What's next?

Miras Stiefel

Der Wecker riss mich um sechs Uhr aus einem unruhigen Halbschlaf, in dem sich die Geräusche des Wochenendes noch immer mit den Schatten an der Zimmerdecke vermischten.

Jede Faser meines Körpers wehrte sich gegen die Bewegung. Als ich die Beine über die Bettkante schwang, brannte die gereizte Haut an Oberschenkeln und Gesäß wie Feuer. Die roten Striemen der Ledergerte waren über Nacht zu dunkelvioletten Striemen nachgedunkelt, heiß und berührungsempfindlich. Doch das Schlimmste war der Druck am Becken: Der massive Basisring saß unerbittlich starr am Damm, und das M10-Gewinde drückte bei jeder Gewichtsverlagerung gegen die empfindlichen Nervenbahnen.

Bevor ich aufstehen durfte, verlangte die morgendliche Pflicht ihren Tribut. Auf dem Display meines Telefons zählte der Countdown der *Kidslox*-App unerbittlich herunter. Bei mehr als fünf Minuten Verzug drohte der Total-Lockdown, bis ich physisch vor ihr auf den Knien lag. Mit zittrigen Fingern öffnete ich die freigegebene Notiz-App, schaltete die Kamera ein und knipste ein scharfes, makelloses Foto des intakten Miniaturschlosses vor den Längsstreben.

*„Montag, 06:12 Uhr. Schloss und Ring intakt. Keine Manipulation. Gehorsam geleistet. Bereit für die Charité.“*

Ich drückte auf Senden. Das kleine grüne Häkchen erschien sofort, und eine Sekunde später leuchtete das Display kurz auf: *Gesehen*. Keine Antwort, keine Worte – nur die lautlose Bestätigung ihrer totalen Kontrolle.

Das Ankleiden glich einem Balanceakt. Unter der dunklen Jeans spannten die halterlosen Feinstrümpfe über den geschundenen Beinen. Die Silikonbänder fraßen sich in die wunde Haut der Oberschenkel, während der glatte Seidenstoff bei jedem Schritt an den Striemen scheuerte. Darüber zog ich einen weiten, hochgeschlossenen Pullover, dessen Kragen millimetergenau den schwarzen Samt-Choker und das winzige Vorhängeschloss an meinem Hals verbarg.

Zwei Stunden später war der große Hörsaal im Bettenhochhaus der Charité in Mitte bis auf den letzten Platz gefüllt. Vorne projizierte der Dozent Folien zur Inneren Medizin an die Wand, doch meine Konzentration war längst vollkommen zerfasert. Das Sitzen auf der harten Holzbank war eine Qual: Die Striemen von Nadjas Ledergerte brannten dumpf gegen den Denim, während der stählerne Ring am Damm bei jeder noch so kleinen Gewichtsverlagerung erbarmungslos nachdrückte.

Direkt neben mir saß Mira.

Sie hatte das dunkelblonde Haar heute zu einem lockeren Dutt hochgesteckt, ein paar Strähnen umspielten ihren Hals, und sie trug einen eng anliegenden, schwarzen Feinstrickpullover, der ihre sportliche Figur betonte. Doch mein Blick schaffte es kaum, bei ihren Notizen auf dem iPad zu bleiben. Meine Augen wanderten immer wieder nach unten – zu ihren Beinen, die sie lässig übereinandergeschlagen hatte.

Mira trug kniehohe, tiefschwarze Lederstiefel mit schmalen, schwindelerregend hohen Absätzen. Das weiche Leder schmiegte sich makellos an ihre Waden. Der hochgelegte Stiefel wippte im gleichmäßigen Rhythmus ihrer Gedanken leicht auf und ab; das feine Knarzen des Leders und die schlanke, glänzende Spitze zogen mich magisch an. Schon im letzten Semester hatte ich diese Stiefel an ihr bewundert, aber heute – gefangen im unnachgiebigen Metallkäfig, nach einem Wochenende vollkommener Unterwerfung – wirkte dieser Anblick wie reines Dynamit. Tief im Zylinder drängte das Fleisch heiß und verzweifelt gegen die Längsstreben, verlangte nach Raum, den es nicht gab, und wandelte die Erregung augenblicklich in schneidende Enge um.

