What's next?
Der Geschmack von Kaffee
Das fahle Herbstlicht, das durch die Vorhänge ins Zimmer kroch, weckte mich.
Zum ersten Mal seit Wochen war das Aufwachen kein plötzlicher Schock aus tauber Beklemmung. Kein kalter Edelstahl, der sich bei der ersten unwillkürlichen Morgenregung erbarmungslos in mein Schambein fraß. Die weite Baumwolle lag locker auf meinen Hüften. Die geprellten Stellen an der Leiste pochten dumpf und heiß, wie ein alter Bluterguss, doch das stechende, schneidende Reißen war verschwunden.
Ich drehte vorsichtig den Kopf.
Die andere Seite des Bettes war bereits leer. Die Bettdecke war ordentlich zurückgeschlagen, das Kissen trug noch die Mulde ihres Kopfes. Ich schob die Hand über das abgekühlte Leinen, genau dorthin, wo ihr Körper vor wenigen Stunden geruht hatte. Der Duft nach Zedernholz, frischer Wäsche und ihrer eigenen, herben Wärme haftete noch intensiv im Stoff. Ich schloss die Augen und atmete tief ein, während mein Herz einen unruhigen Schlag tat.
Es war eine Nacht gewesen, die ich am liebsten in Bernstein gegossen hätte. Neben ihr zu liegen, ihren gleichmäßigen Atem an meinem Hals zu spüren, das Gewicht ihres Arms auf meiner Brust – es war eine fast schon schmerzhafte, überirdische Geborgenheit gewesen. Ich hatte kaum geschlafen, nicht vor Schmerz, sondern weil ich jede einzelne Sekunde dieser Nähe hatte aufsaugen wollen. Jedes Mal, wenn sie sich im Halbschlaf bewegt, wenn ihr Oberschenkel meinen gestreift oder ihre Hand sich unbewusst fester in mein T-Shirt gekrallt hatte, war eine Welle ehrfürchtiger, trunkener Hitze durch mich geflutet. Sie so nah zu haben, so weich, so unantastbar und doch ganz bei mir – es grenzte für mich an ein Wunder. Ich betete sie an. Jeder Zweifel, jede Wut über die vergangenen Wochen war in dieser Nacht weggeschmolzen, aufgesaugt von einer bedingungslosen Hingabe, die mir selbst den Atem raubte.
Aus der Küche drang das vertraute, leise Mahlen der Kaffeemaschine, untermalt vom leisen Klappern von Keramik.
Ich setzte mich langsam auf. Mein Körper fühlte sich an wie nach einem schweren Autounfall – die Muskeln im Rücken verkrampft, die Sehnen im Becken gereizt –, aber ich konnte atmen. Ich schlüpfte in die Schlappen, strich das übergroße weiße T-Shirt glatt und trat vorsichtig auf den Flur.
In der Küche stand Loona mit dem Rücken zu mir an der Arbeitsplatte. Sie trug eine lockere schwarze Jogginghose und einen weichen Kaschmirpullover, die Haare unordentlich zu einem Knoten hochgesteckt. Sie sah nicht aus wie die Domina der letzten Wochen. Sie sah aus wie die Frau, die mich gestern Nacht fest an sich gezogen und geküsst hatte. Mein Blick sog jedes Detail an ihr ein: den schlanken Nacken, die aufrechte Haltung, die beiläufige Eleganz jeder ihrer Bewegungen. Sie war atemberaubend. Und das Wissen, dass hinter dieser Fassade eine Macht schlummerte, die gestern Emma mit bloßen Worten vernichtet hatte, erfüllte mich mit einer Mischung aus heiliger Scheu und brennendem Stolz.
Als das Holz unter meinem Schritt leise knarrte, drehte sie sich um.
Ihr Blick glitt an mir herab – prüfend, aufmerksam, ohne den schneidenden Spott, den ich so gewohnt war. Unter ihren Augen lagen immer noch feine Schatten, doch die fiebrige Hysterie des Vorabends war gewichen. Sie wirkte wieder ruhig, gefasst, herrschaftlich.
„Guten Morgen“, sagte sie leise.
„Morgen“, brachte ich heiser hervor und blieb wie angewurzelt an der Küchentür stehen. Mein Puls ging sofort schneller, nur weil ihre dunklen Augen auf mir ruhten.
