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Ich werde angesprochen

Chapter 5 by gruetze

"Entschuldigung, hast du vielleicht Feuer?" Die Stimme kommt von links, tief und selbstbewusst. Als ich mich umdrehe, steht ein Typ Mitte zwanzig vor mir – dunkle Locken, die ihm lässig in die Stirn fallen, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Sein Blick wandert ungeniert von meinen Highheels hoch bis zu meinem Gesicht, und ich spüre, wie mir eine ungewohnte Wärme in die Wangen steigt.
"Ich rauche nicht", sage ich und höre meine eigene Stimme – höher, weicher als gewohnt, aber überraschend sicher. Die Worte kommen mir leicht über die Lippen, als hätte ich sie schon tausendmal so gesprochen. Der Typ grinst, schiebt eine Hand in die Jeansasche und zuckt mit den Schultern. "Schade. Aber eigentlich..." Sein Blick streift mich von Kopf bis Fuß, langsamer als höflich, aber nicht aufdringlich. "Eigentlich wollte ich nur Hallo sagen."
Mein Herz macht einen Satz, als ich seinen Blick spüre – intensiv, direkt, unverhohlen. Wie oft habe ich selbst so Frauen angesehen, ohne nachzudenken? Jetzt, wo diese Blicke mir gelten, fühlt es sich an, als würde mir jemand unter die Haut greifen. Seine Augen sind hellbraun, fast honigfarben in der Sonne, und sie bleiben auf meinem Gesicht haften, während ein leises Lächeln um seine Lippen spielt. "Hallo", sagt er noch einmal und macht seine Ankündigung damit wahr.
Ich öffne den Mund, aber kein Ton kommt heraus. Meine Finger verkrampfen sich um den Tragegriff der Einkaufstasche, bis die Plastikhenkel sich in meine Handflächen graben. Wie reagiert man als Frau auf so etwas? Freundlich? Distanziert? Die Sekunden dehnen sich, während mein Verstand rast. Seine Augenbrauen heben sich leicht, als das Schweigen länger wird als angenehm.
"Hi", bringe ich schließlich hervor, ein einziges Wort, das sich anfühlt wie ein Sprung ins kalte Wasser. Meine Stimme klingt fremd in meinen eigenen Ohren – also noch ungewohnter als bisher. Unsicherheit, die ich nicht unterdrücken kann. Der Typ vor mir grinst breiter, als hätte ich gerade etwas Unerhörtes gesagt. Seine Zähne blitzen weiß im Sonnenlicht.
Sein Grinsen wird noch breiter, als ich meine Einkaufstasche nervös zwischen den Händen hin und her schiebe. "Ich bin Tom", sagt er und streckt mir die Hand entgegen. Seine Finger sind lang, die Nägel kurz geschnitten, und als ich zögernd meine Hand hebe, umschließt er sie mit einer Wärme, die mir direkt bis in die Ellenbogen schießt. "Ich—", beginne ich automatisch, beiße mir dann aber schnell auf die Unterlippe. "Lara?", frage ich. Er schaut mich an „fragst du mich das?“ „Lara!“ antworte ich. Diesmal keine Frage.
"Lara", wiederholt Tom und lässt meinen Namen auf der Zunge zergehen, als würde er ihn probieren. "Schöner Name. Passend." Sein Daumen streift beim Loslassen meinen Handrücken – eine winzige Berührung, die mir einen Schauer über den Rücken jagt. Ich muss mich daran erinnern, dass ich jetzt nicht mehr derjenige bin, der solche Spielchen initiiert. Jetzt bin ich auf der anderen Seite.
"Kaffee?" Tom deutet mit dem Kinn zum Café auf der anderen Straßenseite, dessen kleine Tische sich unter blau-weißen Markisen drängen. "Ich würde dich gern auf einen Kaffee einladen, Lara." Sein Blick bleibt auf meinem Gesicht haften, während seine Finger geduldig mit einer losen Faser an seiner Jeans spielen. Etwas in seiner Art lässt mich spüren, dass er gewohnt ist, mit dieser Frage Erfolg zu haben.

Mein Herzschlag hämmert gegen meine Rippen, als ich Toms Einladung erwäge. Ein Teil von mir – der rationale, ängstliche Teil – schreit, dass ich sofort weglaufen sollte. Aber ein anderer Teil, dieser neue, unerforschte Teil, der seit diesem Morgen in mir wächst, reckt sich nach der Möglichkeit. Warum nicht? Wer würde schon Verdacht schöpfen? Für die Welt bin ich jetzt Lara.

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