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Chapter 2 by gruetze

Der Moment, in dem ich vor der Wohnungstür stehe und zögere, fühlt sich an, als würde ich auf einen Sprungturm zulaufen. Meine Hand zittert über dem Türgriff. "Was, wenn mich jemand erkennt?", raunt es in meinem Kopf. Aber wer sollte mich schon in dieser Gestalt vermuten? Ich atme tief durch, drücke die Klinke runter – und die kalte Morgenluft schlägt mir ins Gesicht.
Ich gehe die ersten Schritte. So weit so gut. Aber ich habe das Gefühl von allen angestarrt zu werden. Ich gehe schneller, was mir in den Schuhen schwer fällt. Die Turnschuhe schlappen mit jedem Schritt, als würde ich in Papiertüten laufen. Meine Zehen krallen sich instinktiv zusammen um den Halt nicht zu verlieren, während ich mich an den Hauswänden entlangschlängle um so wenig wie möglich aufzufallen. Weiter habe ich das Gefühl von allen angeschaut zu werden. Vor allem den Männern. Erkennen sie meine Klamotten wieder?
Die ersten hundert Meter fühlen sich an wie ein Spießrutenlauf. Jeder Blick, der mir folgt, brennt auf meiner Haut, obwohl die meisten Passanten wohl nur kurz aufschauen und gleich wieder ihren Weg gehen. Meine neuen Bewegungen sind noch unsicher, die Hüften schwingen unkontrolliert mit jedem Schritt, als wäre mein Körper eine Marionette, deren Fäden ich noch nicht richtig ziehen kann.
Irgendwie schaffe ich es zu dem Schuhladen. Meine zu großen Turnschuhe klappern auf dem Linoleumboden, während ich mich an den langen Gängen entlangtaste. Zum Glück ist wenig los – nur eine ältere Dame am anderen Ende des Ladens und ein Angestellter, der gelangweilt Regale einräumt. Die Luft riecht nach Leder und Desinfektionsmittel.
Ich starre auf die Wand mit Damenschuhen, überwältigt von den Optionen. Sneaker, Pumps, Sandalen – und ich habe keine Ahnung, welche Größe ich jetzt brauche. Fuck. Nervös greife ich nach einem schlichten schwarzen Sneaker mit weißer Sohle, Größe 39. Viel zu groß. Ich gehe zwei Gänge weiter. Größe 36 – immer noch etwas zu lang. Bei 35 passt die Länge, aber mein neuer, schmalerer Fuß rutscht seitlich raus. "Verdammt", flüstere ich und versuche es mit einem Modell mit Schnürung.
"Kann ich Ihnen helfen?" Die Stimme kommt von hinten und lässt mich zusammenzucken. Eine Verkäuferin – Mitte 20, mit freundlichen Augen und einem Namensschild "Clara" – mustert mich nicht unhöflich, aber doch neugierig. Mein Herz hämmert. Sie sieht doch sicher, dass ich keine Ahnung habe, oder?
"Ähm, ja, danke", stammele ich und versuche, meine Stimme nicht allzu hoch klingen zu lassen. Clara steht da, die Hände in die Hüften gestemmt, und wartet auf meine Erklärung. Ihr Blick wandert zu meinen klobigen Turnschuhen, die wie zwei schwarze Kähne unter dem viel zu großen T-Shirt hervorragen.
"Die sind von…. Meinem Freund", stottere ich heraus und spüre sofort, wie dumm das klingt. "Ich musste schnell raus, und seine waren die einzigen, die greifbar waren." Clara zieht eine Augenbraue hoch, aber ihr Lächeln bleibt freundlich. Ich spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht schießt – ein neues, ungewohntes Gefühl, das sich über meine Wangen ausbreitet.
"Na, was suchst du denn? Sneaker oder doch eher was Höheres?" Clara lässt sieht mich erwartungsvoll an, während ich wie ein Reh im Scheinwerferlicht stehe. Die Frage hatte ich mir nicht gestellt. Bis eben war Schuhe-anziehen das einzige Ziel gewesen. Jetzt stehe ich hier und muss entscheiden, was für eine Art von Frau ich sein will – und mir wird klar, dass ich keine Ahnung habe.
"Etwas, was zu einem Kleid passt?", stammle ich und zupfe nervös am Saum des viel zu großen T-Shirts. Clara mustert mein Outfit einen Moment lang – das zerknitterte Grau-T-Shirt, das mir bis zu den Oberschenkeln hängt, die notdürftig zugeschnürte Jogginghose, die klobigen Turnschuhe – und dann bricht sie in ein kurzes, nicht unfreundliches Lachen aus. "Okay, wir fangen lieber ganz von vorne an", sagt sie und verschwindet, bevor ich protestieren kann.
Zwei Minuten später kommt sie mit einer kleinen Auswahl zurück: Ein paar schlichte Ballerinas in Schwarz, elegante Sneaker mit dünner Sohle und – mein Herz macht einen Satz – ein Paar kurze Stiefeletten mit leichtem Absatz. "Größe 36 sollte passen", sagt sie und hält mir die Ballerinas hin. "Probieren die mal."
Ich probiere mich durch die Auswahl die sie mitgebracht hat, erstaunlicher weise passen fast alle. Clara scheint zu wissen was sie tut.
Dann schiebt sie mir den letzten Karton zu. Darin liegen zwei schwarze Highheels. "Die sind noch ganz neu und ich liebe sie. Aber wahrscheinlich nicht was du suchst" sagt Clara.
Mein Herz schlägt etwas schneller, als ich die Highheels anziehe. Die kühle Lederoberfläche streift über meine nackten Füße – keine Socken, nur Haut auf Leder. Die Fersen rutschen hinein, als würde der Schuh sie einsaugen. Ich spanne die Zehen, spüre die ungewohnte Enge, den Druck auf dem Fußgewölbe. "Verdammt, das fühlt sich...", murmele ich und stehe dann langsam auf. Die Welt kippt leicht. Mein Gleichgewichtssinn rebelliert gegen diese neue Perspektive – knapp zehn Zentimeter höher als gewohnt.
Im Spiegel sehe ich eine Fremde. Die Highheels verändern alles – meine Haltung, meine Silhouette. Meine Beine wirken länger. Ich mache einen unsicheren Schritt, greife nach dem Spiegelrahmen, als das linke Knie einknickt. Clara lacht, aber nicht böse. "Lange keine hohen Schuhe getragen?" Ihre Augen blitzen. Ich nicke stumm, während mein Blick wieder im Spiegel verschwindet.
Es ist ungewohnt, aber ich fühle mich irgendwie sexy. Mein Po fühlt sich runder und meine Waden gespannt an. Wie gerne würde ich mich jetzt von hinten sehen.
"Die nehme ich", sage ich mit einer Entschlossenheit, die mich selbst überrascht. Die Highheels fühlen sich absurd an unter der viel zu weiten Jogginghose, die ich notdürftig mit dem Schnürbund zusammengehalten habe. Ein groteskes Bild – oben der übergroße Grau-Sweater, der mir bis zu den Oberschenkeln hängt, die schlabbrige Hose, die ständig rutscht, und dann diese eleganten schwarzen Highheels mit ihren schlanken Absätzen. Clara beißt sich auf die Unterlippe, als würde sie einen Lachanfall unterdrücken wollen. "Interessante... Kombination", sagt sie diplomatisch.

Ich zahle mit zitternden Fingern – meine Kreditkarte fühlt sich plötzlich fremd in meiner schmaleren Hand und der Name drauf passt natürlich auch nicht zu meinem Aussehen.

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