What's next?
Abendessen
Nicht einmal eine halbe Stunde war vergangen, als mein Handy vibrierte. Es war eine Nachricht von meinem Chef. Kurz und ohne Erklärung teilte er mir mit, dass er mich leider nicht weiter beschäftigen könne. Ich starrte auf den Bildschirm und verstand im ersten Moment gar nichts. Eben noch hatte ich geglaubt, wenigstens diesen Teil meines Lebens halbwegs im Griff zu haben, und nun brach er einfach weg. Ich wollte ihn sofort anrufen, doch noch bevor ich die Nummer wählen konnte, erschien eine E-Mail der Universität. Eine Abmahnung wegen meiner Fehlzeiten. Fast zeitgleich kam eine weitere Nachricht: die Kündigung meines Vermieters.
Für einen Moment saß ich nur da und hörte mein eigenes Atmen. Hatte sich plötzlich alles gegen mich verschworen? Der Job war weg, die Universität setzte mich unter Druck, und nun sollte ich auch noch meine Wohnung verlieren. Eine neue Wohnung in Berlin zu finden, erschien mir unmöglich. Ich dachte an meinen Vater und daran, ihn anzurufen, doch bevor ich es tat, leuchtete erneut eine Nachricht auf dem Display.
Die Nachricht war von Johannes. „Du kannst machen, was du willst“, stand dort. „In Berlin habe ich die besseren Kontakte. Heute Abend um 20 Uhr im Restaurant Avon. Wenn du kommst, behältst du deine Wohnung.“ Ich las die Sätze mehrmals, bis sich die Worte in mir festsetzten. Wut stieg in mir auf, heiß und klar. Ich wollte mich nicht darauf einlassen, nicht nachgeben, nicht noch einmal zulassen, dass er bestimmte, was mit meinem Leben geschah. Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich kaum Zeit hatte und dass mir die Möglichkeiten ausgingen.
Am Abend ging ich schließlich doch zum Restaurant. Schon von außen wirkte das Avon nicht wie ein Ort, an dem ich mich normalerweise aufgehalten hätte. Gedämpftes Licht fiel durch hohe Fenster, vor der Tür standen Menschen in eleganten Mänteln, und ein Mann im Anzug nahm die Gäste höflich in Empfang. Ich sah an mir hinunter: Jeans, Sneaker, schlichtes Shirt. Für einen Moment überlegte ich umzudrehen. Doch der Gedanke an die Kündigung hielt mich zurück. Also trat ich ein.
Zu meiner Überraschung stellte niemand Fragen. Eine Mitarbeiterin führte mich an einen Tisch am Rand des Raumes, von dem aus ich die Tür im Blick behalten konnte. Noch war Johannes nicht da. Kurz darauf brachte man mir ein Glas Wein. Ich hob es an, roch daran und erkannte den Duft sofort. Es war mein Lieblingswein. Diese Kleinigkeit, die eigentlich harmlos hätte wirken können, ließ mich frösteln. Woher wusste er das? Eine gute halbe Stunde verging, bis Johannes endlich erschien. Er begrüßte mich höflich, als hätten wir uns zu einem gewöhnlichen Abendessen verabredet, setzte sich mir gegenüber und lächelte. „Ihren Wein kenne ich natürlich auch“, sagte er, noch bevor ich etwas fragen konnte. Dann bestellte er dasselbe Glas für sich.
Ich legte die Hände in den Schoß, um nicht zu zeigen, wie angespannt ich war. Um uns herum klirrte Besteck, Gespräche rauschten gedämpft durch den Raum, und irgendwo lachte jemand leise. Alles an diesem Ort war ruhig und kontrolliert, doch genau das machte es schlimmer. Johannes wirkte nicht wie jemand, der drohte. Er wirkte wie jemand, der längst wusste, dass er keine lauten Worte brauchte.
