What's next?
Samiras neues Leben beginnt
Samira war nach dem Gespräch mit ihrer Mutter völlig zusammengebrochen. Heute Morgen hatten ihre Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten, einfach alle, sowohl hier als auch in Syrien, dieses verdammte Video erhalten. Das Familienoberhaupt hatte beschlossen, sie aus dem Familienverband zu verstoßen. Samira wusste, dass ihre Familie hier Milde walten ließ. Sie kannte andere Familien, die eine Tochter nach solch einem Vergehen nach Hause gelockt hätten und …
Bei dem Gedanken an ihre Brüder lief ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Sie durfte ihnen auf keinen Fall über den Weg laufen. Samira wusste, dass in solchen Fällen nicht lange diskutiert wurde. Sie würden ebenso wenig wie ihre Mutter hören wollen, dass sie nichts dafür konnte, dass irgendjemand dieses Video gefälscht hatte. Sie würden ihr Gewalt antun, um die Familienehre zu retten.
Samira war in ein bodenloses Loch gefallen. Was war sie ohne ihre Familie? Wer würde sie beschützen? Mit solch einem Makel behaftet würde sie niemals einen Mann finden. Trotz ihrer hoffnungslosen Situation beruhigte sie sich langsam und die Worte des Direktors begannen zu ihr durchzudringen.
„Dir muss klar sein, dass du die Schule verlassen wirst müssen. Deine Mitschüler werden wenig Verständnis für deinen Webauftritt haben.“
Die Schule war gerade ihr geringstes Problem.
Samira nickte. Sie wollte auf keinen Fall zurück in ihre Klasse.
„Ich mache dir einen Vorschlag. Du kannst vorübergehend bei uns wohnen. Meine Frau wäre damit einverstanden.“
Samira hatte keine Wahl, wenn sie nicht auf der Straße oder mit durchgeschnittener Kehle enden wollte.
„Das wäre wirklich sehr nett von ihnen.“
„Es wäre nur vorübergehend. Wir werden versuchen, für dich eine Schule und Arbeit in einer anderen Stadt zu finden.“
Wovon redete er bloß? Selbst ihr war klar, wie das Internet funktionierte. Dieses Video würde nicht mehr verschwinden, es würde sie wahrscheinlich sogar überleben. Sie verdrängte diese Gedanken. Zunächst brauchte sie ein Dach über dem Kopf.
„Gut. Dann machen wir das so. Meine Frau wartet vor der Schule auf sie. Wenn sie sich beeilen, sind sie vor der nächsten Pause aus dem Gebäude.“
Samira sprang auf und eilte aus dem Büro. Bei aller Eile musste sie auch noch auf die Toilette.
Sie betrat die glücklicherweise leere Örtlichkeit und suchte die am wenigsten unhygienische Kabine. Kaum hatte sie sich über die klebrige Brille gehockt, ohne diese zu berühren, hörte sie, wie die Türe zur Damentoilette geöffnet wurde.
„Hast du das Video von dieser Schlampe gesehen?“
„Echt arg. Stell dir vor, das wäre deine Schwester!“
„Meine Brüder würden kurzen Prozess machen mit so einer!“
„So eine Schande!“
Die beiden sprachen Arabisch miteinander. Es handelte sich also um Schülerinnen. Obwohl sie genau wusste, dass ihre Kameradinnen sie nicht sehen konnten, fühlte sich Samira ausgesetzt. Sie wollte nicht entdeckt werden und hielt ihren Urin zurück. Inzwischen hatten sich die beiden Tratschtanten hörbar neben ihr erleichtert und verließen ihre Kabinen. Dann wuschen sie sich die Hände. Endlich wurde die Tür geöffnet und fiel wieder ins Schloss.
Samira konnte es endlich laufen lassen. Ihre Oberschenkel begannen bereits zu krampfen. Sie mochte das Gefühl, wenn sich ihre Blase entleerte, und hatte deshalb oft ein schlechtes Gewissen. Sie tupfte sich mit etwas Toilettenpapier sorgfältig ab und wollte gerade die Kabine verlassen, als schon wieder jemand hereinkam.
‚Kein Geplapper, also offensichtlich eine Einzelperson,‘ dachte Samira.
Sie hörte die Tür der Nachbarkabine, dann setzte sich jemand mit Schwung aufs Klo.
