What's next?
Die schützende Hand
Der schrille Doppelton der Gegensprechanlage riss mich jäh aus den Gedanken.
Ich fuhr mir mit dem Handrücken über die Lippen, wischte die Feuchtigkeit weg, die noch nach ihr schmeckte, und zog den Bund der dunklen Stoffhose zurecht. Unter dem festen Stoff lag der Edelstahl ruhig und dumpf an meinem Körper. Kein schneidendes Scheuern, kein stechender Druck; das weiche Silikon fing jede Bewegung ab wie ein maßgeschneiderter Puffer.
Loona trat neben mich an den Garderobenspiegel. Sie zupfte mit ruhigen Fingern meinen Hemdkragen zurecht, strich kurz über meine Brust und fing meinen Blick im Glas auf. Ihre grünen Augen wirkten erstaunlich weich, fast beschützend, vollkommen frei von jener schneidenden Kälte der letzten Tage.
„Entspann dich, John“, flüsterte sie leise. „Er weiß überhaupt nichts. Du bist hier in Sicherheit, und dir passiert heute gar nichts. Geh aufmachen.“
Ich atmete tief durch, drückte den Summer und zog die schwere Wohnungstür auf.
Schon im Treppenhaus polterte es lautstark. „Na endlich! Ich dachte schon, du bist über deinen Anatomie-Büchern verhungert!“, dröhnte Timos Stimme durch das Treppenhaus. Er schleppte eine vollgepackte Sporttasche die Stufen hoch, unter dem Arm ein Sixpack Bier, dessen Flaschen leise klirrten. Seine Lederjacke roch nach feuchtem Herbstregen und herbem Tabak.
Kaum stand er im Rahmen, ließ er die Tasche fallen, packte mich im Nacken und zog mich in eine raue, kumpelhafte Umarmung. Sein anderer Arm schlug mir derb gegen den Rücken. Mein Körper spannte sich instinktiv an, doch der Ruck verpuffte harmlos in der Polsterung.
„Mensch, Alter, gut dich zu sehen!“, grinste Timo breit, musterte mich kurz und knuffte mich gegen die Schulter. „Siehst ein bisschen blass aus, aber immerhin lebst du noch.“
„Viel Stoff im Moment, ziemlich stressig“, erwiderte ich, und zu meiner eigenen Erleichterung klang meine Stimme fast normal.
Hinter mir erklangen leise Schritte auf den Dielen. Loona trat in den Flur – in dem dunkelgrünen Seidenkleid, die Haare offen über die Schultern gelegt, ihre Haltung gelöst und beiläufig gastfreundlich. Kein herrisches Auftreten, kein abfälliger Blick.
Timos Blick blieb kurz an ihr hängen, seine Augenbrauen wanderten nach oben, doch Loona fing die Situation souverän ab, noch bevor er einen seiner typischen Sprüche bringen konnte.
„Hallo Timo“, sagte sie mit einem entspannten Lächeln und reichte ihm kurz die Hand. „Schön, dass du es geschafft hast. Stell die Tasche einfach ins Arbeitszimmer. John hat schon alles für euch vorbereitet.“
Timo grinste, schien die feine Aufmachung als normale Begrüßung abzutun, und hielt das Bier hoch. „Ich hoffe, die Konsole verstaubt nicht? Wir haben noch ein paar Rechnungen in FIFA offen, Alter.“
„Die PlayStation läuft schon warm“, erwiderte Loona, wandte sich an mich und legte mir im Vorbeigehen sanft eine Hand auf den Unterarm. Ein kleiner, unauffälliger Druck, der mir durch Mark und Bein ging – eine stille Bestätigung, dass alles gut war. „Ich gehe noch kurz rüber in den Supermarkt, ein paar Sachen für heute Abend besorgen. Macht ihr zwei es euch gemütlich. John, nimm dir ruhig ein Bier.“
Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, fiel ein zentnerschwerer Stein von meinen Schultern.
