What's next?
johannes nach der arbeit
Er reichte mir das zweite Glas. Wir stießen an, und für einen Moment klang das leise Aneinanderstoßen des Glases lauter als die Musik, die nur noch gedämpft aus dem Clubraum herüberdrang. Johannes musterte mich aufmerksam, nicht hastig, sondern mit dieser ruhigen Genauigkeit, die mich jedes Mal verunsicherte. Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Um nicht wegzusehen, hob ich das Glas und nippte am Wein. Höflich fragte er, wie mein Tag gewesen sei. Ich antwortete ehrlich, erzählte von der Uni, von der Müdigkeit nach der langen Nacht und davon, dass ich noch immer versuchte, mich in Berlin zurechtzufinden. Er hörte zu, als würde er jedes Wort abwägen. Als ich schwieg, blieb sein Blick auf mir ruhen, und die kurze Stille zwischen uns wurde schwerer, als sie hätte sein dürfen.
„Hast du schon mal geblasen?“ Fragt er plötzlich und ich werde knallrot. Soll ich antworten aber ohne dass ich weiter nachdenke sage ich dann wahrheitsgemäß „nein noch nie".
Wieder musterte er mich, diesmal länger. Dann nickte er langsam. „Ich habe geahnt, dass du noch nicht viel erlebt hast“, sagte er leise und nahm einen weiteren Schluck Wein. Seine Worte klangen nicht spöttisch, eher nach einer Feststellung, und doch wusste ich nicht, ob ich mich dadurch beruhigt oder noch unwohler fühlen sollte. „Ach, bevor ich es vergesse“, fuhr er fort und deutete auf meinen Knöchel, „das Fußkettchen passt nicht mehr zu dem Halsreif. Würdest du es bitte abnehmen?“ Ich sah ihn an. Einen Augenblick lang wollte ich widersprechen, doch dann beugte ich mich hinunter, öffnete das feine Kettchen und legte es in meine Hand. Als ich es ihm reichen wollte, hielt er mir stattdessen einen schmalen Reif aus Edelstahl entgegen. Er hatte denselben kühlen Glanz wie der Halsreif und offenbar auch denselben Verschluss. Johannes lächelte nur, als müsse er nichts weiter erklären.
Zögernd nahm ich den Reif entgegen. Das Metall lag kühl und schwer in meiner Hand. Langsam legte ich ihn um meinen Knöchel und schloss ihn. Ein leises Klicken war zu hören. Er passte exakt, fast so, als wäre er für mich angefertigt worden. Ich wollte mich gerade wieder aufrichten, als Johannes mir einen zweiten Reif hinhielt. Ich sah erst auf das Metall, dann auf ihn. „Zwei Beine“, sagte er ruhig. Mehr nicht. Wieder lag diese Selbstverständlichkeit in seiner Stimme, die mir kaum Raum für eine Antwort ließ. Ich schluckte, nahm auch den zweiten Reif und legte ihn an. Als der Verschluss einrastete, zog sich für einen Moment alles in mir zusammen. Ich setzte mich langsam wieder auf den Barhocker und spürte die beiden kühlen Ringe an meinen Knöcheln. Sie waren leicht genug, um kaum zu stören, und doch deutlich genug, um mich bei jeder Bewegung daran zu erinnern, dass ich nicht mehr ganz dieselbe war wie zu Beginn dieses Abends.
Er lächelte mich an und nickte anerkennend, als hätte ich gerade eine Prüfung bestanden, von der ich nicht einmal gewusst hatte, dass sie begonnen hatte. „Du wirst noch lernen, dich in solchen Momenten sicherer zu bewegen“, sagte er ruhig. „Aber für heute reicht es. Komm, ich fahre dich nach Hause, damit du morgen Abend wieder fit bist.“ Seine Stimme klang freundlich, doch darin lag erneut dieser unausgesprochene Befehl, der mir kaum Raum ließ, selbst zu entscheiden. Ich sah kurz zur Tür des Personalraums. „Darf ich mich noch umziehen?“, fragte ich. Johannes nickte. „Natürlich. Ich warte.“ Ich ging nach hinten, wechselte die Kleidung und atmete zum ersten Mal seit Stunden etwas freier. Trotzdem blieb die Anspannung in meinen Schultern, als ich zu ihm zurückkehrte. Wenig später saßen wir in seinem Wagen. Die Straßen waren fast leer, Berlin wirkte im frühen Morgenlicht ungewöhnlich still. Johannes fuhr ohne Umwege zu meiner Wohnung. Als er vor dem Haus hielt, sah er mich noch einmal an. „Schlaf dich aus“, sagte er. „Morgen wird ein langer Abend.“ Ich nickte nur, stieg aus und spürte noch lange seinen Blick im Rücken, während ich zur Haustür ging.
0 comments
No comments yet
The story has no discussion yet. Leave a note here when a branch gives you something to say.
No chapter comments yet
No one has commented on this branch yet. Add the first note above.