‚Die hat offenbar weniger Skrupel als ich, sich auf ein schmutziges Klo zu setzen.‘
Samira wunderte sich über die banalen Gedanken, die ihr in ihrer Zwangslage durch den Kopf gingen.
Das Stöhnen aus der Nachbarkabine hatte sie zunächst auf eine besonders anstrengende Sitzung zurückgeführt. Doch dann kamen andere Geräusche hinzu. Es klang fast so, als würde neben ihr jemand in einer Pfütze pritscheln.
Das Stöhnen musste erst noch lauter werden, bis Samira dämmerte, was da neben ihr abging.
Sie wusste zwar, was Masturbieren war, hatte sich aber nie selbstbefriedigt. Sie hatte eine ihrer Schwestern im Verdacht, war diesem aber nie nachgegangen. Sie schlief mit ihren zwei Schwestern in einem Zimmer, da hatte sie die seltsamen Geräusche aus dem Nebenbett nicht überhören können. Sie war neugierig, hatte aber viel zu viel Angst vor den Strafen, die ihrer Schwester blühten, wenn das jemals rauskäme.
Eine ihrer Cousinen hatte einen Ägypter geheiratet. Sie hatte erzählt, dass sämtliche Frauen im Haushalt ihres Mannes beschnitten seien. Ihre Eltern waren entsetzt gewesen. Für sie widersprachen solche barbarischen Bräuche dem rechten Glauben. Samira und ihre Schwestern hatten die Cousine ausgefragt und hatten zusätzliche Details dieser grausamen Verstümmelung erfahren. Bei aller Abscheu, die sie empfanden, hatten die Mädchen doch gemeint, solch ein drastischer Eingriff würde es doch viel leichter machen, gottgefällig und rein zu bleiben. Samira war zornig geworden und hatte sie gefragt, wie sie denn ihrem zukünftigen Mann gute Frauen sein wollten, wenn sie selbst keine Lust mehr empfänden. Anders als sie das von christlichen Freundinnen gehört hatte, waren Lust und die Befriedigung derselben im Islam ebenso wichtig wie die Produktion von Nachwuchs.
Was mochten ihre Schwestern jetzt von ihr denken? Sie, die immer die Frömmste gewesen war, die den Rest der Familie stets an die Gesetze der Religion erinnert hatte, hatte jetzt solche Schande über die Ihren gebracht. Ob ihre Schwestern noch einen Mann fänden?
Mit Tränen in den Augen trat sie aus der Kabine und stellte sich ans Waschbecken. Aus dem Spiegel blickte ihr immer noch das hübsche Gesicht mit den mandelförmigen fast schwarzen Augen, der zierlichen Nase und den feinen Lippen entgegen. Sie war natürlich ungeschminkt. Das Haar hatte sie unter einem Kopftuch verborgen. Das bunte Ornament des Tuches war Samiras Versuch, ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Ihre Mutter hatte ihr das Tuch durchgehen lassen, war bei ihrem sackförmigen braunen Kleid aber konsequent geblieben.
Das Mädchen im Spiegel war gestern noch eine selbstbewusste Frau gewesen, die wusste, wo sie hingehörte und stolz darauf war. Das verheulte Gesicht von heute erzählte eine gänzlich andere Geschichte. Sie hatte niemanden mehr. War eine Ausgestoßene.
Ein Zischlaut riss sie aus ihren Gedanken und ließ sie herumfahren.
Sie wusste nicht, was mehr schmerzte, die Spucke, die ihr über die Wangen lief, oder die hassverzerrte Fratze, aus der sie gekommen war. Die Masturbantin wollte ihr eigenes sündiges Tun offenbar mit rechtschaffenem Zorn wiedergutmachen. Das kleine dicke Mädchen blähte ihre vor Eigenliebe noch zart geröteten Wangen bedrohlich auf.
Samira wollte keine Auseinandersetzung und huschte eilig aus der Toilette auf den Gang. Keine Sekunde zu spät, denn schon erklang der Pausenton. Hinter den geschlossenen Türen, die sie passierte, begann es schon zu rumoren, als Stühle und Tische bewegt wurden.
Samira rannte so schnell es ihre umständliche Kleidung erlaubte zum Ausgang und schaffte es weitere unangenehme Begegnungen zu vermeiden. Sie hatte keine Ahnung, wie die Frau des Direktors oder ihr Auto aussah und blickte sich hektisch um.
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