What's next?
KitKat 2
Das Knarren des Leders durchschnitt die dumpfen Bässe, als Mira die letzten Schritte auf mich zutrat. Sie blieb so dicht vor mir stehen, dass die schmalen Spitzen ihrer vertrauten Stiefel nur einen Zentimeter vor meinen Zehen zum Halten kamen. Der herbe Geruch des Glattleders vermischte sich mit der Wärme ihrer Haut und jenem Duft, den ich sonst aus den sterilen Seminarräumen der Charité kannte.
Mein Blick war starr nach unten gerichtet, doch ich sah jede Bewegung: wie sie das Gewicht lässig auf ein Bein verlagerte, wie die Schnallen an ihren Fesseln im bernsteinfarbenen Licht aufblitzten. Mein Herz raste mit einer Wucht gegen die Rippen, die mir schier die Luft abschnitt.
„Sieh an“, sagte sie leise. Ihre Stimme war vollkommen ruhig, getragen von einem kühlen, beinahe wissenschaftlichen Amüsement. „Herr Kollege.“
Ich brachte keinen Laut heraus. Meine Zunge klebte am Gaumen.
Mira hob langsam die Hand. Ihre Fingerkuppen – dieselben Hände, die sonst anatomische Atlanten umblätterten und Reflexhämmer führten – legten sich an meinen Hals. Sie strich über den Samtstoff des Chokers, tastete die Kanten des Rings darunter ab und wanderte dann ohne jedes Zögern tiefer. Sie glitt über das feine Mesh meiner Brust, hinab zu meiner linken Flanke. Als ihre Fingerspitze die feinen Linien des Fineline-Tattoos (∇ + ♀) auf meinem Beckenknochen berührte, zuckte mein Körper unwillkürlich zusammen.
„Also das war der ‚blockierte Wirbel‘“, murmelte sie, fast beiläufig, während ihr Daumen den Bogen des Venussymbols langsam nachzog. „Und die Schmerzen beim Bücken…“ Ihr Blick glitt weiter hinab, dorthin, wo die stählerne Micro-Hülse bündig und fugenlos aus dem knappen Leder ragte. Sie musterte die matte Frontplatte, den nahtlosen Sitz am Schambein, die absolute Ausweglosigkeit dieser Konstruktion. Ein feines, wissendes Lächeln trat auf ihre Lippen. „Faszinierend. Wirklich faszinierend, John.“
„Gefällt dir, was du siehst?“
Die Stimme kam von der Seite. Loona war herangetreten, in jeder Hand ein schweres Cocktailglas. Ihre grünen Augen funkelten wachsam, kalt und berechnend. Neben ihr stand Nadja, die die Kette an ihrem Handgelenk straffte und Mira mit einem sanften, fast neugierigen Lächeln musterte.
Mira wandte den Kopf nicht erschrocken ab. Sie nahm ihre Hand langsam von meiner Hüfte, trat einen halben Schritt zur Seite und sah Loona direkt in die Augen – ruhig, aufrecht, ohne die geringste Verlegenheit.
„Es erklärt einiges“, erwiderte Mira gelassen. „Ich habe mich die ganze Woche gefragt, warum mein Lernpartner an der Charité herumläuft, als stünde er unter Hochspannung. Jetzt ergibt das Krankheitsbild endlich Sinn.“
{reader:Loonas} Blick verengte sich um Nuancen, dann glitt ein dünnes, amüsiertes Lächeln über ihre Züge. Sie musterte Miras Leder-Top, die kurzen Pants, die Beine in den kniehohen Stiefeln und die absolute Selbstverständlichkeit, mit der sie sich im Club bewegte. Hier stand keine schüchterne Kommilitonin, die versehentlich in ein finsteres Geheimnis gestolpert war.
