What's next?

Gefährliche Ufer

Unter dem schmalen Bistrotisch wanderte ihre Stiefelspitze langsam weiter. Nicht mehr nur am Schienbein entlang, sondern höher, die Innenseite meines Oberschenkels hinauf, zielgerichtet und mit einem sanften, unnachgiebigen Druck.

Ich hielt den Atem an. Meine Finger krampften sich unwillkürlich um den Rand der Eisenplatte.

Dann traf die feste Lederkappe ihres Schuhs genau zwischen meine Schenkel. Sie stieß nicht hart zu, aber mit genug Nachdruck, um gegen die starre, unnatürliche Wölbung unter dem dunklen Denim zu drücken. Das Silikon gab keinen Millimeter nach, der Edelstahl schlug mit einem dumpfen Schlag gegen mein Schambein und übertrug den Stoß direkt in mein Fleisch. Ein scharfer Schmerzschauer jagte durch mein Becken.

Ich zuckte unwillkürlich zusammen, meine Kehle schnürte sich zu.

Nadja hielt inne. Ihre Schuhspitze blieb genau dort ruhen – zentimetergenau an der eisernen Barriere verankert. Ihr Blick glitt nicht nach unten. Sie sah mir weiterhin direkt in die Augen, doch das Lächeln auf ihren Lippen veränderte sich, wurde eine Spur schmaler, dichter, unergründlich.

„Upsi“, hauchte sie leise, ohne den Fuß auch nur einen Millimeter zurückzuziehen. Ein samtener Spott schwang in ihren Zügen mit. „Was hast du denn da in der Tasche, John? Einen ziemlich massiven Schlüsselbund? Oder freust du dich einfach nur extrem, mit mir hier zu sitzen?“

Mir schoss das Blut mit siedender Hitze in die Schläfen. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen wie eine gefangene Taube. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Wenn sie jetzt die Hand ausstreckte, wenn sie nachfühlte…

„Nur… mein Schlüsselbund. Und die Powerbank“, presste ich mühsam hervor und zwang meine Lippen zu einem flachen, mühsam gefassten Lächeln, während meine Zähne aufeinanderbissen. „Die Hosentaschen sind ziemlich eng geschnitten.“

„Mhm… scheint so“, murmelte sie, neigte den Kopf zur Seite und zog den Fuß ganz langsam zurück – quälend langsam, sodass der Lederabsatz noch einmal fühlbar über den starren Zylinder rieb.

Sie nahm einen Schluck von ihrem Tee, stellte das Glas ab und stützte die Ellbogen auf die Tischplatte. Ihre meerblauen Augen bohrten sich förmlich in meine, voller forschender Neugier.

„Apropos Schlüssel…“, begann sie beiläufig, und ihre Stimme bekam einen beinahe nachdenklichen Ton. „Sag mal, wie läuft es eigentlich bei euch in der WG? Du und Loona… ihr habt eine ganz eigenartige Dynamik, weißt du das?“

Mein Magen zog sich krampfhaft zusammen. „Wie meinst du das?“

„Na ja“, fuhr Nadja fort, strich sich eine Strähne hinters Ohr und musterte mich intensiv. „Ihr seid Stiefgeschwister, klar. Aber die Art, wie sie über dich bestimmt… wie sie dich manchmal ansieht. Sie hält dich an einer verdammt kurzen Leine, John. Man hat das Gefühl, du darfst keinen Schritt machen, ohne vorher bei ihr die Erlaubnis einzuholen. Sogar heute… du hast bestimmt genau auf die Uhr geguckt, bevor du losgegangen bist, oder?“

Jedes ihrer Worte traf mich wie ein gezielter Nadelstich. Die Scham und die Panik verschmolzen zu einer Zerreißprobe, die mir schier den Verstand raubte. Sie ahnte nichts von dem Schloss, nichts von dem Seidenband unter Loonas Kissen – und doch traf sie mit chirurgischer Präzision genau den wunden Punkt.

„Sie… sorgt sich einfach nur“, wich ich mit heiserer Stimme aus, die Finger krampfhaft in der Tischkante vergraben. „Wir kennen uns lange. Sie ist eben ein Kontrollmensch.“

„Offensichtlich“, sagte Nadja leise. Ein Herausfordern blitzte in ihrem Blick auf. Sie stand langsam auf, warf sich den Riemen ihrer kleinen Tasche über die Schulter und trat um den Tisch herum direkt an meine Seite.