Die nächste Stunde fühlte sich an wie ein vergessenes Stück aus einem früheren Leben. Wir saßen nebeneinander auf der breiten Couch, die Controller in den Händen, die Füße auf dem niedrigen Tisch. Timo fluchte lauthals über verpatzte Pässe, rempelte mich an, jubelte über Tore und warf mir eine Schale Nüsse zu. Zum ersten Mal seit Wochen war ich einfach nur John – der Kumpel, der Medizinstudent, der Zocker. Der Käfig unter meiner Hose erinnerte mich zwar bei jeder Bewegung daran, dass mein Körper verwahrt war, aber weil nichts wehtat und Timo völlig ahnungslos neben mir saß, wandelte sich die anfängliche Beklemmung in ein berauschendes Geheimnis. Ich funktionierte. Ich hielt die Fassade mühelos aufrecht.
Gegen kurz nach sieben hörte ich den Schlüssel im Schloss. Loona war zurück und brachte zwei Papiertüten mit Lebensmitteln in die Küche.
„Pausiert mal kurz, ihr zwei“, rief sie heiter herüber. „Essen ist da. Timo, holst du noch zwei Bier aus dem Kühlschrank?“
„Bin schon unterwegs!“, rief Timo, warf den Controller auf das Kissen und schlenderte pfeifend in die Küche.
Ich stand auf, um ihm zu folgen, doch im Flur fing Loona mich ab. Sie stellte eine Schüssel mit Weintrauben auf die Kommode, griff nach meiner Hand und zog mich sachte ein paar Schritte zurück in den abgedunkelten Bereich des Flurs, wo Timo uns aus der Küche nicht sehen konnte.
Sie musterte mich aufmerksam. Ihre grünen Augen wirkten warm und fürsorglich.
„Wie geht es dir?“, fragte sie leise, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Drückt irgendwas? Sitzt das Silikon gut?“
„Alles gut“, flüsterte ich ehrlich, mein Herz klopfte ruhig und fest. „Es tut überhaupt nicht weh.“
Ein zartes Lächeln glitt über ihre Züge. Sie strich mir mit den Fingerspitzen sanft über die Wange – eine Geste voller Ruhe, die mich tief berührte.
„Du machst das großartig, John“, murmelte sie. „Nadja kommt in einer Dreiviertelstunde. Wir kochen zusammen, trinken ein bisschen was, und gegen Mitternacht fährt sie wieder zu sich nach Hause. Nur damit du Bescheid weißt: Heute Abend passiert gar nichts. Kein Druck, keine bösen Überraschungen. Timo pennt drüben im Arbeitszimmer, und du hast deine Ruhe.“
Ich atmete hörbar aus. Die letzte Anspannung, die noch in meinen Schultern saß, löste sich vollends auf.
„Danke, Loona“, flüsterte ich leise.
Sie lächelte sanft und klopfte mir leicht gegen die Brust. „Und jetzt geh zurück zu deinem Spiel, bevor Timo denkt, du bist im Flur verloren gegangen.“
Der restliche Abend verlief in einer Gelöstheit, die ich seit Wochen nicht mehr erlebt hatte.
Als Nadja ankam, brachte sie eine frische, lockere Stimmung mit in die Wohnung. Sie trug eine bequeme Jeans und einen weiten Strickpullover, umarmte Timo kurz, begrüßte mich mit einem ehrlichen, offenen Lächeln und fiel Loona herzlich um den Hals. Es gab keinen spöttischen Unterton, keine lauernden Blicke. Für mich fühlte es sich an, als säße ich einfach mit Freunden zusammen: Wir bestellten Pizza, machten eine zweite Flasche Wein auf, und Timo gab am Küchentisch großspurig Geschichten zum Besten.
