Ein Netz aus…

… Verführungen und Intrigen

Chapter 2 by Atina Hunter Atina Hunter

Ich sitze da, das Sektglas noch in der Hand, die prickelnden Bläschen auf meiner Zunge, während Frau Bramm mit einem Lächeln auf mich zukommt, das fast zu warm ist für diese kühle, moderne Umgebung. Sie lehnte sich vor, ihre Maniküre glänzte im Licht der Deckenleuchten, und ich spüre, wie ihre Aufmerksamkeit mich umschließt wie ein weiches, aber undurchdringbares Netz.

„Also, Katharina“, beginnt sie, und ihre Stimme hat diesen singenden Ton, den gut erzogene Frauen perfekt beherrschen, „erzähl mal. Du siehst so sportlich aus. Was treibst du so?“

Ich spüre die Frage wie einen sanften Stoß, nicht unfreundlich, aber bestimmt. „Ach, ich gehe ab und zu joggen“, sage ich und ziehe mit den Schultern, was meine Brüste unter der dünnen Bluse leicht bewegt. „Und ich mache ein bisschen Yoga zu Hause. Meine Mutter sagt immer, ich sei zu unruhig für den richtigen Sport.“

Frau Bramm lacht, ein Klingeln wie von feinem Kristall. „Joggen! Das ist doch wunderbar für die Figur. Und tanzen? Kannst du tanzen?“

Die Frage hängt in der Luft, und ich merke, wie Marcel neben mir leicht versteift ist. Seine Hand auf meinen Oberschenkeln – wann hat er die da hingelegt? – wird für einen Moment kälter.

„Tanzen?“ Ich überlege, während ich einen Schluck Sekt nehme. Die Bläschen steigen mir in die Nase, machen mich leicht benommen. „Ich kann ein bisschen Walzer. Mein Vater hat mich das mal gelehrt, bevor er gestorben ist.“ Das war vor drei Jahren, aber ich sage es leichthin, weil Frau Bramms Lächeln nicht zulässt, dass man schwer wird.

„Walzer!“ Sie klatschen schnell in die Hände, kontrolliert aber den Impuls gerade noch. „Und Tango? Der ist so temperamentvoll, so... sinnlich.“

Ich spüre, wie etwas in mir aufmerksam wird. Nicht mein Verstand – der ist beschäftigt mit der Antwort – sondern mein Körper, dieser andere, ältere Teil von mir. Er registriert, dass Frau Bramm mich auffordern muss, während sie fragt, aber mein Blick bleibt auf ihrem Gesicht haften, höflich, aufmerksam, bereit zu gefallen.

„Tango nicht wirklich“, gestehe ich. „Das sieht immer so kompliziert aus. Alle diese Drehungen.“

„Oh, aber das ist es gerade“, sagt sie und beugt sich näher, ihre Hände umklammern ihr eigenes Glas wie ein Instrument. „Die Drehung, das Loslassen, das Wiederauffangen. Vertrauen und Kontrolle in einem.“

Ich nicke, obwohl ich nicht ganz verstehe, was sie meinte. Der Sekt macht alles etwas weicher, etwas einladender. „Vielleicht sollte ich es mal lernen“, höre ich mich sagen, und es klingt wie eine Verabredung, die ich gerade gemacht habe, ohne es zu merken.

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Frau Bramm lächelte zufrieden, und schon ist sie bei der nächsten Frage. „Und was isst du gerne? Ich meine, du siehst so... durchtrainiert aus. Bestimmt achtest du auf deine Ernährung?“

Die Frage ist harmlos, aber sie kommt schnell, zu schnell für einen normalen Plausch. Ich spüre, wie meine Antworten aus mir herausgezogen werden wie Fäden aus einem Knäuel, ordentlich, systematisch. „Ich esse alles“, sage ich und lache, um die Spannung zu durchbrechen. „Aber ich mag italienisch. Pasta. Und Sushi.“

„Und zu trinken?“ Sie nickt zu meinem Glas. „Außer Sekt natürlich. Wein? Cocktails?“

„Cocktails sind toll“, sage ich, und meine Stimme klingt enthusiastischer, als ich beabsichtigt habe. „Besonders diese fruchtigen. Mit Mango oder Passionsfrucht.“

Frau Bramm notiert das irgendwo in ihrem Lächeln, behält es ab. „Exotisch“, sagt sie, und das Wort klingt wie ein Kompliment und eine Diagnose zugleich.

