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Sandras Wohnung

Sandras Wohnung lag im dritten Stock eines älteren Mehrfamilienhauses. Sie schloss auf und bat mich herein.

Im Café hatte Sandra beinahe schüchtern gewirkt. Jetzt bewegte sie sich mit einer Selbstsicherheit, die ich nicht erwartet hatte.

„Setz dich doch aufs Sofa. Ich hole uns etwas zu trinken.“

Ich entspannte mich. Meine Befürchtung war, dass ich Sandra behutsam aus ihrem Schneckenhaus locken müsste. Aber hier schien sie sich vollkommen sicher zu fühlen. Das würde meine Aufgabe deutlich erleichtern.

Als sie zurückkam, setzte sich neben mich, so nah, dass sich unsere Arme beinahe berührten.

„Schön, dass du mitgekommen bist“, sagte sie.

„Du hast mich eingeladen.“

Sandra drehte ihr Glas zwischen den Fingern.

„Nicht viele Menschen gehen einfach so mit zu jemandem, den man gerade erst kennengelernt hat.“

Ihre Stimme hatte sich verändert. Im Café hatte sie leise gesprochen. Jetzt klang sie ruhig und bestimmt.

Ich lachte. „Du wirst mir schon nichts Schlimmes antun.“

Sie sah mich konzentriert an, als würde sie versuchen, in mich hineinzusehen.

Ich kannte diesen Blick. Ich hatte ihn schon oft bei Menschen gesehen, die ein Geheimnis hatten und sich fragten, ob sie es ihrem Gegenüber anvertrauen konnten.

Wieder beschleunigte sich mein Puls.

Wäre es tatsächlich so einfach? Würde sie sich mir öffnen und die Information preisgeben, die wir brauchten, um unseren Verdächtigen dingfest zu machen?

Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Du beobachtest mich“, stellte sie fest.

Ich musste unwillkürlich lachen. „Erwischt.“

Sandra stellte ihr Glas ab.

„Entspann dich, Jennifer. Vergiss deine Arbeit. Lass den stressigen Tag hinter dir. Sei einfach du selbst.“

Ich hatte mich darauf eingestellt, langsam Nähe und Vertrauen zu ihr aufbauen zu müssen. Dass sie so forsch die Führung übernahm, überraschte mich.

Ich lehnte mich zurück. „Du klingst, als wüsstest du genau, was du willst.“

„Vielleicht“, meinte sie geheimnisvoll.

Wieder lächelte sie und rückte ein wenig näher.

Ich bemerkte es sofort. Ich hatte trainiert, kleinste Veränderungen in der Körpersprache anderer Menschen wahrzunehmen. Dinge, die anderen entgingen, konnten für mich entscheidend sein.

Nur wusste ich diesmal nicht, wie ich meine Beobachtung einordnen sollte.

Sandra legte ihre Hand aufs Sofa. Ihre Finger berührten meine.

„Darf ich dich etwas fragen?“

„Natürlich.“

„Hast du schon einmal eine Frau geküsst?“

Ich blinzelte.

„Wie meinst du das?“

„Richtig geküsst. Um ihr zu zeigen, was du für sie empfindest.“

Ich spürte, wie mir Wärme ins Gesicht stieg.

Ich wollte etwas Schlagfertiges erwidern, aber mir fiel nichts ein. Das war ungewöhnlich. Normalerweise hatte ich keine Schwierigkeiten, ein Gespräch in die gewünschte Richtung zu lenken. Ich konnte charmant sein, wenn es nötig war, und bestimmt, wenn es darauf ankam.

Bei Sandra schien diese Fähigkeit plötzlich nicht mehr zu funktionieren.

Wenn ich sie zurückwies, würde dieses dünne Band, das zwischen uns geknüpft war, womöglich zerreißen. Und mit ihm die einzige Möglichkeit verschwinden, an die Informationen zu kommen, die ich mehr als alles andere haben wollte.

„Nein“, gab ich vorsichtig zu. „Aber manchmal würde ich es gerne ausprobieren.“

Sie hielt meinen Blick fest.

„Das verstehe ich“, sagte sie.

Sandra musterte mich noch einen Augenblick. Dann hob sie eine Hand und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Die Berührung kam so unerwartet, dass ich unwillkürlich zusammenzuckte.

Ihre Finger verweilten kurz an meiner Wange.

„Du bist hübsch“, sagte sie.

Ich lächelte verlegen. „Danke.“

Natürlich wusste ich, dass ich attraktiv war. Ich hatte oft genug die Blicke meiner Kollegen bemerkt, und auch außerhalb der Polizei war ich selten unsichtbar. Aber darüber sprach ich nicht besonders gern. Mein Privatleben war – kompliziert.

Sandra schien meine Verlegenheit zu genießen.

„Du wirst ja rot.“

„Unsinn.“

Sie grinste.

Ab diesem Moment hatte ich das Gefühl, die Kontrolle verloren zu haben.

„Jennifer?“

„Ja?“

„Ich würde dich gern küssen.“

Ich starrte sie an. Nicht, weil ich ihre Worte nicht verstanden hätte, sondern weil sie von einer möglichen Zeugin kamen. Ich hatte gehofft, sie zum Reden zu bringen. Mit einem Kuss von ihr hatte ich nicht gerechnet.

„Oh“, war alles, was ich hervorbrachte.

Sandra bedrängt mich nicht. Sie wartete ab.

Ich wusste, ich sollte Nein sagen.

Nur war da plötzlich etwas anderes. Eine unerwartete Neugier.

Und Unsicherheit.

Was war nur mit mir los?

Ich war einunddreißig Jahre alt. Ich war Polizistin. Ich konnte mit gefährlichen Situationen umgehen, schwierige Menschen einschätzen und Entscheidungen treffen, wenn andere längst die Nerven verloren. Jetzt saß ich hier und wusste nicht, was ich sagen sollte.

„Du bringst mich ganz schön durcheinander“, sprach ich aus, was mir im Kopf herumging.

Ihr Lächeln kehrte zurück.

Ich sah sie an. Ihre braunen Augen wirkten im warmen Licht beinahe golden. Sie war mir nahe genug, dass ich ihr Parfüm wahrnehmen konnte, einen dezenten, blumigen Duft.

Dann nickte ich.

„Ja.“

Sie beugte sich langsam zu mir. Ihre Lippen berührten meine.

Es war ein vorsichtiger Kuss, kaum mehr als eine zärtliche Frage. Ich erwiderte ihn zunächst unsicher, dann etwas selbstverständlicher. Ihre Hand legte sich an meine Wange.

Je länger sich der Kuss hinzog, desto intensiver wurde er. Sandras Finger schoben sich in meine Haare, hielten mich fest. Ihr Griff war beinahe schmerzhaft.

Als wir uns trennten, blieb ich atemlos zurück.

„Bleib noch ein bisschen bei mir“, sagte sie.

Eigentlich sollte ich aufstehen und gehen. Zumindest müsste ich mich als Polizistin zu erkennen geben.

Aber ich blieb einfach still sitzen.

Mir war bewusst, dass ich meine Arbeit damit komplizierter machte, als ich es mir je hätte vorstellen können.

Sandra legte ihre Hand auf meine.

Es war seltsam. Ich hatte geglaubt, ich müsste diejenige sein, die das Gespräch lenkte und ihr zeigen, was sie tun sollte.

Doch nun war ich es, die sich von ihr leiten ließ.

Als Sandra den Kopf hob und mich erneut küsste, schloss ich die Augen.

Ich wusste nicht, wohin das führen würde.

Dann spürte ich ihre Hand an meiner Brust.

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