im Raum stand. Nur ich. Nur die Stimme. Nur das gedämpfte Grölen unten, das ich für Bier und Rückkopplung gehalten habe. Genau deshalb die Kopfhörer.
Ich bin mehrmals gekommen. Offen. Durchgeschüttelt. Einmal habe ich Peter gegen das Kissen gesagt, klein, und mich danach nicht geschämt. Das ist neu. Früher war ein Name eine Falle. Heute ist er eine Vorstellung, die mir gehört. Die Stimme hat beschrieben, wie er sich über mich legt, eintaucht, mich vollpumpt, bis es wieder rausläuft. Ich habe drei Finger genommen, später fast vier, und bin mitgekommen, als wäre da wirklich Gewicht auf mir. Danach die Decke. Licht aus. Stiefel noch an. Im Hinterkopf nur der Satz, dass Positionsangaben und Kleidung auch bei Erotikgeschichten Sinn ergeben. Immersion. Nicht Ausstellung.
Ganz am Rand des Einschlafens noch einmal Grölen. Ich habe gedacht, die Party läuft. Ich habe gedacht, der Trainer sah diesmal aus wie Peter. Ich habe nicht gedacht: schon wieder Maske. Schon wieder andere Männer. Schon wieder Bilder. Das gehört zur alten Stadt. Das gehört zu ihm und seinen Kumpels und zu dem Mädchen, das in der Erregung ja gesagt hat und am nächsten Morgen die Gesichter nicht mehr ertragen konnte.
Hier ist ein sicheres Haus. Hier ist Silke. Hier sind Nachbarn, die im Garten feiern, statt mich durchzuschieben. Hier passiert mir das nicht mehr. Deshalb konnte ich mich anziehen wie für eine Geschichte und mich trotzdem halten, als gehörte der Körper mir. Deshalb konnte ich laut werden und danach schlafen. Nicht weil ich naiv bin. Weil ich neu anfangen will. Weil Stärke für mich heute nicht heißt, dass ich kalt bleibe. Sondern dass ich Lust haben darf, ohne dass jemand sie gegen mich verteilt.
Wenn ich morgen aufwache, ziehe ich den String an, setze das Headset auf und arbeite. Niemand sieht das. Die Folie hält. Die Party geht vorbei. Peter bleibt der Mann an der Tür, der rot geworden ist und nichts genommen hat. Und ich bleibe die Frau, die gegangen ist.
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