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Das Provisorium ist Geschichte
Der Regen über Neukölln hatte sich gelegt, doch der graue Dunst hing zäh über den Backsteingebäuden, als Loona den Wagen um viertel vor neun auf den Gewerbehof steuerte.
„Wir sind fünfzehn Minuten zu früh“, stellte ich mit belegter Stimme fest, den Blick starr auf das kleine Metallschild der Manufaktur gerichtet. Mein Schambein schmerzte dumpf; der billige Zylinder drückte bei jeder kleinsten Regung gegen meine wunden Schenkel.
„Macht nichts“, erwiderte Loona gelassen, zog den Schlüssel ab und griff nach ihrer Handtasche, in der die restlichen Scheine aus Richards Umschlag steckten. „Sie wird schon da sein. Und du kriegst keine Extraminute geschenkt. Aussteigen.“
Die schwere Stahltür war diesmal nur angelehnt. Als wir den Vorraum betraten, drangen leise Stimmen durch die hölzerne Durchgangstür des Messraums. Wir blieben vor dem Tresen aus Sichtbeton stehen. Loona lehnte sich mit verschränkten Armen an das kühle Pult, während ich wie festgewurzelt zwei Schritte hinter ihr verharrte.
„…die Belastung auf den Halswirbeln ist bei dieser Schließe minimal, Frau Weber“, hallte Carolas sachliche, tiefe Stimme gedämpft herüber. „Solange Sie den Zugwinkel unter fünfundvierzig Grad halten, federt der integrierte Ring das Körpergewicht sauber ab.“
„Sehr gut. Dann nehme ich die geschwärzte Ausführung mit dem Sicherungsstift“, antwortete eine sonore, gepflegte Frauenstimme. „Er neigt dazu, sich bei längeren Sitzungen nach vorn sacken zu lassen. Das wird ihm die Haltung beibringen.“
Ein kurzes, metallisches Schnappen ertönte, gefolgt von einem unterdrückten, heiseren Keuchen – kein Schrei, sondern das erstickte Geräusch eines Mannes, dem auf der Stelle die Luft knapp wurde.
„Perfekt. Sie sehen: Null Spielraum an der Kehle“, stellte Carola ungerührt fest, als beschreibe sie ein Werkstück an einer Drehbank. „Tragedauer zunächst nicht über vier Stunden täglich.“
Mein Herz raste gegen die Rippen. In meinem Kopf explodierten die Bilder: Ein anderer Mann, vermutlich ein angesehener Bürger oder Akademiker, der dort drinnen stand, den Hals in eine eiskalte Manschette gezwängt, während zwei Frauen völlig geschäftsmäßig über seine physische Führung verhandelten. Die sterile, unaufgeregte Professionalität dieses Orts schnürte mir die Kehle zu. Es gab hier kein übertriebenes Schauspiel, keine Pose für Schaulustige; es war die blanke, handwerkliche Selbstverständlichkeit, mit der hier über Körper verfügt wurde. Und ich stand draußen, spürte das schwere Vorhängeschloss an meinem Schaft pendeln und wusste mit brennender Scham, dass mein Platz genau auf derselben Stufe lag – jemand, dessen Grenzen und Bedürfnisse vollständig in die Hände einer anderen Person gelegt worden waren.
Loona drehte den Kopf leicht zu mir herum. Ihre smaragdgrünen Augen funkelten spöttisch.
„Hörst du das, John?“, hauchte sie mir mit samtener Bosheit zu. „Manche müssen am Hals gezähmt werden. Bei dir reicht zum Glück ein kleiner Verschluss am Schambein, um dich brav zu halten.“
Die Durchgangstür glitt auf. Eine elegante Dame im beigen Trenchcoat trat heraus, nickte Carola distanziert zu und passierte uns, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen. Ein Schritt hinter ihr ging ein schlanker Mann im dunklen Maßanzug – der Kragen seines Hemdes saß auffallend steif und eng, der Blick starr auf ihre Fersen gerichtet, die Hände diszipliniert auf dem Rücken gehalten. Sie verließen das Gebäude, die schwere Außentür fiel ins Schloss.