„Du bist also Mira“, stellte Loona fest und reichte Nadja eines der Gläser. „Er hat von dir erzählt. Die Einser-Studentin aus der zweiten Reihe.“
„Und du musst Loona sein“, konterte Mira ebenbürtig. Ihr Blick glitt über {reader:Loonas} Harness-Top und die Peitschenhaltung ihrer Schultern. „Er hat dich als Mitbewohnerin beschrieben. Sehr… diskret.“
Ein leises Glucksen entwich Nadja. „Diskretion ist eine seiner besseren Eigenschaften. Auch wenn er heute Nacht keine Verwendung mehr dafür hat.“
Ich hielt den Kopf tief gesenkt, starrte auf die Dielen zwischen Miras Stiefeln und spürte, wie die Hitze der Scham mir durch das Gesicht schoss. Die beiden Sphären meines Lebens waren nicht nur kollidiert; sie standen nun nebeneinander, musterten einander und sprachen über mich wie über ein anatomisches Präparat.
Loona trat einen Schritt näher an Mira heran. Ihre Haltung war die einer Frau, die ihr Territorium genau absteckte: aufmerksam, dominant, aber nicht abgeneigt. Sie gab nicht leichtfertig die Zügel aus der Hand – erst recht nicht an jemanden, der von außerhalb ihres Zirkels kam. Doch Mira kannte Johns Geheimnis nun ohnehin, und ihre unaufgeregte, beinahe erfahrene Reaktion im KitKatClub zeigte, dass sie die Regeln dieses Ortes verstand.
„Er ist heute unser Begleiter“, sagte Loona ruhig, während sie an ihrem Glas nippte. „Und da du nun ohnehin weißt, was unter seinem Kittel vorgeht, kannst du dich genauso gut zu uns gesellen. Wir wollten gerade in den Loungebereich hinüber.“
Mira neigte leicht den Kopf. Ein funkelnder, interessierter Ausdruck trat in ihre dunklen Augen. „Sehr gerne. Es wäre doch schade, wenn eine so gründliche Fallstudie unvollendet bliebe.“
„Sehr schön“, sagte Loona. Dann wandte sie sich mir zu. Ihr Tonfall wechselte ansatzlos in jene kühle, unnachgiebige Härte, die jeden Widerspruch im Keim erstickte: „Knie nieder, John.“
Die Knie gaben fast von selbst nach. Das kalte Parkett drückte gegen meine Knochen, als ich mich vor den Frauen auf den Boden senkte. Das Mesh spannte über meinen Schenkeln, die Micro-Hülse stieß hart gegen das Schambein.
Nadja hielt die Kette straff, während Loona einen Schritt vortrat, sodass die Kappe ihres Schnürstiefels direkt vor meinem Gesicht lag.
„Du weißt, was sich gehört, wenn wir Gesellschaft bekommen“, wies Loona mich leise an.
Ich beugte den Oberkörper hinab, presste meine Lippen auf das kühle, glänzende Leder ihres Schuhs, verharrte kurz und wiederholte die Geste stumm an {reader:Nadjas} Absatz. Die Frauen über mir nahmen die Demut mit jener lässigen Selbstverständlichkeit an, die mich jedes Mal tiefer brechen ließ.
Mira stand daneben und beobachtete jeden Zentimeter dieser Unterwerfung. Kein Spott lag in ihrem Gesicht, sondern die dunkle, wachsende Faszination einer Frau, die begriff, welche Macht hier im Raum verteilt war – und dass sie soeben eingeladen worden war, ein Teil davon zu werden.
„Steh auf“, befahl Loona.
Ich richtete mich auf, die Hände sofort wieder hinter dem Rücken verschränkt, die Haltung starr und der Blick gesenkt. Loona nickte Nadja zu, die die Kette kurz anriss, um meinen Schritt anzutreiben.
„Komm mit, Mira“, sagte Loona mit einem fast vertrauten Tonfall. „Wir suchen uns eine ruhigere Ecke. Du musst uns erzählen, wie er sich anstellt, wenn er versucht, vor dir den braven Mediziner zu mimen.“
Mira schloss mit einem leisen Lächeln zu den beiden Frauen auf. Das Knarren ihrer Stiefel begleitete jeden meiner Schritte, als wir tiefer in die pulsierenden Schatten des Clubs eintauchten.