Ich antworte, antworte, antworte. Mein Mund bewegt sich, formt Worte über meine Kindheit, meine Schule, meine Pläne – habe ich Pläne? –, während ein Teil von mir, der Teil, der manchmal nachts wach liegt und über Dinge nachdenkt, die tagsüber keinen Raum haben, flüstert: Das ist kein normales Gespräch. Das ist ein Verhör.

Aber der Sekt, und Frau Bramms unerschütterliches Lächeln, und die Tatsache, dass Marcel neben mir sitzt, still, aber präsent, dämpfen diese Stimme. Ich bin gut darin, gefragt zu werden. Gut darin, zu antworten, zu gefallen, zu sein, was der andere sehen will. Meine Mutter sagt immer, ich sei eine geborene Schauspielerin. Ich sagte ihr, ich wolle Schauspielerin werden, und sie lachte und meinte, das sei kein richtiger Beruf.

„Und deine Familie?“ fragt Frau Bramm, und ihre Augen werden für einen Moment weich, schnell mitfühlend. „Du hast erwähnt, dein Vater ist verstorben?“

„Vor drei Jahren“, sage ich, und meine Stimme bleibt gleichmäßig, trainiert. „Herzinfarkt. Er war bei der ASS, wissen Sie. Bei Ihrem Mann.“

Eine Mikrosekunde lang flackert etwas in Frau Bramms Gesicht, zu schnell, um es zu deuten. Dann nickt sie, bedächtig, wissend. „Ja, natürlich. Steffen hat das erwähnt. Ein guter Mann, Ihr Vater.“

Ich weiß nicht, ob sie das meint oder ob sie überhaupt etwas über meinen Vater weiß, aber ich nicke dankbar, weil das erwartet wird. Der Sekt ist schnell leer. Wann habe ich so viel getrunken?

Während ich rede, während ich von meiner Mutter erzähle, die als Verkäuferin in einem Drogeriemarkt arbeitet, von meinem kleinen Zimmer über der Treppe, von meiner besten Freundin Doreen, die mich zu meiner eigenen Party gebracht hat – während all dem spüre ich etwas, das ich nicht benennen kann. Ein Gewicht, eine Wärme, die nicht von der Mittagssonne kommt, die durch das Fenster fällt.

Es ist ein Blick. Ich spüre ihn, bevor ich ihn sehe, bevor ich mich traue, hinzusehen. Aber ich sehe nicht hin. Frau Bramms Fragen halten mich gefangen, ihr Interesse ist wie eine Hand auf meinem Kinn, die mein Gesicht zu ihr hält. Sie fragt nach meinen Hobbys, meinen Lieblingsbüchern, ob ich lieber Strand oder Berge mag. Ich antworte, antworte, antworte, und spüre, wie jemand mich betrachtet.

Nicht Marcel. Der sitzt reglos, seine Hand noch auf meinen Oberschenkeln, aber kalt jetzt, abwesend. Nein, der andere Blick. Der, der von der Seite kommt, aus dem Augenwinkel, aus der Ferne eines Mannes, der genug Geld hat, um nicht angestarrt zu werden, während er starrt.

Ich drehe den Kopf, ganz langsam, als würde ich mich nach dem Kellner umsehen, und für einen Bruchteil einer Sekunde treffe ich meine Augen mit denen von Herrn Bramm. Er sitzt da, entspannt, sein Anzug makellos, sein Sektglas halb voll, und seine Augen – diese blaugrauen Augen, die Menschen zu scannen scheinen – ruhen auf meiner Brust.

Nicht auf meinem Gesicht. Auf meiner Brust.

Ich spüre es wie einen physischen Druck, diese Betrachtung. Meine Bluse ist dünn, schnell durchscheinend in diesem Licht. Ich trage kein BH, nie, wenn ich es vermeiden kann. Die Stoffbahnen liegen locker auf meiner Haut, und unter ihnen bewegen sich meine Brüste mit jedem Atemzug, mit jeder Geste, die ich mache, während ich Frau Bramm antworte.

Herrn Bramms Blick gleitet über mich, langsam, methodisch, als würde er Inventur machen. Über meine Schultern, die frei sind unter den dünnen Trägern. Über meinen Hals, der sich lang macht, wenn ich rede. Wieder zurück zu meiner Brust, die er sich ansieht, als hätte er ein Recht, als wäre sie bereits sein Eigentum.

