What's next?

Heimweg

Jeder Schritt auf dem feuchten Asphalt brannte wie geschmolzenes Blei.

Ich hastete den Bürgersteig am Kottbusser Damm hinunter, den Kopf tief in den Kragen meiner Jacke vergraben. Um mich herum lärmte der Berliner Abendverkehr: das dumpfe Grollen der Motoren, grelle Scheinwerfer, das Klirren von Flaschen vor einem Späti. Normalerweise ging dieser Trubel spurlos an mir vorbei, doch heute fühlte sich jede Bewegung, jeder fremde Blick wie ein Scheinwerfer an, der unbarmherzig auf meine Mitte gerichtet war.

Unter dem unnachgiebigen Denim saß das Gehäuse nach dem Ruck am Maybachufer schief und gnadenlos straff. Das Silikon, das mich am Sonntag noch geschützt hatte, schnitt nun bei jeder Fersenlandung tief in die gereizte Haut des Schambeins. Das Fleisch im Inneren des Zylinders pulsierte in stumpfen, quälenden Hitzewellen – aufgestachelt von dem Kuss, von Nadjas Lippen, ihrem Geruch nach Vanille und Minze, und gleichzeitig brutal eingequetscht von den eisernen Streben.

Die Treppen hinab zur U-Bahn-Station Schönleinstraße wurden zur reinen Tortur. Ich musste die Hand an das kalte Geländer klammern, um nicht ins Stolpern zu geraten.

*Was hat sie gespürt?*

Die Frage hämmerte wie eine Maschinengewehrsalve durch meinen Schädel, lauter als das Kreischen der U8, die gerade in den Bahnhof einfuhr.

Ihre Handfläche war direkt darauf gewesen. Sie hatte zugegriffen, hatte mein Becken an sich gezogen. Sie hatte nicht nach einem Schlüsselbund gegriffen – niemand verwechselt einen zylindrischen Klumpen aus Edelstahl und ein massives Vorhängeschloss mit Schlüsseln oder einer Powerbank. Sie musste die eiskalte, geometrische Starre unter dem Stoff gefühlt haben. Die unnatürliche Härte, wo eigentlich nachgiebiges Gewebe hätte sein müssen.

Ich drängte mich in den Waggon und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Trennscheibe neben der Tür. Der Zug ruckte an, und der Stoß fuhr mir bis in die Lenden.

*Sie weiß es. Sie muss es wissen.*

Die Scham schnürte mir die Kehle so eng zu, dass ich meinte, an der abgestandenen Tunnelluft zu ersticken. Was dachte sie jetzt von mir? Ein Perverser. Ein kranker Stiefbruder, der sich von seiner Schwester in Ketten legen ließ und dann den Mut besaß, mit ihr auszugehen? Ihr Lächeln vorhin… dieser unergründliche Blick, als ich ihr Handgelenk gepackt hatte. War das Ekel gewesen? Verachtung, die sie nur mühsam hinter Spott kaschiert hatte?

Und was, wenn sie es morgen herumerzählte? Wenn sie Timo anrief? Die Demütigung durch Emma damals in unserer eigenen Wohnung – als sie mich vor versammelter Mannschaft, vor meinen Kommilitonen wie ein willenloses Stück Dreck vorgeführt und bloßgestellt hatte – war der absolute Albtraum gewesen. Der Gedanke, dass sich diese nackte Exposition nun wiederholen könnte, trieb mir das Blut in die Schläfen.

Doch mitten in dieser lähmenden Todesangst regte sich etwas Dunkles, Perverses.

Es war der Rausch dieses verbotenen Feuers. Die Tatsache, dass ich mit dieser eisernen Schande zwischen den Beinen vor einer atemberaubenden Frau gestanden hatte. Dass sie mich geküsst hatte, während ich ein angekettetes Spielzeug war. Der Nervenkitzel, nur einen halben Zentimeter Stoff von der totalen Zerstörung meiner bürgerlichen Existenz entfernt gewesen zu sein, jagte mir eine Welle so abartiger, glühender Geilheit durch die Adern, dass mir die Knie zitterten.

Mein Körper stemmte sich unkontrollierbar gegen das Metall. Die Schwellung explodierte förmlich in dem starren Rohr, suchte verzweifelt nach Raum, presste das Fleisch gegen die Öffnungen – und genau in dieser erstickenden Enge spürte ich es: Ein heißer, klebriger Tropfen Lust strich langsam durch die Harnröhre und drückte sich feucht an die kalte Innenwand des Zylinders.

Ein heiseres, lautloses Keuchen entwich meinen Lippen. Ich war so wehrlos, so erbärmlich ausgeliefert, dass mich selbst meine eigene Vernichtung zum Überlaufen brachte.

Und über all dem schwebte die Gewissheit von dem, was mich in wenigen Minuten erwartete.

Loona.

Sie saß zu Hause. Sie wartete. Ihre Anweisung war unmissverständlich gewesen: *Lückenlos. Jedes Detail, jedes Wort, jede Berührung.*

Ich konnte sie nicht anlügen. Loona kannte jede Faser meines Körpers, sie würde an meinem Puls, an meinem zitternden Blick, an dem nassen Fleck im Käfig und an den frischen Druckstellen sofort sehen, dass etwas eskaliert war. Ich musste ihr beichten, dass Nadja mich geküsst hatte. Dass ich den Kuss erwidert hatte, während meine Hände an ihren Hüften lagen. Und vor allem: dass Nadjas Hand an meinem Käfig gewesen war, bevor ich die Notbremse ziehen konnte.

Als die Bahn an meiner Station hielt, stieß ich mich taub von der Scheibe ab. Der Wind draußen auf der Straße war schneidend kalt, doch meine Wangen glühten wie Feuer. Mit steifen, ungelenken Schritten bog ich in unsere Straße ein, den Hausschlüssel mit schweißnassen Fingern umklammert.

Im dritten Stock brannte Licht hinter den vertrauten Fenstern. Ein warmes, bernsteinfarbenes Glühen, das mich sonst mit Geborgenheit erfüllte – und mir heute den Atem raubte wie das grelle Licht eines Verhörraums.

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