Loona saß mir gegenüber. Immer wieder trafen sich unsere Blicke über den Tisch hinweg – nicht herablassend, sondern mit diesem ruhigen, wissenden Ausdruck, der mir signalisierte, dass sie die schützende Hand über mir hielt. Einmal, als ich aufstand, um Teller abzuräumen, strich ihre Hand im Vorbeigehen ganz beiläufig über meinen Rücken. Ein unscheinbarer Kontakt, der unter meinem T-Shirt brannte und mir wohlige Schauer über die Haut jagte.
Der Käfig unter der Stoffhose war da, fest und unnachgiebig, doch dank des Silikons vergaß ich ihn für lange Phasen beinahe. Er war keine Strafe mehr, sondern fühlte sich an wie ein stummer, geheimer Pakt zwischen uns.
Gegen halb eins verabschiedete sich Nadja.
„War echt schön mit euch“, sagte sie an der Wohnungstür, zog ihren Mantel an und sah mich direkt an. „John, lass dich von der Anatomie nicht unterkriegen, ja? Du machst das schon.“
„Danke, Nadja. Komm gut nach Hause“, erwiderte ich, und ich spürte eine ehrliche Dankbarkeit für ihre unkomplizierte Art.
Kaum war die Tür zugezogen, gähnte Timo demonstrativ, streckte die Arme in die Luft und klopfte mir noch einmal auf die Schulter. „So, Leute, ich bin bedient. Das Bier hat mir den Rest gegeben. Arbeitszimmer ist frei, oder?“
„Couch ist bezogen, Decke liegt bereit“, sagte Loona gelassen.
„Perfekt. Nacht, Loona. Nacht, Alter.“ Timo schlurfte den Flur hinunter, und kurz darauf fiel die Zimmertür ins Schloss.
Stille senkte sich über die Altbauwohnung.
Ich stand im Halbdunkel des Flurs, das Herz klopfte mir bis zum Hals, als Loona vor mich trat. Sie sah mich an, musterte meine Züge, und in ihren Augen lag nichts von dem Spott der vergangenen Tage – nur jene tiefe, herrschaftliche Ruhe, die mich vollkommen entwaffnete.
„Er schläft“, sagte sie leise.
Sie streckte die Hand aus, ergriff meine Finger und zog mich wortlos mit sich.
Ihr Schlafzimmer empfing uns mit gedämpftem Nachttischlicht. Sie schloss die Tür leise hinter uns, wandte sich zu mir um und deutete auf das breite Bett.
„Zieh die Hose aus, John. Und dann leg dich hin.“
Ich zog die Stoffhose und die Boxershorts ab, legte mich vorsichtig auf die Matratze und zog die Bettdecke bis zur Hüfte. Das Metall lag kühl an meiner Haut, das Silikon hatte die gereizten Stellen geschont – keine Schmerzen, nur die matte Gewissheit meiner Verwahrung.
Loona schlüpfte aus dem grünen Kleid, legte es über den Stuhl, löste die Halterlosen und kletterte im schlichten Bralette unter die Bettdecke.
Sie drehte sich zu mir, stützte sich auf einen Ellbogen und sah auf mich herab. Ihre Hand glitt unter die Decke, tastete nach dem Zylinder, strich sanft und ohne Druck über das Gehäuse, als wolle sie sich vergewissern, dass alles an seinem Platz war.
„Hast du den Abend gut überstanden?“, flüsterte sie im Halbdunkel.
„Ja“, brachte ich heiser hervor. „Es war… wirklich schön.“
Ein zartes Lächeln zeichnete sich auf ihren Zügen ab. Sie legte sich flach hin, zog meinen Kopf vorsichtig an ihre Schulter und schlang einen Arm um mich. Ihre Haut war warm, ihr Herzschlag vollkommen gleichmäßig.
„Schlaf, John“, hauchte sie an meine Schläfe, während ihre Finger sanft durch mein Haar strichen. „Morgen gehört uns. Und morgen reden wir weiter.“
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