Und dann, bevor ich wegsehen muss, bevor meine Wange rot wird oder meine Hand zittert, lächelt er. Nicht mir zu. Für sich. Ein Lächeln, das weiß, dass es gesehen wurde, und das es nicht stört.

Ich wende mich zurück zu Frau Bramm, die gerade fragt, ob ich lieber Hunde oder Katzen mag. Meine Stimme klingt fremd, höher als sonst, als ich „Hunde“ sage, obwohl ich keine Ahnung habe, warum sie das fragt oder warum ich antworte.

„Mensch, Steffen“, sagt Frau Bramm plötzlich, und ihre Stimme durchschneidet das Summen des Cafés wie ein scharfes Messer. „Was meinst du? Laden wir doch Marcels Freundin zu unserer Gartenparty am kommenden Samstag ein!“

Die Worte hängen in der Luft. Ich spüre, wie Marcel neben mir zusammenzuckt, seine Finger auf meinem Bein krallen sich kurz fest, dann lösen sie sich. Ich sehe nicht hin, aber ich höre, wie er sein Glas an die Lippen führt, einen Schluck nimmt, schluckt. Er sagt nichts. Er nickt nur, kurz, abwesend, als wäre die Einladung an jemanden anderen gerichtet.

„Danke, Frau Bramm“, höre ich mich sagen, bevor ich nachdenken kann, „aber ich möchte Ihnen nicht zur Last fallen.“

Es ist die richtige Antwort, die höfliche, die erwachsene. Man nimmt nicht einfach Einladungen an, nicht von Menschen, die man kaum kennt, nicht von Menschen, die so reich sind, dass ihre Welt eine andere als meine ist.

Aber Herrn Bramm gefällt meine Antwort nicht.

Er räuspert sich, ein tiefes, vibrierendes Geräusch, das den Tisch zum Verstummen bringt. „Na, na, na, junge Dame“, sagt er, und seine Stimme ist freundlich, aber darunter liegt etwas Hartes, etwas, das nicht widersprochen werden will. „So etwas will ich aber nicht noch mal von Ihnen hören. So eine bezaubernde junge Dame wie Sie, Fräulein Jäger – Sie sind keine Störung. Eher eine nette und attraktive Bereicherung für unsere Party.“

Die Worte rollen über mich hinweg, schwer, warm, unvermeidlich. Er hat meinen Namen gesagt, meinen vollen Namen, obwohl ich ihn ihm nicht genannt habe. Er weiß ihn. Er hat über mich gesprochen, mit Doreen, mit Marcel, mit wem auch immer, bevor ich hierherkam.

Marcel sagt immer noch nichts. Seine Mutter dreht sich zu ihm, ihr Lächeln breit, schnell herausfordernd. „Also abgemacht, Katharina. Sie kommen am Samstag um sechzehn Uhr zu unserer Gartenparty! Marcel wird sich bestimmt darüber freuen. Nicht wahr, Marcel?“

Ich sehe ihn aus dem Augenwinkel, wie er sich zusammenreißt. Wie er die Maske aufsetzt, die er immer trägt, die charmante, die bereitwillige. Sein Lächeln ist perfekt, gelungen, aber freundlich, ein Kunstwerk aus Anmut und Desinteresse. „Oh ja, Mama“, sagt er, und seine Stimme klingt wie Seide über Messing, „das wäre prima.“

Jetzt kann ich nicht mehr nein sagen. Die Worte sind wie Türen, die hinter mir zufallen, eine nach der anderen. Ich spüre, wie mein Kopf nickt, wie mein Mund sich öffnet, wie meine Stimme sagt: „Danke, dann komme ich gerne.“

Frau Bramms Lächeln wird noch breiter, zufrieden, triumphierend. Aber es ist Herrn Bramms Reaktion, die ich spüre, obwohl ich ihn nicht ansehe. Ein Geräusch, tief in seiner Kehle, halb Lachen, halb etwas anderes. Eine Zufriedenheit, die schnell greifbar ist.

„Katharina“, sagt er, und mein Name in seinem Mund klingt anders als bei allen anderen, schwerer, bedeutungsvoller, „und vergessen Sie ja nicht, einen Bikini mitzubringen. Denn es ist eine Garten-Pool-Party. Und wir haben einen sehr großen Pool.“

Ich bin nicke, mechanisch, freundlich, trainiert. „Danke für den Hinweis. Das mache ich sehr gerne.“

Die Worte sind noch nicht ganz aus meinem Mund, als ich spüre, dass etwas vorbei ist. Das Gespräch, die Prüfung, war auch immer das war. Frau Bramm schaute sich zurück, zufrieden, und Herrn Bramms Blick wanderte endlich weiter, zu etwas anderem, das ihn interessierte.

