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Sandras Tagebuch – Erster Eintrag

Chapter 2 by Peter_ENF

Sandra öffnet ihr Handy und legt eine Textdatei an. Keine Tagebuch-App. Das wäre viel zu unsicher. Einfach eine Datei, die in ihrer Cloud liegt und in der sie vom Handy, vom PC und unterwegs schreiben kann.

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Ich sitze auf dem Karton im Schlafzimmer und weiß nicht, ob ich das hier wirklich aufschreiben soll. Aber wenn ich es nicht tue, bleibt alles nur in meinem Kopf. Also schreibe ich. Für mich. Für die neue Sandra, die ich sein will.

Ich bin umgezogen, weil ich nicht mehr in der alten Wohnung bleiben konnte. Nicht wegen des Schimmels. Wegen ihm. Er war ein Arsch. Er hat sich nie für meine Lust interessiert. Manchmal hat er mich einfach genommen. Mich hingelegt oder über die Kante gezogen, den Schwanz in meine Möse geschoben und gespritzt, bevor ich überhaupt warm war. Ich lag dann da, oft noch halb angezogen, die Beine ein bisschen offen, und habe nur das Warme in mir gespürt und dieses dumpfe, unbefriedigte Ziehen. Danach hat er schon wieder aufs Handy geschaut. Ich habe nichts gesagt. Ich habe mich sogar geschämt, dass ich überhaupt etwas hätte sagen wollen.

Manchmal denke ich immer noch diesen Satz, den ich an mir hasse: Vielleicht muss man sich darüber freuen, überhaupt einen Schwanz in die Möse zu bekommen und nicht einfach nur in den Arsch. Als wäre Dankbarkeit das Einzige, was mir zusteht. Als wäre ich undankbar, wenn ich merke, dass ich leer bleibe.

Hier sollte etwas anderes anfangen. Eine neue Sandra, die sich nicht ausnutzen lässt. Dafür war es hier genau richtig. Eine eigene Wohnung, die nicht nach ihm riecht. Spandau statt Köpenick. Neue Luft. Neue Nachbarn.

Heute Nachmittag war es heiß. Unten im Garten stand eine Frau mit der Gießkanne bei den Geranien. Dann hat sie geklopft.

Silke. Von nebenan. Mit einem Glas Johannisbeergelee und einem Lächeln, das mich erst verlegen gemacht hat, weil ich so lange keine freundliche Person mehr in der Tür gehabt habe. „Willkommen in Spandau“, hat sie gesagt. Ich stand noch da die Wangen von der arbeit.

Sie war die erste, die hier wirklich nett zu mir war. Nicht so, wie er nett war, wenn er etwas wollte. Einfach nett. Sie hat gefragt was ich so tue und wir haben geredet.

Aber ich bin schüchtern. Wenn jemand fest zupackt, wird in mir etwas still. Nicht schön still. Ergeben. Als müsste ich erst beweisen, dass ich keine Umstände mache, bevor ich überhaupt Platz haben darf. Bei ihm war das so.

Silke war heute die erste freundliche Person. Das will ich behalten. Ich will nicht gleich wieder überall Absicht sehen, nur weil ich selbst so lange ausgenutzt wurde. Ich will lernen, dass Nettigkeit nicht automatisch heißt, dass man mich gleich nehmen darf.

Heute fängt etwas anderes an.

Auch wenn meine Stimme dabei noch leise ist und ich nach einem Glas Gelee schon wieder dankbar bin, als hätte ich etwas geschenkt bekommen, das mir nicht zusteht.

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