Der Druck von Miras Stiefelspitze gegen die stählerne Micro-Hülse verstärkte sich um eine Nuance. Es war kein grober Tritt, sondern ein berechnender, fast klinischer Drucktest. Der starre Zylinder presste mein Fleisch unnachgiebig gegen das Schambein, die Eichel stieß an die Frontplatte, und ein dumpfer, schneidender Schmerz pulsierte tief in meine Leistenstränge. Mein Kiefer mahle aufeinander, meine Finger gruben sich auf meinem Rücken ineinander, um den Reflex zu unterdrücken, das Becken zurückzuziehen.
Mira spürte den Widerstand. Ihr Blick blieb an meinem Gesicht hängen, las jede feine Muskelregung um meine Mundwinkel ab, während ihre Augen dunkel aufblitzten.
„Kein Millimeter Spiel“, stellte sie leise fest, und ihre Stimme trug jene sachliche Faszination, mit der sie sonst einen besonders eindeutigen Röntgenbefund kommentierte. „Vollkommen arretiert. Nicht einmal der Ansatz einer Schwellung möglich.“
Loona beobachtete die Szene über den Rand ihres Glases hinweg. Ihre grünen Augen funkelten ruhig, beinahe wohlwollend. Das anfängliche Misstrauen war einer kühlen Zufriedenheit gewichen. Sie sah, wie selbstverständlich Mira die Berührung setzte, ohne die falsche Scham oder die heuchlerische Empörung, die man von einer Kollegin aus dem bürgerlichen Unialltag hätte erwarten können.
„Das System ist fugenlos“, sagte Loona beiläufig. „Ein Rotationsriegel. Ohne den Spezialschlüssel gibt es kein Entkommen. Er trägt ihn seit Wochen ununterbrochen.“
Mira zog die Stiefelspitze langsam zurück, strich dabei mit dem festen Leder über die Innenseite meines Oberschenkels und lehnte sich in die Lederpolster der Sitzbank zurück. Sie schlug die Beine elegant übereinander, sodass der schmale Absatz ihres Stiefels knapp über dem Boden schwebte – nur Zentimeter von meiner rechten Hand entfernt.
„Und das Tattoo?“, fragte Mira, während ihr Blick zur freien Flanke glitt, wo das Nabla- und Venussymbol (∇ + ♀) tiefschwarz und scharfkantig auf dem Knochen lag. „Ich nehme an, das war der Termin, wegen dem er vor anderthalb Wochen plötzlich mitten am Nachmittag verschwunden ist?“
„Er brauchte eine Kennzeichnung, die nicht abgelegt werden kann“, antwortete Loona trocken. „Kleidung lässt sich wechseln. Ein Reif lässt sich verdecken. Aber das hier bleibt. Jeder, der ihn ohne Stoff sieht, weiß augenblicklich Bescheid.“
Ein leises, kehliges Lachen entkam Miras Lippen. Sie schüttelte langsam den Kopf, während sie mich von oben herab musterte.
„Wenn ich daran denke, wie er am Donnerstag im Besprechungsraum saß… kerzengerade, schweißnass auf der Stirn, bloß darauf bedacht, sich nicht an die Lehne zu lehnen.“ Sie beugte sich ein Stück vor, stützte die Ellbogen auf ihre Knie und sah mir direkt in die Augen. „Du hast dich vor Schmerzen fast aufgelöst, nicht wahr, John? Weil der Rücken noch von eurer letzten Sitzung gebrannt hat.“
Ich hielt ihrem Blick nicht stand. Die Scham schnürte mir die Kehle zu. Zu wissen, dass sie jede meiner mühsam verborgenen Schwächen im Nachhinein vollkommen durchschaut hatte und nun mit Loona darüber sprach wie über den Verlauf einer chronischen Erkrankung, demütigte mich zutiefst – und ließ gleichzeitig das Blut heiß durch meine Adern schießen.
„Antworte ihr, John“, befahl Loona mit leiser Schärfe.
