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Die Nacht in ihrem Bett

Das kühle Leinen des Boxspringbetts fühlte sich an wie eine fremde Welt. Ich lag auf dem Rücken, die Decke bis zur Brust, den Blick an die Decke geheftet, wo die Laterne schwache, bernsteinfarbene Streifen durch die Vorhänge warf. Die weite graue Baumwoll-Boxershorts lag locker auf der Haut. Kein Ring, kein Zylinder. Nur die kühle Salbe auf den aufgerissenen Rändern und dieses beunruhigende Gefühl, untenrum nackt und schutzlos zu sein.

Die Matratze gab nach.

Loona löschte das Licht, verriegelte die Tür und glitt unter die Decke. Schwarzes Seiden-Trägertop, nackte Schultern im Halbdunkel. Zedernholz, Wäsche, ihre Haut. Der Abstand zwischen uns war kaum eine Handbreit – doch sie legte sich nicht mit der gewohnten, geschmeidigen Überlegenheit hin. Ihre Bewegungen waren schwer, fast fahrig, getragen von einer tiefen, bleiernen Erschöpfung.

Ohne Stahl reagierte mein Körper sofort. Weicher Stoff, Rascheln ihrer Seide, die bloße Tatsache, hier liegen zu dürfen – es schoss heiß und hart nach unten. Unter der Decke warf sich ein unübersehbares Zelt. Ich presste die Oberschenkel zusammen, schämte mich, wollte nicht wie das gierige Tier wirken, das sie die ganze Zeit aus mir gemacht hatte.

Sie drehte sich zu mir.

Ihr Blick glitt über meine verkrampfte Silhouette hinunter zur Erhebung. Im schwachen Licht sah ich ihre Augen: dunkel umschattet, die Lider schwer, die Wangen eingefallen. Ich wartete auf Hohn, auf den Griff nach einem Schloss, das nicht mehr da war.

Nichts davon.

Ihre Hand schob sich unter die Decke. Die Finger landeten nicht dort, wo alles pochte. Sie legten sich flach auf meinen Unterbauch, direkt über dem Bund, und strichen langsam, kreisend über die angespannte Muskulatur. Ihre Fingerspitzen bebten ganz leicht – ein feines, unkontrolliertes Zittern, das sie nicht ganz unterdrücken konnte.

„Ganz ruhig, John“, murmelte sie. Ihre Stimme war rau, belegt von den Tränen im Bad. „Ich sehe es.“

Sie rückte näher. Oberschenkel an Oberschenkel. Der freie Arm quer über meine Brust – fest, besitzergreifend, schwer genug, dass Widerstand sinnlos wurde, und doch lag darin ein Halt, als bräuchte sie meine Brust genauso wie ich ihren Arm.

„Du starrst Löcher in den Stuck“, flüsterte sie kraftlos. „Atme aus. Deine Rippen stehen so spitz, man könnte sich daran schneiden.“

Ich schluckte. Der alte Reflex sagte: nicken, funktionieren, den Mund halten. Doch das dumpfe Pochen in der Leiste, das Zittern ihrer Hand auf meinem Bauch und das Bild von ihr, wie sie eben vor der Wanne gekauert hatte, machten mich mürbe.

„Warum hast du das getan?“ Die Worte kamen rauer, als ich wollte, brüchig vor aufgestauter Verwirrung.

Sie verzog keine Miene zu Spott. Sie sah mich nur an, matt und seltsam transparent. „Was genau? Emma vor die Tür gesetzt? Dich nicht krepieren lassen?“

„Nein.“ Ich drehte den Kopf, zwang mich, ihren Blick zu halten. „Du hast dich entschuldigt. Im Bad. Du hast mich angesehen und gesagt, dass es dir leidtut. Du machst mir seit Wochen die Hölle heiß, du hast mich Emma ausgeliefert – und jetzt liege ich hier ohne Schloss, und du siehst aus, als würdest du gleich zusammenbrechen.“

Ein Ruck ging durch ihre Schultern. Für den Bruchteil einer Sekunde schloss sie die Augen, presste die Zähne aufeinander, und ich sah, wie dünn der Faden war, an dem ihre Beherrschung heute Nacht hing. Sie strich sich mit der freien Hand über die Schläfe, eine fahrige, fast hilflose Geste.

„Weil ich es fast verkackt hätte, John“, stieß sie leise hervor, und die Bitterkeit in ihrer Stimme galt ganz allein ihr selbst. „Ich wollte Kontrolle. Ich wollte, dass du parierst. Aber als ich dieses Foto gesehen habe… als ich vorhin gesehen habe, wie Emma dich zugerichtet hat, ist mir kotzübel geworden.“

Ihre Finger auf meinem Bauch krampften sich kurz in den weichen Stoff meiner Shorts, bevor sie sich mühsam wieder entspannten.

