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Zwischenspiel

Die Tage nach dem Termin auf dem Neuköllner Gewerbehof vergingen in einer eigentümlichen, lähmenden Schwebe. Mein gesamtes Dasein war auf eine Frist von vierzehn Tagen geschrumpft – vierzehn Tage, in denen das provisorische Edelstahlgehäuse bei jedem Schritt gegen meine Oberschenkel schlug und mich unbarmherzig daran erinnerte, dass die letzten Reste meiner Freiheit abliefen.

An der Charité saß ich neben Mira im hell erleuchteten Seminarraum des Campus Mitte. Auf dem Bildschirm vor uns leuchteten MRT-Schichtaufnahmen des Beckens, weiße Konturen von Knochen, Sehnen und Weichteilen auf pechschwarzem Grund. Mira, mit ihrem zerzausten braunen Dutt und der randlosen Brille, tippte konzentriert auf ihrer Tastatur herum, nippte an ihrem Thermosbecher und schob mir ein Skript herüber.

„Schau dir mal die Schnittführung bei Schnitt acht an, John“, sagte sie völlig ungezwungen und deutete mit der Kappe ihres Kugelschreibers auf das Display. „Die topografische Lage der Schwellkörper zur Symphyse… Wenn du das in der Anatomieklausur nicht millimetergenau parat hast, zieht der Prüfer dich nach Strich und Faden ab. Weißt du noch die genauen Maße der corpora cavernosa im Ruhezustand?“

Ein Schauder kroch mir über den Nacken, heiß und eisig zugleich. Ich saß kerzengerade auf dem harten Holzstuhl. Bei jeder kleinsten Gewichtsverlagerung stieß das plumpe Vorhängeschloss dumpf gegen den Zylinder, und der Stahlring klemmte sich unbarmherzig in die ohnehin wunde Dammnaht. Vor meinem inneren Auge sah ich nicht das Lehrbuch; ich sah Carolas kalten Messschieber im grellen Neonlicht des Messraums. Ich sah ihre behandschuhten Finger und hörte ihre nüchterne, ungerührte Stimme: Ruhelänge: Fünfeinhalb Zentimeter. Hülse: Fünfunddreißig Millimeter.

Fünfunddreißig Millimeter. Und darüber eingraviert: Loonas Eigentum.

„Ja… klar“, brachte ich mit trockener Kehle hervor und räusperte mich mühsam. „Fünf bis sieben Zentimeter im Schnitt… je nach… Veranlagung.“

Mira lachte kurz auf, ohne aufzusehen. „Genau. Und unter fünf sprechen wir klinisch schon von extremer Atrophie. Aber gut, das müssen wir uns zum Glück nur theoretisch merken.“

Ich nickte mechanisch, die Zähne fest aufeinandergebissen. Mein Blick wanderte an mir herab. Unter dem dicken Jeansstoff zeichnete sich nichts ab als eine tote, kühle Leere. Mira ahnte nicht im Entferntesten, dass der Mann, der neben ihr Diagnosen büffelte, wenige Zentimeter tiefer bereits auf das Format eines Daumenstumpfes zusammengequetscht war und in weniger als zwei Wochen eine anatomische Klemme aus Chirurgenstahl erhalten würde, die jede Regung mit schneidendem Schmerz quittierte.

Zu Hause in der WG gab es kein Entkommen vor der Realität. Loona hielt die Zügel straff. Ich bewegte mich durch die hohen Altbauräume wie ein Schatten: Ich wusch ihre Wäsche, polierte das Parkett, stellte jeden Morgen pünktlich frischen Kaffee und geschnittenes Obst an ihren Platz und räumte ab, ohne dass ein Laut meine Lippen verließ. Sie beachtete mich kaum, doch diese beiläufige Selbstverständlichkeit schnitt tiefer als jede offene Härte. Wenn sie am Küchentisch saß und auf ihrem Smartphone scrollte, genügte ein kurzes Schnippen ihrer lackierten Fingernägel, und ich kniete neben ihrem Stuhl, um ihr die Hausschuhe von den nackten Füßen zu streifen.