Ich versuchte krampfhaft, nach vorne auf die Folien zu starren, doch mein Blick glitt wie ferngesteuert wieder zu der wippenden Schuhspitze.

„John“, flüsterte Mira plötzlich von der Seite.

Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Sie hatte sich ein Stück zu mir herübergelehnt, ein amüsiertes, aber forschendes Lächeln auf den Lippen. Ihre Augen wanderten von meinem Gesicht hinab zu ihren eigenen Füßen und wieder zurück.

„Du starrst schon wieder“, raunte sie leise, während der Dozent vorne über Nierenwerte sprach. „Die haben es dir echt angetan, was? Das ist mir neulich in der Bibliothek schon aufgefallen.“

Ein heißer Schwall stieg mir in die Wangen. Ich räusperte mich mühsam, hielt die Hände krampfhaft in den Schenkeln vergraben und vermied es, den Blick zu senken.

„Sie… sie stehen dir einfach gut“, brachte ich heiser heraus und versuchte, so beiläufig wie möglich zu klingen.

Mira schmunzelte und ließ die Stiefelspitze noch etwas gezielter kreisen. Doch dann veränderte sich ihr Blick. Das neckische Lächeln wich einer feinen, nachdenklichen Schärfe, die mir sofort den Magen zuschnürte. Sie stützte das Kinn auf die Hand und musterte meine steife, unnatürliche Haltung auf der Holzbank.

„Sag mal… geht es deinem Bauch eigentlich wieder besser?“, fragte sie leiser, fast beiläufig, doch ihre Augen fixierten mich unerbittlich. „Seit unserem Abdomen-Ultraschall letzte Woche wirkst du so furchtbar verkrampft. Du bist damals fast von der Untersuchungsliege gesprungen, als ich den Schallkopf knapp über die Symphyse gesetzt habe.“

Mein Herz setzte für einen Schlag aus. Das Bild jenes Praktikums flackerte panisch vor mir auf: wie Mira das kalte Ultraschallgel aufgetragen, den Bund meiner Hose damals ein Stück nach unten geschoben hatte und ich in Todesangst erstarrt war, dass der Schallkopf das Metall des Rings berühren oder das Gel über den Rand des Zylinders laufen könnte.

„Alles… alles in bester Ordnung“, presste ich hervor und klammerte mich an den Rand der Bank. „Ich hatte damals nur eine Reizung. Eine Kolik, nichts weiter.“

Mira neigte den Kopf, ihr Blick wanderte von meinem hochgeschlossenen Kragen hinab zu meiner Hüfte, die ich krampfhaft stillhielt. Da war kein Argwohn, aber eine wachsende, irritierte Neugier – als ahnte sie längst, dass hinter meiner Fassade etwas Entscheidendes verborgen lag, das sich mit keiner medizinischen Diagnose erklären ließ.

„Wenn du meinst, John“, murmelte sie langsam und wandte sich wieder ihrem Bildschirm zu, während ihr Stiefelabsatz weiter in bedächtigem, quälendem Takt vor meinen Augen wippte. „Aber du verhältst dich in letzter Zeit wirklich seltsam. Pass auf dich auf.“

Ich starrte stumm nach vorne. Der Stahlkäfig pochte heiß gegen den Schambeinrand, und in meiner Hosentasche summte lautlos mein Telefon – Loonas tägliche Erinnerung an die abendliche Kontrolle.

Die restlichen Minuten der Vorlesung zogen wie unter Wasser an mir vorbei. Als der Dozent die letzten Folien schloss und das Klappern von Laptops und Notizblöcken durch den Saal hallte, schreckte ich aus meinen trüben Gedanken auf.

Mein Kopf war ohnehin schon vollkommen überreizt. In knapp zwei Stunden stand der Nachfolgetermin bei *Maison Beauté* an. Ich rechnete mit der üblichen, erniedrigenden Routine: Selin und Chiara, die spöttischen Bemerkungen über meine glatte Haut, das obligatorische Nachlasern und das spöttische Klopfen ihrer manikürten Fingernägel gegen das Gehäuse. Dass ich Loona dorthin begleiten und ihr stumm zu Diensten sein musste, war schlimm genug. Jeder Gedanke an die kalte Liege und die grellen Scheinwerfer ließ die Striemen auf meinen Oberschenkeln heißer aufflammen. Tief im Zylinder pulsierte das eingesperrte Fleisch in dumpfer, erstickter Erregung – ein hilfloser Druck, der gegen die starren Längsstreben stieß und mir den Schweiß auf die Stirn trieb.