Ich stehe auf, oder wir stehen auf, Marcel und ich, ein ungelenkes Tanzen aus Stühlen und Taschen und Abschiedsformen. Frau Bramm umarmt ihren Sohn, und ich sehe ihn erstarren, für einen Bruchteil einer Sekunde, bevor er die Umarmung erwidert, kühl, korrekt.

Und dann ist Herr Bramm hinter mir. Ich rieche seinen Duft, bevor ich ihn spüre, Leder und Sandelholz, teuer, männlich, dominant. Er zieht mir den Stuhl zurück, eine Geste, die altmodisch ist und dennoch nichts anbietet, nur fordert.

Er reicht mir die Hand zum Abschied, und ich nehme sie, seine Haut warm und trocken, der goldene Siegelring kalt gegen meinen Finger. Aber er lässt nicht los. Er hält meine Hand, während seine andere Hand – ich spüre sie, bevor ich sie sehe – auf meine Hüfte gleitet.

Seine Finger sind lang, stark, und sie umfassen meine Hüfte wie etwas, das ihm gehört. Er zieht mich ein Stückchen näher, nicht grob, aber bestimmt, und beugt sich herab. Sein Atem ist warm an meinem Ohr, sein Bart kitzelt meine Wangen, und dann spricht er, und seine Stimme ist ein Flüstern, das nur ich hören soll, das aber dennoch Befehl ist.

„Katharina. Ihr Bikini kann – nein, er sollte am Samstag ruhig knapp und sexy verspielt sein. Sie müssen verdammt scharf darin aussehen. Zeigen Sie ruhig, was für eine sexy junge Frau Sie sind.“

Die Worte treffen mich wie eine Welle, körperlich, greifbar. Meine Knie zittern, tatsächlich zittern, und ich spüre, wie sich meine Haut in eine Gänsehaut verwandelt, die nichts mit Kälte zu tun hat. Es ist ein Kribbeln, das von meinem Ohr ausgeht, wo sein Atem war, und sich über meinen Hals, meine Brüste, meinen Bauch ausbreitet, bis es zwischen meinen Beinen ankommt und dort verweilt, pochend, warm, verboten.

Ich kann nicht antworten. Mein Mund ist trocken, mein Verstand leer, ausgelöscht von der Klangfarbe seiner Stimme, dieses Timbres, das nicht fragt, sondern befiehlt, das nicht gewünscht, sondern erwartet.

Er lässt mich los. Tritt zurück. Lächelt, als wäre nichts geschehen, als hätte er mir nicht gerade ins Ohr geflüstert, dass ich scharf aussehen soll, dass ich zeigen soll, was ich habe, dass ich – und das ist das, was unter seinen Worten liegt, was ich höre, obwohl er es nicht sagt – sein soll sein, wenn er es will.

Ich nicke, glaube ich. Oder ich stehe nur da, während Marcel mich am Arm nimmt und wegführt. Die Welt außerhalb des Cafés ist hell, zu hell, und ich blinzle, orientierungslos, betrunken von etwas, das nicht der Sekt war.

Marcel sagt nichts, während wir gehen. Seine Hand auf meinem Arm ist fest, fast zu fest, aber ich bin dankbar für den Halt. Wir steigen in sein Auto, einen silbernen BMW, der nach Leder und seinem Parfüm riecht, und erst als die Türen zufallen und die Welt draußen bleibt, atme ich tief ein.

„Es ist schon spät“, sagt er, und seine Stimme klingt fremd, gedämpft. „Ich fahre dich nach Hause. Du hast deiner Mutter versprochen, bis achtzehn Uhr da zu sein.“

Ich nicke wieder, mechanisch. Die Zahlen auf dem Armaturenbrett zeigen 17:47. Wir schaffen es gerade noch.

Die Fahrt verläuft schweigend. Marcel starrt auf die Straße, seine Hände am Lenkrad weißknöchelig, und ich starre aus dem Fenster, sehe die vorbeiziehenden Häuser, die sich verändern, größer werden, dann wieder kleiner, ärmer, vertrauter.