Carola trat an den Tresen. Sie trug dieselbe graue Werkstattschürze, das aschblonde Haar straff zurückgebunden, und musterte uns durch ihre Brille.
„Guten Morgen. Sie sind pünktlich“, sagte sie trocken. „Das Werkstück und das Zubehörset sind fertig. Kommen Sie durch.“
Im weiß gekachelten Messraum lag auf dem Edelstahltisch ein flaches, schwarzes Lederetui aufgeklappt, daneben ein großer, schwerer Koffer aus schwarzem Aluminium mit Schaumstoffeinlage.
Im Etui ruhte der neue Käfig.
Er sah vollkommen anders aus als das bisherige Provisorium. Gefertigt aus schwerem, seidig-matt gestrahltem Chirurgenstahl, nahtlos, ohne eine einzige Schweißkante. Die Hülse war beängstigend winzig – exakt fünfunddreißig Millimeter kurz, vorne flach zulaufend. In die massive Kappe war das M10-Feingewinde millimetergenau eingelassen, sauber gefast und spiegelblank geschnitten. Direkt auf dem oberen Steg, haarscharf in das matte Metall gelasert, prangten die geschwungenen Lettern: *Loonas Eigentum*.
Carola streifte ein Paar schwarze Nitrilhandschuhe über. „Hose und Unterwäsche runter, bitte. Auf das Podest.“
Ich gehorchte wie betäubt. Ich lockerte die Kordel, trat aus dem dicken Stoff und stellte mich nackt vor den großen Spiegel.
Loona trat sofort an mich heran. Mit einer schnellen Drehung öffnete sie das alte Messingschloss. Der Bolzen glitt heraus; sie riss das klappernde Edelstahlrohr samt den feuchten Bändern ab und warf es scheppernd in den Metallabfall unter dem Tisch.
„Ausgemustert“, stellte sie kühl fest.
Mein geschrumpftes Fleisch lag frei im hellen Raum. Nach den Wochen im Käfig bot es ein jämmerliches Bild: blass, hypersensibel, von tiefen roten Druckstellen an der Wurzel gezeichnet und durch die permanente Kompression auf ein winziges Anhängsel zusammengezogen. Carola trat heran, nahm eine kleine Flasche medizinisches Silikongel und benetzte ihre behandschuhten Finger.
„Wir montieren zuerst den asymmetrischen Basisring“, erklärte Carola geschäftsmäßig, ohne mir ins Gesicht zu sehen.
Sie griff ohne Scheu an meine Scham, hob die Hoden an und führte den massiven, kühlen Ring hinter den Hodensack. Die Passform war unerbittlich: Die anatomische Wölbung an der Unterseite schmiegte sich lückenlos an die Dammnaht, während der obere Bogen fest auf mein Schambein drückte. Kein Spiel, kein Wackeln.
Dann nahm sie die winzige Micro-Hülse. Sie strich etwas Gel über meine empfindliche Eichel und stülpte den Zylinder darüber. Das Gefühl war niederschmetternd: Der matte Stahl war so kurz geschnitten, dass mein schlaffes Fleisch mit sanftem, aber stetigem Nachdruck in die Hülse gepresst werden musste, bis die Eichel direkt an die verstärkte Frontplatte stieß.
„Einatmen“, wies Carola an.
Sie schob die gehärteten Verbindungszapfen der Hülse passgenau in die Aussparungen des Rings. An der Unterseite des Gehäuses befand sich kein Vorhängeschloss mehr, sondern ein winziger, bündig eingelassener Zylinderstift. Carola nahm einen flachen, gezackten Rundprofilschlüssel aus dem Etui und schob ihn in das zierliche Schlüsselloch an der Unterseite.
