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der nächste Morgen

Chapter 6 by rallebonn

Ich duschte, putzte mir die Zähne und fiel ins Bett. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, übermannte mich ein tiefer, unruhiger Schlaf. In meinen Träumen liefen die Bilder der Nacht durcheinander: der leere Clubraum, das flackernde Licht, die leise Stimme meines Chefs und der fremde Mann, der mich angesehen hatte, als hätte er längst eine Entscheidung getroffen. Irgendwann drang ein schrilles Geräusch durch den Traum. Erst hielt ich es für einen Teil davon, dann wurde mir klar, dass es die Klingel war.

Langsam wurde ich wach. Mein Kopf war schwer, mein Körper müde, und für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Wieder klingelte es. „Wer kann das sein?“, dachte ich und tastete nach dem Bildschirm der Gegensprechanlage. Doch darauf war niemand zu sehen. Ich runzelte die Stirn. Vielleicht hatte sich jemand vertan. Ich wollte gerade ins Bad gehen, als es plötzlich an meiner Wohnungstür klopfte.

Mein Herz machte einen Sprung. Ich trat zur Tür, legte die Hand auf die Klinke und öffnete nur einen Spalt breit, so weit es die Sicherungskette zuließ. Draußen stand der Mann vom Vorabend. In der einen Hand hielt er eine Brötchentüte, in der anderen eine Flasche Orangensaft. Er lächelte, als wäre sein Auftauchen das Normalste der Welt. Mir wurde kalt. Ohne nachzudenken, wollte ich die Tür sofort wieder schließen.

Doch er schüttelte kaum merklich den Kopf. Kein lautes Wort, keine hastige Bewegung – nur dieses ruhige, bestimmte Nein. „Mach auf“, sagte er. Seine Stimme war leise, aber sie ließ keinen Zweifel daran, dass er gewohnt war, befolgt zu werden. Ich blieb wie angewurzelt stehen. Alles in mir sagte, dass ich die Tür schließen sollte. Trotzdem löste ich die Kette. Ich wusste selbst nicht, warum.

Er trat ein, als hätte er jedes Recht dazu, und stellte die Tüte auf den kleinen Tisch im Flur. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, wie unvorbereitet ich war: zerzauste Haare, müde Augen, keine Schuhe, kein Morgenmantel. Ich hatte nur hastig etwas übergezogen, viel zu wenig, um mich geschützt zu fühlen. Unwillkürlich verschränkte ich die Arme vor der Brust. „Was machen Sie hier?“, fragte ich. Meine Stimme klang heiser, aber diesmal wich ich nicht zurück.

Er lächelte, als hätte er meine Frage erwartet. „Ich will dich kennenlernen“, sagte er ruhig. „Und du wirst mich kennenlernen.“ Seine Selbstsicherheit lag wie ein Gewicht im Raum. Ich antwortete nicht sofort. Stattdessen beobachtete ich, wie er sich umsah, als würde er prüfen, ob meine kleine Wohnung seinen Vorstellungen entsprach. Dann stellte er die Brötchentüte mit einer beiläufigen Bewegung auf den Tisch. „Gestern wolltest du nicht“, fuhr er fort, „aber irgendwann wirst du verstehen, warum ich hier bin.“ Seine Stimme blieb freundlich, doch gerade das machte sie beunruhigend. „Mach Kaffee für uns. Ich habe Frühstück mitgebracht.“

Ich sah ihn an und spürte, wie die Nervosität in mir aufstieg. Ohne genau zu wissen, warum, drehte ich mich zur Küchenzeile um und begann, Kaffee zu machen. Vielleicht, weil diese einfache Bewegung mir etwas Halt gab. Wasser einfüllen. Filter einsetzen. Pulver abmessen. Alles war vertraut, beinahe beruhigend, und doch fühlte sich meine eigene Wohnung plötzlich nicht mehr wie mein sicherer Ort an. Hinter mir hörte ich, wie Folie raschelte. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er die Brötchentüte öffnete, sich umsah und schließlich sogar zum Kühlschrank ging, als wäre er hier zu Hause. Als ich einen Schritt in Richtung Schlafzimmer machte, blieb seine Stimme leise, aber scharf genug, um mich anzuhalten. „Wo willst du hin?“ Ich blieb stehen und drehte mich langsam zu ihm um. „Ins Schlafzimmer“, sagte ich. „Ich möchte mir etwas anderes anziehen.“ Er musterte mich kurz, dann grinste er. „Nein.“ Mir schoss die Röte ins Gesicht. Für einen Moment fand ich keine Worte. Ich stand da, zwischen Küche und Flur, und begriff, dass ich dringend entscheiden musste, wie weit ich ihn noch gehen lassen würde.

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