Loona bemerkte mein Zögern sofort. Ein winziger Zug von Milde zuckte über ihre Lippen, bevor sie mit dem Kinn auf den Esstisch deutete, auf dem bereits zwei Tassen, Toast und Butter standen.
„Setz dich, John. Du musst hier nicht strammstehen.“
Ich zog einen Stuhl zurück und ließ mich vorsichtig nieder, um den Druck auf die Leiste zu minimieren. Sie stellte mir eine Tasse dampfenden Kaffee hin – genau so, wie ich ihn trank, mit einem Schuss Hafermilch. Sie wusste es. Sie hatte an jedes Detail gedacht.
„Wie fühlt es sich an?“, fragte sie unvermittelt, während sie sich mir gegenüber setzte und beide Hände um ihre eigene Tasse schloss.
„Es… es brennt noch“, antwortete ich ehrlich, den Blick auf die dampfende Tasse gerichtet. Ich traute mich kaum, sie direkt anzusehen, so intensiv war das Gefühl in meiner Brust. „Aber es ist kein Vergleich zu gestern. Das Pochen ist dumpfer.“
Sie nickte langsam. „Nach dem Frühstück gehen wir noch mal ins Bad. Frische Salbe drauf. Die Schwellung muss runter, bevor heute Nachmittag der Ernstfall beginnt.“
Bei dem Wort *Ernstfall* zog sich mein Magen kurz zusammen. Timo.
„Musst du heute an die Uni?“, fragte sie weiter, nippte an ihrem Kaffee und sah mich über den Rand hinweg an.
„Nur eine Vorlesung um elf. Experimentalphysik. Pflichttermin wegen der Scheinkriterien.“ Ich schluckte trocken. „Emma hat dieselbe Vorlesung.“
Das Porzellan ihrer Tasse klirrte leise, als Loona sie absetzte. Ihre Züge wurden mit einem Schlag eisig, die Entspannung wich jener schneidenden Entschlossenheit, die sie gestern zur Herrin über Leben und Tod gemacht hatte.
„Emma wird dir nicht zu nahe kommen“, sagte sie mit absoluter Härte in der Stimme. Es war kein bloßer Trost; es war ein Gesetz, das sie gerade in Stein meißelte. „Sie hat heute Nacht begriffen, was auf dem Spiel steht. Wenn sie dich auch nur schief ansieht, rufst du mich an. Aber glaub mir: Sie wird die Luft anhalten, sobald du denselben Raum betrittst.“
Dann schob sie ihre Hand über den kleinen Küchentisch und legte ihre Finger flach auf meinen Handrücken.
Die Berührung traf mich wie ein Stromschlag. Meine Haut unter ihren kühlen Fingerkuppen begann augenblicklich zu glühen. Es war keine Geste der Züchtigung, keine Kälte – ihre Haut war weich, fordernd und gleichzeitig vollkommen einhüllend. Ein heiserer, zittriger Atemzug entwich meinen Lippen. Mein ganzer Körper lehnte sich innerlich in diese Berührung, als hinge mein Überleben daran, dass ihre Hand auf meiner liegen blieb. Ich hätte alles getan, was sie verlangt hätte. Hätte sie mir befohlen, auf den Knien durch die Stadt zu kriechen, ich hätte es mit einem Lächeln getan, solange sie mich am Ende des Tages wieder so berührte.
„Du gehst da heute erhobenen Hauptes rein, John“, sagte sie leise, und ihre Augen bohrten sich mit einer Intensität in meine, die mir den Verstand raubte. „Du bist kein Opfer mehr, an dem sich jede dahergelaufene Hilfskraft austoben darf. Du gehörst mir. Und genau das wird sie spüren.“
Eine Woge aus berauschender Dankbarkeit schnürte mir die Kehle zu. Ihre Worte brannten sich wie heiliggesprochene Gebote in mein Herz.
Ich nickte nur stumm, unfähig zu sprechen, während meine Finger ganz vorsichtig, beinahe andächtig unter ihrer Handfläche zuckten, um die Wärme ihrer Haut noch tiefer aufzusaugen. Zum ersten Mal seit Wochen war der Campus kein Galgen mehr – denn ich trug ihr unsichtbares Mal auf mir, und sie war die Königin, die mich vor der Welt abschirmte.
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