Welche Idee habe ich ?
Eine fast zufällige Begegnung
Ich hatte sie vier Wochen lang beobachtet, bevor ich Kontakt aufnahm.
Nicht, dass ich ihr gefolgt wäre, um sie zu überwachen. Ich wollte herausfinden, welche Gewohnheiten sie hatte, wo sie sich wohlfühlte und ob es eine Möglichkeit gab, mit ihr ins Gespräch zu kommen, ohne sie ins Kommissariat vorzuladen.
Die Akte hatte mir einen Namen gegeben: Sandra Ponti. Ein Alter, eine Adresse, ein paar dürre Angaben über ihre frühere Tätigkeit in einem Etablissement, das nach unseren Erkenntnissen dem Mann gehörte, den wir seit Monaten erfolglos im Visier hatten. Dazu eine Reihe von Vermerken, aus denen hervorging, dass sie mehrfach als mögliche Zeugin in Betracht gezogen worden war, sich aber immer geweigert hatte, eine Aussage zu machen.
Angst.
In der Akte stand, dass sie jedes Gespräch abbrach und behauptete, sich an nichts erinnern zu können, sobald sie verstand, gegen wen wir ermittelten.
Sie hatte offensichtlich Angst.
Dies ließ für mich nur einen Schluss zu: Sie wusste etwas, das unserem Mann gefährlich werden konnte, wenn die Polizei davon erfuhr.
Inzwischen wusste ich auch etwas Neues über sie: dass sie Espresso Macchiato mochte.
Ich betrat ihr Lieblingscafé.
Sandra saß in der Ecke am Fenster, den Rücken zur Wand. Mit meinem taktisch geschulten Blick erkannte ich sofort, dass sie den einen Platz ausgewählt hatte, von dem aus sie alles im Blick hatte.
Ihre Augen verrieten sie.
Immer wenn jemand hereinkam, hob sie kurz den Kopf, musterte die Person und wandte sich erst dann wieder ihrer Tasse zu.
Ich ließ ihr ein paar Minuten, bestellte an der Theke, bevor ich mit meiner Tasse in der Hand an ihren Tisch trat.
„Entschuldigung, ist hier noch frei?“
Sandra blickte auf. Für einen Moment sah sie aus, als wolle sie flüchten.
„Bitte?“
Ich deutete auf den freien Stuhl ihr gegenüber.
„Darf ich mich setzen? Die anderen Tische sind alle besetzt.“
Das stimmte zwar nicht ganz. Aber ich wollte wie eine Frau wirken, die eine Ausrede nutzte, um eine Gelegenheit zum Plaudern zu haben.
Sandra sah mich an. Ich konnte spüren, wie sie mich taxierte. Dann lächelte sie.
„Natürlich.“
„Danke. Sehr nett von Ihnen.“
Ich setzte mich.
„Ganz schön voll heute“, sagte ich, um einen Einstieg zu finden.
„Ja.“
Sie blickte aus dem Fenster.
Na ja. Ein Gespräch war das noch nicht. Aber ich hatte auch nicht erwartet, dass sie mir sofort ihre Lebensgeschichte erzählte.
Ich rührte in meinem Kaffee, obwohl ich keinen Zucker hineingetan hatte.
„Ich komme sonst selten um diese Uhrzeit hierher. Heute musste ich einfach mal raus und andere Leute sehen. Im Büro war die Hölle los. Anscheinend sind alle verrückt geworden.“
Das war nicht einmal gelogen. Mein Beruf konnte tatsächlich wahnsinnig machen. Nur der Grund, weshalb ich heute hier ihr gegenüber saß, war ein anderer.
Sandra sah mich wieder an.
„Was arbeiten Sie denn?“
Die Frage kam überraschend. Vielleicht wollte sie ein unverfängliches Thema anschlagen, um nichts über sich preisgeben zu müssen.
„Büro“, sagte ich. „Papierkram. Ständig Leute, die etwas von einem wollen. Sie kennen das wahrscheinlich.“
„Nein, nicht wirklich“, sagte sie leise.
Ihre Mundwinkel bewegten sich ein wenig nach unten.
Ich hätte jetzt nachfragen können, was sie bedrückte. Ob sie Probleme hatte. Ob sie jemanden bräuchte, mit dem sie reden konnte.
Aber ich ließ es bleiben. Wenn sie tatsächlich so verängstigt war, wie die Akte vermuten ließ, dann war das Letzte, was sie brauchte, eine Fremde, die sie mit Fragen löcherte.
Stattdessen erzählte ich erfundene Geschichten aus einem fiktiven Büro, wie jemand, der seinen Kropf leeren muss.
Nach einer besonders albernen Geschichte huschte tatsächlich ein Lächeln über Sandras Gesicht.
Ich war erleichtert. Anscheinend war es mir gelungen, eine erste, zarte Verbindung mit ihr zu schaffen.
„Entschuldigung“, sagte ich. „Ich rede zu viel.“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen.“ Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Ich bin in letzter Zeit nur nicht besonders gesellig.“
„Dann ist es vielleicht ganz gut, wenn man sich mal mit jemandem unterhält, der einen nicht kennt.“
Kurz blitzte etwas in ihren Augen auf, das ich nicht zu deuten wusste.
Für einen Moment fragte ich mich, ob ich zu weit gegangen war. Mein Herz klopfte erschreckend laut.
Doch dann nickte sie langsam.
„Ja“, sagte sie. „Vielleicht. Aber nicht hier.“
Ich runzelte die Stirn und sah sie fragend an. Wartete ab. Dabei bemerkte ich, wie sie mich aufmerksam betrachtete, als wolle sie in mich hineinschauen.
Schließlich brach sie das Schweigen.
„Ich bin Sandra.“
„Jennifer“, antwortete ich. „Freut mich.“
Sie nagte an ihrer Unterlippe, bevor sie aussprach, was sie bewegte.
„Würdest du mit zu mir nach Hause kommen, Jennifer?“
Ich zog eine Augenbraue hoch.
„Ich weiß, normalerweise lädt man niemanden, den man eben erst kennengelernt hat, in seine Wohnung ein. Aber ich habe irgendwie das Gefühl, ich könnte dir vertrauen. Und ich würde mich gerne intensiver mit dir – unterhalten.“
Zwar bemerkte ich die kurze Pause vor dem letzten Wort, maß ihr aber in diesem Moment keine Bedeutung zu. Stattdessen war ich einfach nur froh, dass mir die Kontaktaufnahme so schnell gelungen war.
„Gar kein Problem. Ich komme gerne mit“, nahm ich ihr Angebot an. „Wir sind ja nur zwei Frauen, die in Ruhe miteinander reden möchten. Was soll da schon passieren?“
Wir standen auf und ich folgte ihr.
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