Wir halten vor meinem Haus, einem Reihenendhaus mit einem kleinen Vorgarten, der meine Mutter ständig beschäftigt. Ich öffne die Tür, will aussteigen, aber Marcel hält mich zurück. Seine Hand auf meinem Arm, wieder, aber anders diesmal. Weicher. Schnell zärtlich.

„Katharina“, sagt er, und ich drehe mich zu ihm, und dann küsst er mich.

Es ist ein Überraschungskuss, nicht wild, nicht leidenschaftlich, aber gefühlvoll, mehr, als ich von ihm erwartet hätte. Seine Lippen sind warm, geschmeidig, und er schmeckt nach Sekt und nach etwas Bitterem, das ich nicht benennen kann. Ich schließe die Augen, spüre, wie mein Körper auf ihn reagiert, diese alte, vertraute Reaktion auf Nähe, auf Aufmerksamkeit, auf die Illusion von Begehren.

Aber unter dem Kuss, unter der Sanftheit, spüre ich etwas anderes. Eine Anspannung, eine Haltung, die ihm nicht passt. Als würde er eine Rolle spielen, die er geübt hat, die er nicht mag.

Er löst sich von mir, zu schnell, und sein Lächeln ist wieder da, das halbe, verheißungsvolle, das nichts verheißt. „Bis morgen in der Schule“, sagt er, lapidar, als wäre nichts geschehen, als hätte er mich nicht gerade geküsst, als hätte sein Vater mir nicht ins Ohr geflüstert, ich solle scharf aussehen.

Ich steige aus, stehe auf dem Bürgersteig, und bevor ich reagieren kann, bevor ich etwas sagen kann, ist er weg. Der BMW gleitet davon, lautlos, elegant, und ich stehe da, mit meiner Handtasche und meinen zitternden Knien und diesem Kuss auf meinen Lippen, der sich nicht wie ein Geschenk anfühlt, sondern wie eine Markierung.

Die Haustür öffnet sich, bevor ich sie erreiche. Meine Mutter steht im Türrahmen, ihre Schürze noch an, ihre Hände feucht von der Spüle, und ihr Gesicht – ihr Gesicht ist ein einziges Strahlen.

„Na, hast du endlich auch einen Freund?“

Ich grinse, kann nicht anders, ihre Freude ist ansteckend, unvermeidlich. „Ja. Marcel ist sein Name. Marcel Bramm.“

Der Name wirkt wie ein Zauberwort. Meine Mutter pfeift, tatsächlich pfeift sie, ein anerkennendes, überraschendes Geräusch. „Ist das etwa der Sohn von Steffen Bramm?“

Ich schaue sie an, ungläubig. „Ja. Warum?“

„Na, das ist der Sohn vom Unternehmer Bramm. Der Typ ist stinkreich, und ihm gehört die große Villa am Stadtrand! Sein Vater, Herr Bramm, ist der Eigentümer von ASS, All Security Services GmbH, dem größten Sicherheitsunternehmen am Frankfurter Flughafen! Dein Vater hat bis kurz vor seinem Tod auch für ihn gearbeitet!“

Die Worte prasseln auf mich ein, eine Welle aus Informationen, die ich nicht verarbeite, nicht sofort. Mein Vater. Hat für Herrn Bramm gearbeitet. Warum hat er nie davon erzählt? Warum hat meine Mutter nie davon erzählt?

Sie redet weiter, eine Lobpreisung auf Reichtum und Sicherheit und gute Parteien, die ich halb verstehe. Und dann, als ich es ihr erzähle – die Einladung, die Party, der Pool –, verstummt sie mitten im Satz. Ihre Augen werden groß, dann feucht, und ich sehe, wie sie sich etwas ausmalt, etwas, das ich nicht bin, nicht sein will, aber das sie sich wünscht: ihre Tochter, die tapfere Ehefrau, die niemals Sorgen um Geld haben müssen, die in einer Villa wohnt, die Kinder haben, die nie kennengelernt, was es bedeutet, im Supermarkt auf Angebote zu achten.

Ich gehe an ihr vorbei, in meinem Zimmer, auf meinem Bett, und starre an die Decke. Die Gänsehaut ist noch da, unter meiner Kleidung, eine Erinnerung an etwas, das ich nicht benennen kann. Herrn Bramms Stimme in meinem Ohr. Sein Blick auf meine Brust. Marcells Kuss, der wie ein Auftrag wirkte.