„Kommst du mit rüber in die Mensa?“, riss mich Miras Stimme aus dem Gedankenstrudel. Sie hatte ihre Tasche bereits geschultert und blickte mich auffordernd an. „Ein Kaffee und eine Suppe, bevor um eins das Pharmakologie-Seminar losgeht. Du siehst aus, als könntest du Zucker brauchen.“

„Ja… gerne“, presste ich hervor.

Der Weg über den Campus hinüber zur Mensa Nord verlangte mir alles ab. Bei jedem Schritt über den feuchten Asphalt scheuerten die halterlosen Feinstrümpfe über die frischen Striemen der Gerte auf meinen Oberschenkeln, und der M10-Käfig drückte sich mit stumpfer Kälte gegen den Beckenkamm. Neben mir ging Mira im flotten, sicheren Schritt. Das schwere, rhythmische *Klack-Klack* ihrer Lederstiefel auf dem Boden gab den Takt vor, den ich krampfhaft einzuhalten versuchte.

Die Mensa war voll, ein lautes Stimmengewirr aus Medizinstudenten, Besteckklappern und Kaffeemaschinen. Nachdem wir uns zwei Schüsseln und Getränke geholt hatten, fanden wir einen etwas abgelegeneren Zweiertisch am Fenster.

Kaum hatten wir uns gesetzt, rutschte mir das Herz für einen Schlag in die Hose. Der Tisch war klein, und Mira schlug ihre Beine schwungvoll übereinander. Die Spitze ihres linken Stiefels landete dabei nur Zentimeter neben meinem Schienbein. Das weiche, tiefschwarze Leder spannte makellos über ihrem Spann, und der schmale Absatz hing frei in der Luft, wippte sanft auf und ab.

Ich starrte auf meine Suppe, doch meine Augen waren wie ferngesteuert. Jeder kleine Ruck ihres Fußes, das feine Glänzen des Leders im grellen Deckenlicht zog meinen Blick magisch an. Die Anspannung vor dem Nachmittagstermin, die Erschöpfung des Wochenendes – für ein paar Sekunden trat alles in den Hintergrund, überstrahlt von der puren Faszination für diesen Absatz. Unter der Tischkante krampfte sich meine Hand um den Stoff der Jeans, um nicht völlig die Fassung zu verlieren.

„John“, sagte Mira sanft.

Ich zuckte zusammen und riss den Kopf hoch. Ich rechnete mit einem scharfen Kommentar, mit Empörung oder kühler Distanz. Doch Miras Gesichtsausdruck war vollkommen entspannt. Da war keine Ablehnung, kein Spott. Ihre Züge waren weich, fast fürsorglich, während sie ihren Löffel beiseitelegte und mich über den Tisch hinweg musterte.

„Hey, ganz ruhig“, sagte sie mit einem warmen, aufrichtigen Lächeln. „Du musst nicht jedes Mal rot anlaufen, als hättest du etwas Verbotenes getan.“

Ich brachte keinen Ton heraus. Mein Hals war wie zugeschnürt.

Sie lehnte sich ein Stück vor, stützte das Kinn auf die verschränkten Hände und ließ den Stiefel ganz bewusst noch einmal sachte kreisen. Ihre Stimme klang vollkommen unaufgeregt, sachlich und empathisch zugleich.

„Es muss dir echt nicht peinlich sein, dass du auf schöne Stiefel und Füße stehst“, fuhr sie ruhig fort. „Wir sind Mediziner, John. Du weißt doch selbst aus der Psychosomatik, wie Neurobiologie funktioniert. Fast zwanzig Prozent aller Männer haben irgendeine Form von Fuß- oder Schuhfetisch. Es ist statistisch gesehen die mit Abstand häufigste sexuelle Vorliebe überhaupt. Viel häufiger, als die meisten Leute jemals zugeben würden.“

Ich saß wie gelähmt da. Meine Ohren glühten vor Scham, doch ihre Worte trafen mich mit einer unerwarteten, fast tröstenden Wärme.