Sie beugte sich zu mir herab. Ihr Duft nach Vanille und feuchter Spätsommerluft hüllte mich vollständig ein.

„Mir ist es hier draußen zu frisch geworden“, flüsterte sie dicht an meinem Ohr, ihre Hand glitt über meine Schulter hinab zu meiner Brust. „Lass uns zu mir fahren. Nach Prenzlauer Berg. Wir trinken noch einen Wein, du kannst dir die Kameras noch mal ansehen… und wir schauen einfach, wie weit deine Selbstbeherrschung wirklich reicht.“

Ein eisiger Schrecken durchzuckte mich, gefolgt von einer Welle purer, verzweifelter Lust.

*Ihre Wohnung.* Loonas Worte hämmerten mit schneidender Härte durch meinen Schädel: *Betreten der Wohnung verboten. Du bleibst draußen. Du kommst direkt heim.* Wenn ich mitging, wenn ich diese Schwelle überschritt, würde Loona mich vernichten. Aber Nadja vor den Kopf zu stoßen, ihre Einladung brüsk abzuweisen, würde die mühsam aufgebaute Maske zertrümmern.

Ich erhob mich langsam von dem Eisenstuhl, die Beine steif, das Metall bei jeder Bewegung tief in mein Fleisch schneidend. Ich stand direkt vor ihr, nur eine Handbreit Abstand zwischen unseren Körpern.

„Nadja…“, setzte ich leise an, mein Blick gefangen in ihren Lippen. „Ich… ich kann heute nicht mit zu dir hoch.“

Sie zog eine Augenbraue hoch, ein Hauch von Amüsement und gespielter Enttäuschung trat auf ihre Züge. „Tatsächlich? Läuft deine Ausgangssperre etwa schon ab?“

„Nein“, murmelte ich, trat einen halben Schritt näher an sie heran und überwand die letzte Distanz. Mein Herz raste so laut, dass ich das Rauschen des Kanals nicht mehr hörte. „Aber wenn ich heute mit zu dir komme… dann verliere ich vielleicht wirklich die Kontrolle. Und ich will, dass du dir ganz sicher bist, worauf du dich einlässt.“

Nadja sah mich an, und für einen Atemzug schien ihr die Luft wegzubleiben. Meine Worte schienen sie unvorbereitet zu treffen. Ein leises, fast ungläubiges Lächeln umspielte ihre Lippen, während ihre Hand von meiner Schulter hinauf an meine Wange glitt. Ihre Finger waren weich, seidig und brannten auf meiner Haut.

„Du bist unmöglich, John“, hauchte sie.

Sie zog mich sanft nach unten. Ihre Lippen trafen die meinen.

Der Kuss war weich, fordernd und elektrisierend. Sie schmeckte nach Minze, nach Wärme, nach einer Freiheit, die mir für immer verwehrt war. Mein ganzer Körper versteifte sich; der Stahlring schnitt wie eine glühende Klinge um die Basis meines Fleisches, als der Instinkt mich anschwellen lassen wollte und sofort brutal von den eisernen Wänden erstickt wurde. Ein stummes, gequältes Stöhnen entwich meiner Kehle in ihren Mund hinein.

Nadja vertiefte den Kuss für ein paar berauschende Sekunden, ihre Zunge streifte flüchtig meine Unterlippe, ehe sie sich ganz langsam von mir löste. Ihre Wangen glühten rosig im Schein der Lichterkette, ihre Augen leuchteten dunkel.

Sie strich mit dem Daumen sanft über meine Unterlippe, atmete leise aus und trat einen Schritt zurück auf das Kopfsteinpflaster.

„Eine Anzahlung“, flüsterte sie mit einem vielsagenden, atemberaubenden Lächeln. „Aber das nächste Mal lässt du deine Ausreden zu Hause, verstanden? Sonst hole ich dich persönlich ab.“

Sie winkte mir noch einmal kurz zu, drehte sich um und ging mit leichten Schritten in Richtung der U-Bahn-Station Schönleinstraße davon.