Ich weiß nicht, was ich da reingetan habe. Ich weiß nur, dass ich am Samstag um sechzehn Uhr in einem knappen, sexy Bikini in einer Villa am Stadtrand sein werde, und dass ein Mann, den ich kaum kenne, erwartet, dass ich scharf aussehe.

Und irgendwo, tief unter der Angst und der Verwirrung, spüre ich etwas anderes. Etwas, das fühlt sich an wie Aufregung.

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Herr Bramm sieht uns nach, lange nachdem wir das Café verlassen haben. Er sitzt noch immer an dem Tisch, sein Sektglas in der Hand, die andere Hand auf dem Knie seiner Frau, und seine Augen folgen meiner Silhouette, die sich durch die Glastür entfernt, verschwimmt, verschwindet.

„Unsere Doreen hat nicht zu viel versprochen“, sagt er, und seine Stimme ist ruhig, zufrieden, das Geräusch eines Mannes, der bekommt, was er will. „Als sie uns von ihrer Schulfreundin Katharina erzählt hat.“

Frau Bramm nickt, nippt an ihrem Sekt. „Ja, das stimmt. Wie gut, dass diese Katharina nicht bemerkt hat, dass ihre Cousine Doreen sie auf ihrer Geburtstagsparty direkt in die Hände unseres Sohnes gespielt hat.“

Sie lächeln einander an, ein Lächeln, das keine Wärme kennt, nur Berechnung. Sie stoßen an, die Gläser klingen, und der Sekt fließt, golden, prickelnd, vielversprechend.

„Toll“, sagt Herr Bramm, „wie unser Sohn für uns die ganze naive Weiber von seiner Schule klarmacht. Diese Katharina wird bestimmt sehr gut in unsere Begleitagentur passen. Und viele Kunden bekommen!“

„Ja, da hast du recht“, stimmt seine Frau zu. Ihre Augen sind auf die Tür gerichtet, durch die ich verschwunden bin, als sie mich noch sehen könnte, meinen Gang, meine Unwissenheit. „Katharina hat wirklich eine klasse Figur. Alles sehr schön proportioniert.“

„Hmmm“, macht Herr Bramm, und der Laut ist tief, hungrig. „So wie es aussieht, ist nicht nur ihr Hintern schön straff. Denn als sie neben mir bei uns am Tisch saß, da konnte ich unter der leicht transparenten Bluse gut ihre prallen Brüste sehen. Weil sie keinen BH trug, da konnte ich gut erkennen, dass ihre Brüste schön straff und griffig sind.“

Er lacht, leise, zufrieden. „Wenn der erstmal in einem hauteng geschnittenen, sexy Minikleid steckt und nicht in so einem prallen und profanen Jeansrock, dann wird sie der erotische Blickfang schlechthin sein.“

„Mit passenden erotischen Fotos auf unserer Webseite“, ergänzt Frau Bramm, „werden unsere Kunden diese Katharina bestimmt schnell buchen.“

Sie lachen, beide, ein Geräusch wie Seide, das über Messer gleitet. Dann zückt Herr Bramm sein Handy, ein goldenes Mobiltelefon, das im Licht des Cafés glänzt.

„Hey, Manfred, altes Haus, wie geht's dir?“

Seine Frau hört zu, während er spricht, ihre Augen noch immer auf die Tür gerichtet, als sie auf etwas wartet, auf jemanden, der zurückkommt.

„Ja, prima, freut mich, dass die Geschäfte gut laufen. Pass mal auf, ich hatte dir doch von dieser Katharina ein paar Bikini-Fotos geschickt. Die Bilder, die ich von Doreen bekommen habe... Ja natürlich wird auch ihre Cousine Doreen bei der Pool Party dabei sein.“

Er lächelt, während er zuhört, nickt, ein Herrscher, der Anweisungen gibt und empfängt. „Also, pass mal auf, ich denke, wir werden mal wieder etwas von dem flüssigen Ecstasy benötigen. Ja, genau. Wie immer sollen die Cocktails dann für lockere und unternehmungslustige Stimmung sorgen. Alles klar. Prima. Wir sehen uns dann am Samstag bei mir.“

Er legt auf, schaut seine Frau an, sein Grinsen breit, unverschämt. „Okay, Manfred bringt genug Flüssiges Ecstasy mit. Du spielst dann am Samstag erst mal wieder die freundliche Gastgeberin und sorgst direkt dafür, dass Katharina gleich mal zwei von den Spezial-Cocktails trinkt, bevor sie zu uns in den Garten kommt.“