„Warum tun Sie das?“, fragte ich schließlich. Meine Stimme klang ruhig, obwohl ich es nicht war. Johannes nahm sich Zeit mit der Antwort. Er drehte das Glas zwischen den Fingern, betrachtete den Wein im Licht und sah mich erst dann wieder an. „Weil Menschen oft erst dann ehrlich werden, wenn sie begreifen, wie wenig Kontrolle sie tatsächlich haben.“
Mir wurde klar, dass es an diesem Abend nicht nur um die Wohnung ging. Es ging um Macht, um Angst und darum, ob ich mich einschüchtern ließ. Ich dachte an die Nachrichten, an die Abmahnung, an die Kündigung und an den langen Weg, den ich nach Berlin gegangen war. Dann richtete ich mich ein wenig auf. „Ich bin gekommen“, sagte ich, „aber nicht, weil Sie gewonnen haben. Ich bin gekommen, weil ich wissen will, was hier wirklich passiert.“
Zum ersten Mal an diesem Abend verschwand sein Lächeln beinahe. Nur für einen Sekundenbruchteil, aber ich bemerkte es. Und genau dieser winzige Riss in seiner Fassade gab mir mehr Mut, als ich erwartet hatte. Vielleicht hatte ich nicht viele Möglichkeiten. Vielleicht war ich müde, verängstigt und allein in einer Stadt, die viel zu groß für mich war. Aber ich war noch nicht bereit, mich selbst aufzugeben.
Er musterte mich lange. „Ich habe noch niemanden wie dich erlebt“, sagte er dann, „und deshalb reizt du mich noch mehr als bisher. Ich will dich haben – nicht als eine meiner Mitarbeiterinnen, sondern als meine wie sagt man so schön O – ja ich möchte dich formen führen besitzen.
Ich wurde knallrot, während er das so offen und direkt sagte. Am liebsten wäre ich aufgestanden und gegangen. „Bleib sitzen“, hörte ich ihn sagen, ruhig und bestimmt. Zu meinem eigenen Erschrecken blieb ich tatsächlich sitzen. Er lächelte wieder, hob eine Hand, und kurz darauf trat eine junge Frau eilig an unseren Tisch. In den Händen hielt sie eine schmale Schachtel. Sie öffnete sie, wartete auf sein Nicken und nahm etwas daraus hervor. Für einen Moment erkannte ich nur einen dunklen, glänzenden Streifen, eine Art Halsband. Dann kam sie auf mich zu.
Alles geschah so schnell, dass mein Körper meinem Kopf voraus war. Ich wich zurück, stieß mit dem Knie gegen den Tisch und hörte, wie ein Glas leise klirrte. „Nein“, sagte ich. Zuerst kaum hörbar, dann deutlicher: „Nein. Das möchte ich nicht.“ Die junge Frau hielt inne. Ihr Blick glitt kurz zu Johannes, als wartete sie auf eine Anweisung.
Johannes sagte nichts. Gerade dieses Schweigen machte den Moment schwerer. Ich spürte, wie mein Herz gegen die Rippen schlug, doch diesmal blieb ich bei meinem Nein. Langsam stand ich auf. Meine Beine zitterten, aber ich zwang mich, gerade zu stehen. „Ich bin nicht hierhergekommen, um mich vorführen zu lassen“, sagte ich. „Und ich werde nicht zulassen, dass Sie über mich bestimmen.“
Zum ersten Mal wirkte der Raum nicht mehr elegant, sondern kalt. Die gedämpften Stimmen an den anderen Tischen liefen weiter, als sei nichts geschehen, doch für mich hatte sich alles verändert. Ich sah Johannes direkt an und begriff, dass Angst nicht verschwand, nur weil man sich wehrte. Aber sie wurde kleiner, wenn man ihr eine Grenze entgegensetzte.
Die junge Frau schloss die Schachtel leise. Johannes lehnte sich zurück, und sein Lächeln war verschwunden. „Du machst es dir schwerer, als es sein müsste“, sagte er. Ich griff nach meiner Tasche. „Vielleicht“, antwortete ich. „Aber wenigstens entscheide ich das selbst.“ Dann wandte ich mich zur Tür, ohne zu wissen, ob er mich aufhalten würde.
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