„Das Schließsystem funktioniert über einen innenliegenden Rotationsriegel mit vier Zuhaltungsstiften“, erklärte Carola vollkommen sachlich, während sie den Schlüssel ansetzte und ausschließlich zu Loona sprach. „Es schließt vollautomatisch durch axialen Druck. Zum Entriegeln führen Sie diesen Spezialschlüssel ein, drücken ihn gegen die Federung leicht nach innen und drehen ihn um genau neunzig Grad im Uhrzeigersinn. Der Riegel gibt dann die beiden Arretierbolzen frei, und die Hülse gleitet nach vorn ab. Ohne Schlüssel ist das System zerstörungsfrei nicht zu öffnen.“
Sie drehte den Schlüssel zurück, zog ihn heraus und drückte die beiden Segmente mit den Daumen fest gegeneinander.
Ein sattes, trockenes *Klick*.
Der Zylinder rastete bündig ein. Das Gehäuse bildete nun eine fugenlose Einheit aus kaltem Chirurgenstahl. Es gab keine Ösen, keinen Bügel, keine Angriffspunkte – nur eine glatte, unnachgiebige Schale, die mein Fleisch mit gnadenlosem Druck umschloss. Wenn ich anspannen wollte, stieß die Eichel sofort gegen das kalte Metall der Kappe, und ein scharfer Zugschmerz fuhr durch die Hodenstränge.
„Exzellente Passform“, urteilte Carola neutral. „Keine Faltenbildung, kein Spielraum. Nun zur Schnittstelle.“
Sie drehte den großen Aluminiumkoffer auf dem Tisch zu sich herum und klappte den Deckel auf. In maßgefertigten Nestern aus schwarzem Hartschaum lagen vier verschiedene Penisattrappen aus medizinischem Platin-Silikon, sorgfältig nach Härtegrad und Größe sortiert: beginnend bei einem schlanken Modell von sechzehn Zentimetern bis hin zu einem monströsen, fast fünfundzwanzig Zentimeter langen, massiv geaderten Koloss mit ausgeprägter Eichel. Aus jedem Sockel ragte derselbe präzise gefräste M10-Edelstahlgewindebolzen.
Carola griff nach der mittleren Ausführung – zwanzig Zentimeter fleischfarbenes, schweres Silikon, extrem prall und dick ausgeformt.
Sie trat vor mich, setzte den Bolzen an die zentrierte Gewindebohrung der Frontplatte an und begann zu drehen. Die Gänge griffen lautlos. Mit jeder Umdrehung rückte die künstliche Erektion näher an meinen Körper heran, bis der breite Silikonsockel bündig und unverrückbar vor der Micro-Hülse saß.
Der Blick in den großen Spiegel schnürte mir die Kehle zu. Mein eigener Schaft war durch die wochenlange Kapselung zu einem verkümmerten Stummel degeneriert, der nun völlig unsichtbar in fünfunddreißig Millimetern kaltem Stahl erstickte. Und direkt davor thronte eine fremde, gewaltige Waffe aus Silikon – doppelt so lang und dreimal so dick wie alles, was mein Körper jemals selbst hervorgebracht hatte. Mein eigenes Geschlecht war vollkommen überdeckt und durch einen starren, übermächtigen Aufsatz ersetzt worden.
„Testen Sie bitte die Verankerung, Frau Loona“, forderte Carola auf.
Loona trat vor das Podest. Ein Lächeln von berauschender Kälte umspielte ihre Züge. Ihre smaragdgrünen Augen leuchteten auf, als sie den grotesken Kontrast im Spiegel musterte.
„Sieh dich an, John“, flüsterte sie mit samtener Häme. „So viel Fleisch hatte dein Körper noch nie zu bieten. Du bist endlich nützlich.“
Sie fasste die Silikonattrappe mit beiden Händen und riss ruckartig daran – zog sie nach oben, rammte sie zur Seite und stieß sie mit Wucht nach hinten.