Mitte der zweiten Woche schickte sie mir eine knappe Nachricht: „16 Uhr. Café Einstein an der Kurfürstenstraße. Du holst uns ab. Pünktlich.“

Als ich den Salon des traditionsreichen Kaffeehauses betrat, fiel mein Blick sofort auf den Ecktipp am Fenster. Loona saß dort im dunkelgrünen Seidenblazer, die Beine elegant übereinandergeschlagen. Ihr gegenüber saß Nadja. Nadjas asymmetrischer, platinblonder Bob hob sich scharf von ihrer schwarzen Lederjacke ab; sie trug tiefschwarz lackierte Nägel, rauchte trotz des Verbots lässig an einer schlanken E-Zigarette und ließ ihren Blick mit einer kühlen, spöttischen Arroganz durch das Lokal schweifen.

Als ich an den Tisch trat, verstummten die beiden nicht etwa – sie ignorierten mich schlichtweg, als sei ein Kellner herangetreten.

„…sag ich dir, der Typ im KitKat dachte wirklich, er hätte eine Chance“, lachte Nadja heiser und strich sich eine Strähne hinter das gepiercte Ohr. „Dabei hat er nicht mal kapiert, dass er schon nach zehn Minuten an der Leine hing.“

„Manchen muss man eben erst handwerklich beibringen, wo ihr Platz ist“, entgegnete Loona geschmeidig, nippte an ihrem Espresso und sah erst dann beiläufig zu mir auf. Ihre smaragdgrünen Augen blitzten amüsiert. „Ah, John. Nimm die Tüten. Wir gehen.“

Neben der Bank standen vier edle Papiertragetaschen aus Boutiquen am Ku’damm. Ich bückte mich gehorsam, nahm die Henkel auf und spürte, wie das alte Schloss bei der Beugung empfindlich in mein Schambein rammte. Ein leises, metallisches Scheppern war unter meiner Stoffhose zu vernehmen.

Nadjas Blick wanderte an mir herab. Ihre Augenbraue wanderte nach oben, und ein schmales, wissendes Lächeln trat auf ihre Lippen.

„Sag mal, Loona… klappert dein Mitbewohner immer so, wenn er läuft?“, fragte Nadja mit schneidendem Spott und blies einen feinen Dampffaden in meine Richtung. „Das klingt ja wie eine rostige Schubkarre.“

Loona erhob sich, strich ihren Mantel glatt und warf mir einen Blick voll kühler Vorfreude zu.

„Nicht mehr lange, Nadja“, antwortete sie beiläufig und legte die Hand auf meine Schulter, wobei ihre Nägel leicht zudrückten. „Wir haben das alte Zeug bald hinter uns. Die Manufaktur meldet sich in den nächsten Tagen. Dann sitzt alles so nahtlos, dass man keinen Laut mehr hört – nur noch spürt.“

Nadja lachte leise auf, musterte mich wie ein Ausstellungsstück auf einer Auktion und schüttelte amüsiert den Kopf. „Klingt vernünftig. Präzision geht über alles.“

Ich ging zwei Schritte hinter ihnen durch den Nieselregen zum Wagen, schwer beladen mit ihren Einkäufen, unfähig, etwas anderes zu tun, als stumm die Augen auf das Pflaster zu richten. Der Gedanke, dass Nadja – diese eiskalte Clubgängerin, die mich kaum eines Blickes würdigte – genau wusste, was mit mir geschah, trieb mir die Schamesröte in den Kragen.

Die eigentliche Zerreißprobe folgte jedoch am Freitagabend.

Mein Headset knackte, als ich mich auf den Bürostuhl in meinem Zimmer setzte. Auf dem Bildschirm öffnete sich das Discord-Fenster, und das vertraute, dröhnende Lachen von Timo schallte durch meine Kopfhörer.

„Bro! Endlich!“, rief Timo euphorisch. Das Klackern seines Controllers war laut zu hören. „Ich dachte schon, du hängst heute wieder bis Mitternacht über deinen dämlichen Anatomie-Atlanten! Komm in die Lobby, die Runde startet gleich.“

„Bin schon da“, sagte ich und zwang mich zu einem lockeren, rauen Kumpelton.

Ich saß in einer weiten grauen Jogginghose vor dem Rechner. Jede Bewegung auf dem Polster war eine Qual; das rohe China-Modell klemmte das Gewebe ein. Meine Hände lagen auf Tastatur und Maus, während Timo drauflosredete wie ein Wasserfall.