Frau Bramm nickt, ihr Lächeln ebenso breit, ebenso berechnetd. „Das sollte wirklich kein Problem sein. Diese Katharina bekomme ich bestimmt schnell dazu, ein paar Cocktails mit mir zu trinken.“

Herr Bramm reibt sich die Hände, eine Geste aus alten Zeiten, aus dem Theater, aus dem Geschäft, das er betreibt. „Wenn alles glatt läuft, haben wir schon bald junges Frischfleisch für unsere Escort-Kunden. Eine geil aussehende 18 Jährige mit schönen prallen dicken Naturtitten!“

Aber seine Frau wird ernst, plötzlich, eine Falte zwischen ihren Augenbrauen. „Und was bekommt dein Kumpel Manfred diesmal für seine tatkräftige Unterstützung?“

Herr Bramms Grinsen wird noch breiter, noch kälter. „Ich habe ihm Doreen versprochen und außerdem, dass er sich auf der Pool Party unter allen unseren weiblichen Gästen noch eine weitere für sich beanspruchen kann.“

Frau Bramms Gesicht entspannt sich, ihr Lächeln kehrt zurück, gemeingefährlich, schön. „Oh, da wird sich aber unsere Doreen bestimmt nicht darüber freuen, wenn sie sich in Manfreds Eros-Center wiederfinden wird und sich dann in seinem Laufhaus anbieten muss! Und das… obwohl sie uns ihre Cousine Katharina regelmäßig auf dem Silbertablett serviert hat.“

„Selbst schuld“, sagt Herr Bramm, und seine Stimme wird hart, scharf, das Geräusch eines Mannes, der nicht gewöhnt ist, widersprochen zu werden. „Würde sie ihren Arsch gefälligst jedem unserer Kunden lustvoll hinhalten und sich nicht verweigern, wenn einer unserer Kunden sie in den Arsch ficken will, dann könnte sie weiter in unserem Escort Service tätig sein! Aber es kamen einfach zuviele Beschwerden!“

Steffen Bramm lacht extrem fies und sagt dann noch genossend. „Bestimmt wird mein Kumpel Manfred unsere kleine Doreen schnell beigebracht haben, dass sie ihren süßen Knackarsch bereitwillig jedem Schwanz hinzuhalten hat.“

Er zwinkert dem Kellner zu, zückt seine Kreditkarte, ein schwarzes American Express, das keine Grenzen kennt. Während er bezahlt, während er seiner Frau den Arm reicht und sie aus dem Café führt, denkt er an mich. An meine Brüste unter der transparenten Bluse. An meine Hüfte unter seiner Hand. An den Samstag, an den Pool, an den Bikini, den ich tragen werde, knapp, sexy, verspielt.

An das Flüssige Ecstasy in meinem Cocktail, das mich dann recht schnell gefügig machen wird! Und ich willig, alles mit mir machen lassen werde!

Und er lächelte, Steffen Bramm, Unternehmer, Vater, Zuhälter, während er in seiner Welt verkauft, die Villa, das Geschäft, das Imperium, das er gebaut hat aus der Asche anderer Menschen, aus der Unschuld von Mädchen wie mir, die nicht wissen, in was für ein Netz sie geraten, bis es zu spät ist.

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Draußen, in der Stadt, in meinem kleinen Zimmer über der Treppe, starre ich noch immer an die Decke und spüre die Gänsehaut auf meiner Haut, die Erinnerung an seine Stimme, seinen Blick, seinen Befehl.

Und ich weiß nicht, dass ich bereits verloren bin. Dass der Samstag kommen wird, und der Pool, und die Cocktails, und dass ich trinken werde, lächeln, mich ausziehen, mich zeigen, bereit sein für alles, was sie von mir wollen.

Ich weiß nicht, dass meine Cousine und beste Freundin Doreen bereits auch schon in die Fänge von Steffen Bramm und dem Zuhälter Manfred Konrad geraten ist.

Ich weiß nur, dass ich schlafen muss, und dass ich träumen werde von blaugrauen Augen, die mich mustern, und von einer Stimme, die mir sagt, ich solle scharf aussehen.

Und dass ich, wenn ich aufwache, mich auf den Samstag freuen werde. Unschuldig. Ahnungslos. Das ich bereit bin mich Marcel hinzugeben.

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