Ich blieb am Geländer zurück, die Hand noch immer an den Lippen, während der Schmerz und die Scham unter meinem Reißverschluss pochten wie ein offenes Feuer. Ich hatte überlebt. Ich hatte die Regeln gehalten – und doch wusste ich, dass die eigentliche Abrechnung erst jetzt bevorstand, sobald ich den Schlüssel in unserer eigenen Wohnungstür umdrehte.

Nadja sah mich an, und für einen langen Herzschlag schien ihr die Luft wegzubleiben. Der Spott auf ihren Zügen weichteiner tiefen, berauschten Neugier. Ein leises, fast ungläubiges Lächeln umspielte ihre Lippen, während ihre Hand von meiner Schulter hinauf an meine Wange glitt. Ihre Finger waren weich, seidig und brannten wie flüssiges Feuer auf meiner Haut.

„Du bist unmöglich, John“, hauchte sie, ihre Stimme nur noch ein rauchiges Flüstern im Rauschen des Kanals.

Sie zog mich sanft nach unten. Ihre Lippen trafen die meinen.

Im ersten Moment war die Berührung weich, forschend, getragen vom Geschmack nach frischer Minze und der Kühle des Abends. Doch der Funke zündete augenblicklich. Nadja gab sich nicht mit einem flüchtigen Kuss zufrieden. Sie schob sich näher an mich heran, ihre Lippen öffneten sich fordernd, und ihre Zunge glitt mit einer geschmeidigen, heißen Dringlichkeit an meiner vorbei.

Ein dumpfer Rausch schoss durch mein Bewusstsein. Meine Hände, die ich so krampfhaft an den Seiten hatte halten wollen, handelten gegen jeden Verstand: Meine Finger fanden ihre Taille, gruben sich sanft in den dicken Strickstoff ihrer Jacke und spürten die schmale, warme Kontur ihres Körpers darunter. Sie erwiderte den Griff sofort, schlang beide Arme fest um meinen Nacken und drückte sich mit ihrer ganzen Vorderseite unbarmherzig eng gegen mich.

Ihr Busen presste sich weich an meine Brust, ihr Duft nach Vanille und warmer Haut benebelte jeden klaren Gedanken. Sie küsste mich tiefer, hungriger, fast ein wenig atemlos, während ihre Hände durch meine Nackenhaare fuhren und ihre Fingerspitzen die empfindliche Haut an meinem Haaransatz kitzelten.

Dann kippte die Szene.

Aus der spielerischen Umarmung wurde ein tastendes, zügelloses Verlangen. Nadja löste eine Hand aus meinem Nacken, strich über meine Schulter hinab, über meine Brust, folgte der Linie der Hemdknöpfe bis hinunter zum Bund der engen Jeans.

Mein ganzer Körper versteifte sich zu einem einzigen, starren Block.

Sie merkte meine Starre nicht als Warnung, sondern hielt sie offenbar für pure, stockende Erregung. Ihre Finger glitten weiter. Sie fasste nach meiner Hüfte, zog mein Becken mit sanfter Gewalt näher an das ihre heran, und im selben Atemzug wanderte ihre Handfläche suchend nach vorn – genau über den straff gespannten Denimstoff meines Reißverschlusses.

*Kalter, nackter Horror schlug wie eine Schockwelle über mir zusammen.*

Der Käfig. Das Schloss. Das eiskalte, starre Rohr, das keinen Zentimeter nachgab.

Ihre Handfläche strich bereits über den oberen Rand, ihre Fingerkuppen suchten instinktiv nach der weichen, anschwellenden Härte eines gewöhnlichen Körpers – und stießen stattdessen direkt gegen die stählerne Rundung und den harten Messingbügel des Vorhängeschlosses, das sich unnachgiebig unter dem Stoff abzeichnete.

Unter dem plötzlichen Druck schnitt der breite Ring mit mörderischer Härte in mein Schambein. Mein Fleisch im Inneren des Rohrs, angefacht von ihren Lippen und ihrem betörenden Duft, versuchte verzweifelt zu wachsen und wurde von den Stahlwänden sofort brutal erstickt. Ein stummes, schneidendes Keuchen riss mir die Kehle auf.