„Alter, ich sag’s dir, die Woche hier an der Uni war die reinste Hölle nach diesem Wochenende in Berlin“, feierte er ungeniert weiter, während unsere Spielfiguren durch die virtuelle Landschaft sprinteten. „Ich zehre immer noch davon. Loona ist echt der absolute Wahnsinn, John. Ich hab noch nie ein Mädel getroffen, das so… so hemmungslos ist. Ich hab den Jungs hier in der Fachschaft schon erzählt, was für ein verfluchter Glückspilz du bist, mit so einer Traumfrau in einer WG zu hocken.“

„Ja… sie ist… besonders“, murmelte ich, während ich krampfhaft versuchte, mein Fadenkreuz ruhig zu halten. Mein Puls raste.

„Besonders ist gar kein Wort, Mann!“, lachte Timo schallend. „Und du bist echt der entspannteste Bro der Welt. Weißt du, wie viele Typen da einen Eifersuchtstrip geschoben hätten? Aber du… du machst uns am nächsten Morgen noch Spiegeleier! Ich schwöre dir, John, nächstes Mal bring ich einen Kasten feinstes fränkisches Bier mit, und dann lassen wir es so richtig krachen!“

In diesem Moment drückte die Klinke meiner Zimmertür herunter.

Lautlos glitt die Tür auf. Loona stand im Türrahmen. Sie trug ein schlichtes, figurbetontes schwarzes Kleid, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre grünen Augen fixierten mich durch das Halbdunkel des Zimmers.

Sie wusste genau, mit wem ich sprach. Ein grausames, amüsiertes Lächeln trat auf ihre Lippen. Sie schritt lautlos über den Dielenboden auf meinen Schreibtisch zu.

„…Hey, John? Bist du noch dran? Deck mal die Flanke ab, da kommt einer!“, dröhnte Timos Stimme laut aus den Ohrmuscheln.

„Bin… bin da“, presste ich hervor.

Loona blieb direkt neben meinem Drehstuhl stehen. Sie neigte sich langsam herab, bis ihr Mund nur wenige Zentimeter von meinem Ohr entfernt war, direkt am Mikrofon meines Headsets. Ihr warmer, vertrauter Duft hüllte mich ein. Doch anstatt ein Wort zu sagen, glitt ihre Hand langsam an meiner Oberschenkelinnenseite hinab. Ihre Finger schlossen sich um das schwere Vorhängeschloss unter dem Sweatstoff meiner Hose und zogen ruckartig daran.

Der Ruck riss den Stahlring tief in meine gereizte Haut. Ein stechender, brutaler Schmerz fuhr durch mein Becken.

Ich biss mir mit aller Wucht auf die Unterlippe, bis ich das metallische Salz meines eigenen Blutes schmeckte. Meine Finger verkrampften sich um die Maus, meine Knöchel traten weiß hervor – doch ich durfte keinen Laut von mir geben. Kein Stöhnen, kein Keuchen. Nichts, was Timos naive Illusion zerstören konnte.

„Alles klar bei dir, Bro? Du zielst grad wie ein Anfänger!“, rief Timo amüsiert durch die Leitung.

„Alles… gut. Nur abgerutscht“, brachte ich mit bebender, aber kontrollierter Stimme heraus.

Loonas Lippen berührten ganz leicht meine Schläfe.

„Carola hat eben angerufen“, hauchte sie mir mit samtener Kälte ins Ohr, so leise, dass die Rauschunterdrückung des Mikrofons kein einziges Wort übertrug. „Das Werkstück ist fertig poliert. Montag früh um neun. Mach dich bereit, mein Diener. Deine Schonfrist ist vorbei.“

Sie ließ das Schloss los, tätschelte herablassend meine Wange und schritt mit federnden Schritten wieder aus dem Zimmer. Die Tür fiel lautlos ins Schloss.

Ich saß da, den Blick starr auf den flimmernden Monitor gerichtet, während Timo am anderen Ende der Leitung über seine Pläne für das nächste Semester parlierte. Mein ganzes Fleisch zitterte vor Schmerz und schwindelerregender, abartiger Erwartung. Das Provisorium hatte seine Tage gezählt. Ab Montag gab es kein Zurück mehr.

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