What's next?
der erste arbeitstag im neune club
Als sich der Abend dem Ende neigte, stand ich langsam auf. Die Vorstellung lag noch in mir nach wie ein Echo, und zugleich spürte ich den kühlen Reif an meinem Hals bei jeder kleinen Bewegung. „Danke für den schönen Abend“, sagte ich schließlich. Meine Stimme klang ruhiger, als ich mich fühlte. Dann fasste ich mir ein Herz. „Wäre es möglich, dass Sie meinen Chef bitten, mich wieder arbeiten zu lassen? Ich muss ja von irgendetwas leben.“
Er musterte mich aufmerksam. Sein Blick war nicht unfreundlich, aber prüfend, als suche er nach etwas, das ich selbst noch nicht benennen konnte. „Möchtest du wirklich arbeiten?“, fragte er. „Oder soll ich dich einladen, einfach zu leben?“ Ich schluckte. Einen Augenblick lang sah ich auf meine Hände, dann hob ich den Kopf. „Ja“, sagte ich. „Ich möchte arbeiten.“ Er lächelte, als hätte er genau diese Antwort erwartet. „Dann bei mir“, sagte er. Mir schoss die Röte ins Gesicht. „Aber nur an der Theke“, erwiderte ich schnell. „Nicht als Begleitung oder irgendetwas in der Art.“
Johannes nickte langsam. Dann zog er eine Karte aus der Innentasche seines Jacketts und reichte sie mir. „Freitag, 21 Uhr. Dort meldest du dich.“ Ich nahm die Karte entgegen. Die Adresse sagte mir nichts, doch allein der feste Karton und die schlichte, teure Prägung darauf ließen mich ahnen, dass es kein gewöhnlicher Club war. „Du arbeitest freitags und samstags an der Theke“, erklärte er. „Die Kleidung bekommst du vor Ort.“ Ich nickte. „Danke“, sagte ich leise. Dann stand ich auf und ging, ohne mich noch einmal umzudrehen.
In dieser Nacht schlief ich erstaunlich gut. Vielleicht war es die Erschöpfung, vielleicht der Champagner, vielleicht auch nur die Erleichterung, eine Entscheidung getroffen zu haben. Die Woche an der Universität verlief ruhig. Ich besuchte meine Vorlesungen, erledigte meine Aufgaben und versuchte, mich auf das Studium zu konzentrieren. Nach außen war alles normal. Nur der Reif an meinem Hals erinnerte mich immer wieder daran, dass sich etwas verschoben hatte. Manchmal legte ich unwillkürlich die Finger daran, als könnte ich dadurch besser begreifen, worauf ich mich eingelassen hatte.
Am Freitag fuhr ich zu der Adresse auf der Karte. Schon von außen wirkte der Club größer und deutlich exklusiver als der Laden, in dem ich bisher gearbeitet hatte. Vor der Tür stand ein breitschultriger Türsteher in dunkler Kleidung. Ich nannte meinen Namen und erklärte, weshalb ich da war. Er nickte, als hätte er mich erwartet, und führte mich durch einen langen Flur zu einem Mann, der offenbar den Club leitete. „Du bist also die Neue“, sagte er und musterte mich kurz. „Nur für die Theke, ohne direkten Gästekontakt.“ Ich nickte. Er reichte mir ein Päckchen. „Deine Kleidung. Nur diese, nichts anderes. Umziehen kannst du dich rechts im Personalraum. Spind zehn ist deiner. Um 22 Uhr öffnen wir. Bis dahin solltest du wissen, wo alles steht und wie die Theke funktioniert.“
Ich nahm das Päckchen und ging in den Nebenraum. Dort zog ich mich um. Die Kleidung war auffällig, knapp geschnitten und farblich genau auf den Club abgestimmt. Als ich wieder an die Theke trat, fühlte ich mich ungewohnt sichtbar. Der Clubleiter zeigte mir die wichtigsten Abläufe: welche Gläser wohin gehörten, wo die Flaschen standen, wie die Kasse funktionierte und welche Bestellungen besonders häufig kamen. Der Abend wurde lang. Deutlich war zu erkennen, dass dieser Club eine ganz eigene Atmosphäre hatte, ohne dass mich jemand bedrängte. Tatsächlich ließ man mich in Ruhe. Ich arbeitete konzentriert, schenkte Getränke aus, räumte Gläser weg und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Gegen fünf Uhr morgens war schließlich alles vorbei. Ich wischte noch die Theke ab und wollte gerade in den Personalraum gehen, um mich umzuziehen, als Johannes erschien.
Er lächelte mich an, als hätte er die ganze Zeit gewusst, dass er genau in diesem Moment auftauchen würde. „Zwei Wein“, sagte er. Ich stellte die Gläser vor ihn, doch statt eines davon zu nehmen, deutete er auf den Platz neben sich an der Theke. „Setz dich.“ Ich zögerte. Meine Hände waren noch feucht vom Putzen, meine Füße schmerzten, und alles in mir wollte nur nach Hause. Trotzdem setzte ich mich schließlich neben ihn. Zwischen uns stand das zweite Glas Wein, unberührt, wie eine Frage, auf die ich noch keine Antwort hatte.
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