*Sie spürt es. Sie merkt, dass das kein Fleisch ist. Sie merkt, dass ich ein Schloss trage.*

Die Scham explodierte in meinem Kopf wie eine Granate. Vor meinem inneren Auge sah ich die Fassade einstürzen: wie sie entsetzt zurückweichen, mich anstarren, die Hand wegziehen und mich vor allen Leuten am Maybachufer auslachen oder anwidert verlassen würde. Der Albtraum aus den Toilettenräumen mit Emma, die Demütigung vor fremden Augen – alles drohte in diesem einen Herzschlag wieder Wirklichkeit zu werden.

Panik riss mir das Adrenalin ins Blut.

Ich riss die Lippen von ihren los, packte hastig ihr Handgelenk – fest genug, um ihre Hand von meinem Schritt wegzuziehen, aber bemüht, nicht grob zu wirken – und trat mit einem stolpernden Schritt zurück auf das feuchte Kopfsteinpflaster. Meine Brust hob und senkte sich in heftigen, unkontrollierten Stößen. Mein Atem pfiff heiß durch meine Zähne.

„Nadja… warte. Nicht hier“, stieß ich mit brüchiger, überschlagender Stimme hervor. Meine Knie zitterten so stark, dass ich mich beinahe an der Rückenlehne des Bistrostuhls hätte festhalten müssen.

Nadja stand da, die Lippen leicht geöffnet, feucht vom Kuss, eine verirrte blonde Strähne quer über der Stirn. Ihre meerblauen Augen waren dunkel geweitet von der plötzlichen Unterbrechung. Ihr Blick glitt für den Bruchteil einer Sekunde hinab zu meinen Oberschenkeln, dorthin, wo ihre Hand gerade noch gelegen hatte, ehe sie langsam wieder zu meinem kreidebleichen Gesicht aufsah.

Ein seltsamer, fast unmerklicher Schimmer glitt über ihre Züge – eine Mischung aus Überraschung, tiefer Faszination und diesem unausweichlichen, geheimen Glühen, das ich in meiner Panik überhaupt nicht deuten konnte.

Sie zog ihr Handgelenk nicht ruckartig zurück, sondern ließ meine Finger los, während ein schmales, vielsagendes Lächeln über ihre Lippen glitt.

„Ganz schön geladen, was?“, flüsterte sie mit samtener Stimme, strich sich die Strähne gelassen aus der Stirn und musterte mich mit einem Blick, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Du bist ja völlig außer Atem, John. Und dein Herz schlägt, als wolltest du gleich ohnmächtig werden.“

„Ich… ich habe dir gesagt… dass ich mich zusammenreißen muss“, brachte ich mühsam hervor, wich ihrem Blick halb aus und klammerte meine Hände krampfhaft in die Jackentaschen, um mein Zittern zu verbergen. Unter dem Denim pulsierte die Quetschung wie ein offenes Feuer.

Nadja trat einen halben Schritt näher, legte den Kopf zur Seite und strich mir ganz sanft mit dem Zeigefinger über die Wange – eine Berührung, die so unglaublich weich war, dass sie den Schrecken für eine Sekunde dämpfte.

„Schon gut“, raunte sie leise, ein Hauch von Amüsement in der Stimme. „Ich will ja nicht, dass du mir hier am Ufer noch kollabierst.“

Sie zog den Reißverschluss ihrer Tasche zu, warf sich den Riemen über die Schulter und trat rückwärts einen Schritt in Richtung Laternenlicht.

„Aber merk dir eins, John“, flüsterte sie mit einem Lächeln, das mich bis ins Mark traf. „So leicht kommst du mir beim nächsten Mal nicht davon. Fahr schön nach Hause. Bevor dir deine Selbstbeherrschung noch komplett um die Ohren fliegt.“

Sie drehte sich um und ging mit federnden, sicheren Schritten davon in die Dunkelheit.

Ich blieb zitternd am Eisensteg zurück. Die Kälte des Herbstwindes fuhr mir durch das geöffnete Hemd, während der Edelstahl unter der Jeans heiß und gnadenlos gegen mein Becken hämmerte. Ich hatte die Berührung im letzten Wimpernschlag abgewehrt – und wusste doch, dass sie genau dort gefühlt hatte, wo meine größte Scham verriegelt lag.

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