„Ich finde es überhaupt nicht schlimm“, fügte sie leise hinzu und schmunzelte kurz. „Ganz ehrlich? Es ist mir lieber, du schaust mir fasziniert auf die Stiefel, als dass du wie die aufgeblasenen Typen aus den höheren Semestern versuchst, mir plump in den Ausschnitt zu glotzen. Also entspann dich ein bisschen. Du machst dir in letzter Zeit viel zu viel Stress.“

Ich schluckte trocken, räusperte mich und zwang mich, ihren Blick zu halten. Das Brennen auf meinen Wangen ließ allmählich nach, abgelöst von einer tiefen Dankbarkeit für ihre unkomplizierte Art.

„Danke, Mira…“, brachte ich hervor. Diesmal klang meine Stimme fester. Ich nahm einen Löffel der Suppe, um meinen Händen etwas zu tun zu geben. „Es ist nur… man rechnet im Hörsaal einfach nicht damit, so direkt ertappt zu werden. Vor allem nicht von jemandem, mit dem man sich sonst über Zytostatika streitet.“

Mira lachte hell auf, griff nach ihrem Wasserglas und lehnte sich bequem zurück. „Erstens streiten wir nicht, ich habe bei den Wechselwirkungen schlicht recht behalten. Und zweitens: Wenn wir auf Station eines lernen, dann, dass man Menschen nicht für ihre Eigenheiten verurteilt, solange sie niemandem wehtun. Da gibt es ganz andere Baustellen.“

„Das stimmt allerdings“, erwiderte ich und spürte, wie sich ein Teil der eisernen Anspannung in meiner Brust löste. Es tat unendlich gut, für ein paar Minuten einfach nur als ganz normaler Student wahrgenommen zu werden. „Wobei die größte Baustelle gerade eher das Pharmakologie-Testat am Donnerstag ist. Hast du dir den Stoff über die Antiarrhythmika überhaupt schon komplett reingezogen? Ich hänge immer noch bei Klasse III und den ganzen QT-Zeit-Verlängerungen fest.“

„Och, Klasse III ist doch geschenkt, Amiodaron und seine hundert Nebenwirkungen kann man sich zur Not zusammenreimen“, winkte Mira ab und verdrehte scherzhaft die Augen. „Mir machen eher die atypischen Neuroleptika Sorgen. Wenn Prof. Keller wieder anfängt, Rezeptorprofile bis ins kleinste Detail abzufragen, sehe ich schwarz. Setzen wir uns morgen nach der Visite wieder für zwei Stunden in die Bib und kreuzen Altfakten?“

„Klingt vernünftig“, nickte ich und zwang mich zu einem aufrichtigen Lächeln. „Ohne dein Schema für die Rezeptoren hätte ich das letzte Physiologie-Testat wahrscheinlich sowieso in den Sand gesetzt.“

„Siehst du, Teamwork“, sagte sie zufrieden und biss in ihr Brötchen. „Und was steht bei dir heute Nachmittag noch an? Bleibst du noch für die Nachlese der Inneren da?“

Mein Magen zog sich bei der Frage schlagartig wieder zusammen, und das kurze Gefühl von Leichtigkeit verflog im Bruchteil einer Sekunde.

„Nein… leider nicht“, antwortete ich rasch und hoffte inständig, dass meine Stimme nicht flatterte. „Ich habe nachher noch eine… familiäre Verpflichtung. Ein Termin in Charlottenburg, den ich nicht verschieben kann.“

„Familienkram am Montagnachmittag, herrlich“, schmunzelte sie ahnungslos, während ihre Stiefelspitze unter dem Tisch in ruhigem Takt neben meinem Schienbein verharrte. „Na dann, viel Spaß dabei. Lass dich nicht unterkriegen.“

Sie ahnte nicht im Geringsten, was wirklich unter meiner Kleidung vor sich ging – dass diese scheinbar harmlose Normalität nur eine hauchdünne Kulisse war, hinter der eine grausame, unausweichliche Realität auf mich lauerte.

Und während sie ihren Teller beiseite schob und mir lächelnd eine Serviette herüberreichte, spürte ich tief in der Hosentasche die schwere, kalte Vibration meines Smartphones.

Ein kurzer, unauffälliger Blick unter der Tischkante genügte: Das Display leuchtete weiß auf. Eine Direktnachricht von Loona über *Kidslox*:

„14:30 Uhr, Maison Beauté. Sei pünktlich. Nachlasern steht an. Ich erwarte dich vor der Tür.“

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