„Ja“, presste ich mühsam hervor. Meine Stimme klang heiser gegen den Bass der Tanzfläche an. „Es… es hat gebrannt.“
„Und trotzdem hast du funktioniert“, sagte Mira leise, und in ihrem Tonfall schwang ein Hauch von Respekt mit, der gefährlicher war als jeder offene Spott. „Die Aortenklappenstenose saß perfekt. Druck-Volumen-Kurven fehlerfrei. Er hat eine bemerkenswerte Disziplin, wenn man ihn an der kurzen Leine hält.“
Loona lächelte dünn. Sie schien Miras Urteil zu genießen. Es war die Bestätigung dafür, dass ihre Erziehung Früchte trug – selbst dort, wo sie nicht persönlich anwesend sein konnte.
„Genau deshalb ist er hier“, sagte Loona und ließ die Kette in ihrer Hand klirren. „Er braucht den Druck. Ohne ihn zerfließt er. Aber wenn man ihn führt, wird er präzise.“
Sie musterte Mira noch einmal aufmerksam: das schwarze Leder-Top, die freizügigen Hotpants, die Ruhe, mit der sie das Geschehen im KitKatClub als völlig natürlich hinnahm.
„Du bist erstaunlich unbeeindruckt für jemanden, der ihn bisher nur im weißen Kittel kannte“, bemerkte Loona.
Mira nahm einen Schluck von ihrem Drink, ließ den Blick kurz über die tanzenden Körper im Nebel schweifen und sah dann wieder zu Loona.
„Ich bin Medizinerin, Loona. Ich beurteile Dinge nach ihrer Funktionalität, nicht nach bürgerlicher Moral. Und was ich hier sehe, funktioniert ganz offensichtlich.“ Sie neigte den Kopf leicht zur Seite. „Außerdem… hat mich Johns ständige Anspannung an der Uni schon seit Wochen gereizt. Es ist fast eine Erleichterung zu sehen, woran es lag. Und wie man diese Anspannung steuern kann.“
Loona nickte langsam. Zwischen den beiden Frauen spannte sich ein unsichtbares Band aus Verständnis und geteilter Dominanz. Es gab kein Konkurrenzdenken; Loona wusste genau, wer sie war und welche absolute Verfügungsgewalt sie über mich besaß, und Mira respektierte diese Grenze vollkommen – forderte jedoch mit jeder Geste ihren eigenen Platz am Tisch ein.
„Nadja wird eine Weile beschäftigt sein“, sagte Loona schließlich und stellte ihr leeres Glas auf den Tisch. „Und ich habe keine Lust, den Rest der Nacht nur hier herumzusitzen. Wie gut kennst du dich im hinteren Bereich aus, Mira?“
„Ziemlich gut“, erwiderte Mira ohne Zögern. Ein feines, lauerndes Funkeln trat in ihre dunklen Augen. „Die Séparées bei den Säulen sind heute voll, aber unten bei den Gewölben gibt es ruhigere Ecken. Da hat man Platz.“
Loona erhob sich mit geschmeidiger Eleganz. Ihr Lackrock knisterte leise, die Pfennigabsätze fanden sicheren Halt auf dem Holzboden. Sie straffte die Kette und zog mich mit einem kurzen, unmissverständlichen Ruck auf die Beine.
„Dann führ uns“, bestimmte Loona und sah Mira an. „Er bleibt dicht hinter uns. Wenn wir dort sind, kannst du dir die Anatomie unseres Lieblingsstudenten gern aus der Nähe ansehen.“
Miras Lächeln vertiefte sich. Sie stand auf, strich sich das schwarze Leder-Top glatt und trat so nah an mich heran, dass ich das Knarren ihrer Stiefel direkt neben meinen Schenkeln spürte. Ihre Hand hob sich, glitt ganz beiläufig über meinen Nacken – genau dorthin, wo sie mich am Donnerstag berührt hatte – und strich mit festem, unnachgiebigem Druck über meine Halsmuskeln hinab zur Schulter.
„Mit Vergnügen“, flüsterte sie, wandte sich ab und ging voran in die Schatten des Clubs.
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