„Ich habe geglaubt, ich hätte die Fäden in der Hand. Aber ich habe sie einer Irren gegeben, die dich beinahe ins Krankenhaus gebracht hätte.“ Sie sah mir ungeschützt in die Augen, ohne die schützende Maske der Domina. „Ich will dich nicht kaputtmachen. Verstehst du das? Wenn du zerbrichst, wenn von dir nur noch Fleisch übrig ist, das Angst hat, dann… dann ist das kein Spiel mehr. Dann bin ich genau der Dreck, den ich mein ganzes Leben lang verabscheut habe.“

Ein Schauer lief mir über den Rücken. Die Offenheit schnürte mir die Kehle zu. Da war keine Falle, kein doppelter Boden. Sie lag neben mir, am Ende ihrer Nerven, zerfressen von der Angst vor ihren eigenen Abgründen.

„Ich bin nicht dein Ding, Loona“, presste ich hervor, doch die Worte verloren auf halbem Weg jede Kraft. Die Dankbarkeit, die sich in mir aufbäumte, erstickte die Lüge im Keim.

Ein mattes, leises Schnauben entwich ihrer Kehle. Ein Hauch ihres alten Lächelns kehrte zurück – müde, aber messerscharf.

„Nicht? Dann steh auf. Geh rüber in dein Zimmer. Zieh deine Jeans an und sag mir morgen früh, dass du frei bist. Tu es.“

Ich rührte mich nicht. Meine Fersen gruben sich in die Matratze, mein Blick war wie festgenagelt an ihren Lippen. Sie sah meine Lähmung, sah die brennende Ergebenheit in meinen Augen, und die Anspannung in ihren Zügen weichte langsam auf.

„Siehst du“, hauchte sie. Ihre Hand strich beruhigend über meine Mitte, hielt den Stoff fest, unter dem mein Körper gegen jedes Verbot ankämpfte. „Du willst gar nicht weg. Du hast Angst vor dem, was draußen ist. Und du weißt ganz genau, dass nur ich dich davor beschützen kann.“

„Timo kommt morgen“, flüsterte ich hastig, um den Kopf irgendwie über Wasser zu halten. „Er will zocken, er will dich sehen. Wie soll das gehen? Ich kann mich kaum schmerzfrei bewegen, und wenn er merkt—“

„Timo merkt gar nichts.“ Ihre Stimme gewann wieder an Festigkeit, der Instinkt der Anführerin kehrte zurück. „Timo ist laut, stumpf und sieht nur das, was man ihm hinlegt. Du wirst lachen, du wirst ihm das Bier bringen, und du wirst mitspielen.“

„Und der Käfig? Du hast gesagt, er bleibt ab.“

Sie schwieg einen langen Atemzug. Dann hob sie die Hand, und ihr Daumen strich sanft, fast andächtig über meine Unterlippe.

„Er bleibt ab bis morgen Nachmittag. Dann die weite Stufe mit den Silikonpolstern, bevor er den Schlüssel im Flur dreht. Kein Zwang. Keine Quetschung. Nur damit du dich nicht verrätst, wenn er dich anrempelt.“ Sie fixierte mich mit einem Blick, der mich bis ins Mark durchdrang. „Aber hör mir gut zu: Du trägst ihn nicht für Emma. Nicht als Strafe. Du trägst ihn, weil es unser Geheimnis ist. Vor ihm. Vor Nadja. Vor allen.“

*Unser.* Das Wort legte sich wie flüssiges Blei um mein Herz.

„Und wenn ich es nicht schaffe? Wenn ich vor ihm einknicke?“

Ihr Mundwinkel hob sich. Das alte, vertraute Lächeln – nur wärmer jetzt, enger, gefährlicher.

„Dann fange ich dich auf. Genau wie vorhin.“

Sie zog die Decke höher, schob den Arm unter meinen Nacken und zog meinen Kopf an ihre Schulter. Für einen Moment verharrte sie so, lauschte meinem hektischen Puls. Dann neigte sie den Kopf.

Der Kuss kam nicht hungrig. Er kam müde und bestimmt zugleich. Ihre Lippen fanden meinen Mund, drückten fest zu, hielten einen Herzschlag länger, als ein bloßer Trostkuss gedauert hätte. Warm, herb, geschlossen – als würde sie etwas festnageln, das sonst wieder wegläuft. Ich atmete gegen sie, wagte nicht, den Mund zu öffnen, wagte nicht, mehr zu nehmen, als sie gab. Als sie sich löste, blieb ihre Stirn kurz an meiner. Ihr Atem ging ungleich.

„Keine Berührung heute Nacht“, flüsterte sie gegen meine Lippen. „Keine Erlösung. Du wirst nicht an dir herumfummeln und du wirst nicht darum betteln. Du erträgst dieses Glühen, genau so, wie es ist. Für mich.“

Ihre Finger gruben sich sanft in mein Haar am Nacken.

„Du gehörst mir. Auch ohne den Stahl. Du brauchst kein Schloss, um zu wissen, wer über dich bestimmt. Schlaf jetzt.“

Ich schloss die Augen. Das Verlangen brannte weiter, pulsierte unbarmherzig gegen den Bund der Shorts. Aber als ihr Atem tiefer wurde, ihr Körper endlich entspannte und ihr Kopf schwer an meiner Schulter ruhte, ließ ich mich fallen.

Die Frustration blieb. Der Schmerz blieb. Doch die Geborgenheit begrub alles unter sich. Ich war verloren – und zum ersten Mal wollte ich nichts anderes mehr sein.

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