Jeder einzelne Stoß schlug über das massive Gewinde ungefiltert in den Chirurgenstahlring ein. Die Kanten pressten sich mit erbarmungsloser Härte in meine Dammnaht und gegen das Schambein; die Haltestifte zerrten an meinen Hodensträngen. Ein erstickter Laut entfuhr meiner Kehle, meine Zehen krallten sich in das Holz des Podests. Doch die Konstruktion gab keinen Millimeter nach. Das Gewinde saß bombenfest.
„Hervorragend“, sagte Loona zufrieden und strich mit den lackierten Fingernägeln über die Lasergravur *Loonas Eigentum* an der oberen Hülse.
Mit wenigen geschmeidigen Drehungen schraubte sie den Silikonschaft wieder ab und legte ihn zurück in das passende Fach des Koffers. Carola schloss die Schnappverschlüsse des Koffers und zog die Handschuhe aus.
Sie nahm das schwarze Lederetui, in dem die beiden identischen Spezialschlüssel auf Samt lagen, klappte es zu und legte es vor Loona auf den Betontresen.
„Das modulare Komplettset inklusive der vier Sonden, des M10-Feingewindes und der beiden codierten Werksschlüssel liegt bei eintausendvierhundert Euro Restbetrag“, stellte Carola sachlich fest. Sie wandte sich direkt an Loona, schob das Etui mit den Fingerspitzen über das Holz und ließ mich vollkommen links liegen. Für sie war ich nicht der Kunde, sondern lediglich die Person, über deren Körper hier verfügt wurde – jemand, der weder gefragt werden musste, noch eigene Entscheidungen traf. „Die Schlüssel gibt es nur in zweifacher Ausfertigung. Eine Nachbestellung ist nur unter Vorlage der beiliegenden Codekarte möglich. Sie allein haben die Verfügungsgewalt. Verwahren Sie das zweite Exemplar an einem sicheren Ort.“
Loona lächelte amüsiert. „Keine Sorge. Er wird keinen davon jemals zu Gesicht bekommen.“
Sie griff in ihre Handtasche, zog Richards weißen Umschlag hervor und zählte vierzehn druckfrische Hundert-Euro-Scheine gelassen auf den Sichtbetontresen. Für sie war es Richards Geld, investiert in die lückenlose Perfektionierung ihres Werkzeugs. Carola zählte die Scheine mit geübten Fingern nach, schloss die Kasse und überreichte die Quittung.
„Vielen Dank für den Auftrag, Frau Loona“, sagte Carola mit kühler Höflichkeit. Dann blickte sie kurz zu mir herüber, ohne mich wirklich anzusehen, als ginge es um eine Formsache: „Sie können sich wieder anziehen.“
Ich stand auf dem Podest, während mein Gesicht brannte vor Scham. Ich hatte in diesem gesamten Prozess kein einziges Wort mitzureden gehabt. Niemand hatte mich gefragt, ob der Druck erträglich war oder ob ich mit der Gravur einverstanden war. Meine Rolle bestand einzig darin, stillzuhalten und die Entscheidungen auszuführen, die Loona über mich gefällt hatte.
Loona nahm das Etui an sich, ließ die Schlüssel tief in ihrer Manteltasche verschwinden und griff nach dem schweren Koffer.
Ich stieg mit wackeligen Knien vom Podest und zog die Stoffhose hoch. Der Unterschied zum alten Provisorium war atemberaubend: Kein Klappern, kein Vorhängeschloss, kein Spielraum. Der Micro-Käfig drückte mein Fleisch so extrem flach an den Körper, dass meine Scham unter dem Stoff vollkommen eben wirkte. Doch bei jedem Schritt erinnerte mich die eiskalte Schwere des Chirurgenstahls daran, dass ich nie wieder eigenständig sein würde.
Als wir den Wagen erreichten, stellte Loona den Koffer mit den verschiedenen Größen auf die Rückbank und schlug die Tür zu. Sie setzte sich ans Steuer, wandte sich zu mir um und musterte mein bleiches Gesicht mit vollendeter Genugtuung.
„Das Provisorium ist Geschichte, John“, flüsterte sie mit samtener Härte. „Jetzt geht es nach Hause."
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