What's next?
nach der oper
Das Ende der Oper verschwamm in meiner Panik. Ich nahm kaum noch wahr, was auf der Bühne geschah. Erst als das Licht im Saal wieder anging und die Menschen um mich herum zu applaudieren begannen, kam ich langsam zu mir. Im selben Moment spürte ich, wie aus meiner Angst Wut wurde. Ohne lange nachzudenken, verließ ich das Opernhaus und machte mich auf den Weg zu dem Restaurant, in dem ich ihn vermutete. Ich wollte hineingehen, ihn zur Rede stellen, ihm alles entgegenschleudern, was sich in mir angestaut hatte. Doch als ich seinen Tisch erreichte, stand er auf – ruhig, beinahe anmutig. Er lächelte, nahm meine Hand und deutete einen höflichen Handkuss an. Für einen Augenblick war meine Wut wie abgeschnitten.
Er betrachtete mich mit diesem unbeirrbaren Lächeln. „Das steht Ihnen alles sehr, sehr gut“, sagte er. Ich zwang mich, den Blick nicht zu senken. „Das Halsteil ist defekt“, erwiderte ich. „Es lässt sich nicht öffnen.“ Sein Lächeln wurde eine Spur breiter. „Das ist richtig“, sagte er ruhig. „Es soll so sein. Das Lederhalsband wäre aufgegangen.“
Ich errötete, und sofort kehrte meine Wut zurück. Sie stieg heiß in mir auf, klarer als zuvor. Doch er schien sie zu bemerken, noch bevor ich etwas sagen konnte. „Wein?“, fragte er ausweichend und deutete auf die Flasche neben sich. Ich wusste nicht, warum diese einfache Frage mich aus dem Gleichgewicht brachte. Vielleicht war es seine Ruhe, vielleicht die Selbstverständlichkeit, mit der er die Situation bestimmte. Meine Wut schwoll nicht ab, aber sie wurde unsicher. „Ja“, sagte ich schließlich, leiser als beabsichtigt. „Gern.“ Er schenkte ein.
„Du hast heute etwas gelernt“, sagte er, während er mir das Glas zuschob. „Wer beim ersten Mal zögert, wird beim zweiten Mal anders behandelt.“ Ich sah ihn an, ohne das Glas zu berühren. Er griff in seine Jackentasche und legte einen kleinen Magneten auf den Tisch. „Diesen Halsring kann man damit öffnen. Hier ist er.“ Dann schob er ihn ein Stück zu mir herüber. „Aber ich würde mich freuen, wenn du ihn nicht nimmst und ihn mir überlässt.“
„Warum sollte ich das tun?“ Meine Stimme klang fester, als ich mich fühlte. Er lehnte sich zurück, als hätte er genau diese Frage erwartet. „Damit ich entscheide, wann du den Halsreifen trägst“, sagte er. „Und damit du dich daran gewöhnst, dass ich dein Leben verändern werde.“ Seine Worte fielen leise, fast höflich, aber gerade deshalb trafen sie mich umso stärker.
„Und wenn ich das nicht möchte?“ Wieder lächelte er, selbstbewusst und viel zu ruhig. „Dann wärst du nicht hier“, antwortete er. „Du bist neugierig, wohin das führt und was daraus wird. Und ich bin es auch.“ Er machte eine kurze Pause, als wolle er jedes Wort bewusst setzen. „Du bist stark, selbstbewusst, aber auch naiv und unerfahren. Genau das macht dich für mich so interessant.“
Ich sah auf den Magneten, der zwischen uns auf dem Tisch lag. Er war klein, unscheinbar, fast lächerlich harmlos. Und doch fühlte es sich an, als läge dort mehr als nur ein Gegenstand. Es war eine Entscheidung. Wenn ich ihn nahm, setzte ich eine Grenze. Wenn ich ihn liegen ließ, gab ich ihm Macht über etwas, das eigentlich mir gehören sollte. Meine Finger bewegten sich keinen Millimeter.
Das Restaurant um mich herum wirkte plötzlich unwirklich. Stimmen, Besteck, leises Lachen – alles war da und doch weit entfernt. Ich spürte seinen Blick auf mir, ruhig, geduldig, herausfordernd. Schließlich hob ich den Kopf. „Sie verwechseln Neugier mit Zustimmung“, sagte ich. Johannes lächelte nicht mehr. Zum ersten Mal an diesem Abend schien seine Sicherheit einen feinen Riss zu bekommen. Aber ich schob den Magneten in seine Richtung und dieses Mal bestellte ich mir ungeniert ein großes Steak mit allem drum und dran
0 comments
No comments yet
The story has no discussion yet. Leave a note here when a branch gives you something to say.
No chapter comments yet
No one has commented on this branch yet. Add the first note above.