What's next?
der nächste Morgen Teil 2
„Setz dich“, hörte ich ihn sagen. Seine Stimme war ruhig, fast beiläufig, und doch klang darin etwas, dem man sich nur schwer entziehen konnte. Wie in Trance gehorchte ich und setzte mich an den kleinen Tisch. Er reichte mir ein Brötchen, als wäre dies ein ganz gewöhnlicher Morgen, als säßen wir nicht in meiner Wohnung, in die er ungefragt eingedrungen war. Für einen Moment saßen wir schweigend da. Nur das leise Brummen der Kaffeemaschine füllte den Raum.
Dann stellte er sich vor. „Ich heiße Johannes“, sagte er und nahm sich seelenruhig Kaffee. „Mir gehören bundesweit mehrere Clubs. Nicht nur solche harmlosen Läden wie der, in dem du gerade arbeitest.“ Er machte eine kurze Pause und sah mich über den Rand seiner Tasse hinweg an. „Einige meiner Clubs sind deutlich spezieller.“ Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Plötzlich wirkte der kleine Küchentisch viel zu eng, die Luft im Raum viel zu schwer.
„Ich habe dich beobachten lassen“, fuhr er fort. „Du bist aufmerksam, schnell an der Theke und du lässt dich nicht sofort einschüchtern. Gestern hast du einen Mann abgelehnt, obwohl er dir Geld angeboten hat.“ Er lächelte schmal. „Genau deshalb reizt du mich. Ich will wissen, ob mehr in dir steckt.“ Seine Worte trafen mich wie ein kalter Luftzug. Es war nicht nur das, was er sagte, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der er über mich sprach, als wäre ich längst Teil eines Plans, den nur er kannte.
Mir wurde heiß im Gesicht. Eine solche Offenheit, diese dreiste Sicherheit, kannte ich nicht. „Ich mache so etwas nicht“, sagte ich schließlich. Meine Stimme zitterte, aber ich zwang mich, ihn anzusehen. Johannes grinste nur, als hätte er genau diese Antwort erwartet. „Noch nicht“, sagte er leise und nahm einen Schluck Kaffee. In diesem Moment begriff ich, dass ich nicht einfach nur einem unangenehmen Gast gegenübersaß. Dieser Mann wollte Macht über die Situation gewinnen – und über mich. Ich musterte ihn, während meine Gedanken rasten. Wie kam ich hier raus, ohne ihn noch mehr zu provozieren?
Eine ganze Weile sagte niemand etwas. Dann begann Johannes wieder zu sprechen. Ruhig, beinahe sachlich, nannte er mir Dinge, die er unmöglich von mir wissen sollte: den Ort, an dem ich geboren worden war, die Schulen, die ich besucht hatte, meine Abiturnote, mein Studienfach und sogar Einzelheiten über meine Eltern. Mit jedem Satz wurde mir kälter. Ich saß reglos am Tisch, während in mir alles durcheinandergeriet. Es fühlte sich an, als würde jemand Schubladen öffnen, die ihm nicht gehörten. Schließlich lehnte er sich zurück, lächelte und stellte mir eine persönliche Frage, die eine Grenze überschritt.
Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Für einen Moment brachte ich kein Wort heraus. Mein Blick fiel auf meine Hände, die sich um die Kante des Tisches klammerten. „Das geht Sie nichts an“, sagte ich schließlich leise. Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, wusste ich, dass sie richtig waren. Vielleicht klangen sie nicht stark, vielleicht nicht mutig, aber sie gehörten mir.
Johannes hob nur eine Augenbraue. Sein Lächeln blieb, doch es veränderte sich. Für einen kurzen Augenblick sah ich nicht mehr den charmanten Mann, der sich selbst Kaffee eingeschenkt hatte, sondern jemanden, der gewohnt war, Antworten zu bekommen. Dieser Blick machte mir Angst. Gleichzeitig war da etwas anderes, ein kleiner, kaum hörbarer Widerstand in mir, der sich nicht mehr ganz zurückdrängen ließ.
„Sie verlassen jetzt meine Wohnung“, sagte ich. Diesmal war meine Stimme etwas fester. Ich stand nicht auf. Ich blieb sitzen, weil meine Knie weich waren, aber ich zwang mich, ihn nicht aus den Augen zu lassen. Der Satz hing zwischen uns wie eine dünne Linie, die ich mit aller Kraft festhielt.
Für einen Moment sagte Johannes nichts. Dann stellte er die Tasse langsam ab. Das leise Klirren auf der Untertasse wirkte in der Stille viel zu laut. „Du bist vorsichtiger, als ich dachte“, sagte er. „Das ist gut.“ Seine Worte sollten wohl wie ein Kompliment klingen, doch sie machten die Situation nur bedrohlicher. Ich griff nach meinem Handy, das neben dem Brotkorb lag, und legte den Finger auf den Bildschirm.
Er bemerkte die Bewegung. Sein Blick wanderte kurz zu meiner Hand, dann wieder zu meinem Gesicht. „Schon gut“, sagte er und stand auf. „Ich gehe.“ Doch bevor er zur Tür ging, zog er eine kleine Karte aus der Innentasche seines Mantels und legte sie auf den Tisch. „Wenn du begreifst, dass manche Angebote nur einmal gemacht werden, rufst du mich an.“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Erst da merkte ich, dass meine Hände zitterten. Ich blieb noch eine Weile am Tisch sitzen, starrte auf die Visitenkarte und wagte nicht, sie zu berühren. Draußen fuhr ein Auto vorbei, irgendwo im Haus schlug eine Tür. Ganz gewöhnliche Geräusche, und doch klangen sie plötzlich fremd. Ich wusste, dass ich Hilfe brauchte. Aber ich wusste noch nicht, wem ich die Wahrheit erzählen konnte.
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