What's next?
Heimweg
Nachdem alle gegangen waren, ging ich nach hinten und zog mich um. In dem kleinen Raum roch es nach kaltem Rauch, Putzmittel und der Müdigkeit einer viel zu langen Nacht. Ich warf einen Blick auf mein Handy: fast vier Uhr morgens. Die Uni konnte ich für diesen Tag vergessen. Eigentlich wollte ich nur noch nach Hause, unter die Dusche und ins Bett. Doch als ich gerade meine Tasche nehmen wollte, erschien mein Chef in der Tür. Er sah blass aus, blasser als vorhin, und seine Stimme klang ungewohnt leise. „Komm bitte noch einmal mit in den Clubraum.“
Ich folgte ihm, obwohl sich in mir sofort etwas zusammenzog. Der Clubraum lag still und beinahe fremd da. Die Musik war aus, die bunten Lichter flackerten nur noch schwach, und zwischen den leeren Gläsern wirkte alles plötzlich viel größer als zuvor. In der Mitte des Raumes stand ein Mann, den ich bisher nicht gesehen hatte. Er war ruhig gekleidet, freundlich im Gesicht, doch seine Ausstrahlung hatte etwas Einnehmendes, fast Bestimmendes. Mein Chef blieb neben mir stehen, wich seinem Blick aber aus. Da wusste ich, dass hier irgendetwas nicht stimmte.
Der Mann stellte sich vor, höflich und mit einer Stimme, die keinen Zweifel daran ließ, dass er es gewohnt war, gehört zu werden. Dann fragte er mich, warum ich das Geld nicht angenommen hatte. Mir wurde heiß im Gesicht. „Weil ich das nicht mache“, sagte ich. Meine Stimme war leiser, als ich wollte. „Ich gehe nicht mit fremden Männern mit.“ Für einen Moment blieb es still. Dann lächelte er, als hätte ich etwas gesagt, das ihn amüsierte. Langsam streckte er mir die Hand entgegen. „Dann kommst du eben ohne Geld mit mir.“
Ich wich einen Schritt zurück. Mein Herz schlug so heftig, dass ich kaum noch klar denken konnte. Da beugte sich mein Chef zu mir. „Tu es besser“, flüsterte er. Seine Worte waren kaum mehr als ein Hauch, aber sie trafen mich härter als alles, was der Mann gesagt hatte. Zum ersten Mal sah ich echte Angst in seinem Gesicht. Doch gerade das machte mir deutlich, dass ich hier nicht bleiben durfte. Ich richtete mich auf, zwang meine Stimme zur Festigkeit und sagte: „Nein.“ Dann drehte ich mich um und ging hinaus, ohne noch einmal zurückzusehen.
Ich ging schnell zur S-Bahn, ohne mich noch einmal umzudrehen. Die Straßen wirkten leerer als sonst, und jeder Schritt klang zu laut in der frühen Morgenstille. Als der Zug endlich einfuhr, stieg ich hastig ein und setzte mich in die Nähe der Tür. Während die Lichter der Stadt am Fenster vorbeizogen, versuchte ich, ruhig zu atmen. Ich sagte mir immer wieder, dass es vorbei war, dass ich gleich zu Hause sein würde und nur noch die Wohnungstür hinter mir schließen musste.
Doch als ich vor dem Haus ankam, blieb ich abrupt stehen. Unter der Laterne, wenige Schritte vom Eingang entfernt, stand er. Der Mann aus dem Clubraum. Er lächelte, als habe er die ganze Zeit gewusst, welchen Weg ich nehmen würde. Für einen Augenblick konnte ich mich nicht bewegen. Meine Hand umklammerte den Schlüssel so fest, dass die Kanten in meine Haut drückten.
Ich sah mich um, doch die Straße war still. Kein Fahrrad fuhr vorbei, kein Fenster öffnete sich, niemand rief nach mir. Langsam ging ich zur Haustür, zwang mich, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, und hoffte, dass meine Hände nicht zu sehr zitterten. Da spürte ich, wie er näherkam. Seine Stimme war leise, aber bestimmt. „Wenn du nicht mit mir gehst, komme ich eben zu dir.“
In mir zog sich alles zusammen. Für einen kurzen Moment war da nur Angst. Dann erinnerte ich mich an den Augenblick im Clubraum, an mein eigenes Nein, das dort noch unsicher geklungen hatte und trotzdem stark genug gewesen war, mich hinauszuführen. Ich drehte mich zu ihm um, hob den Kopf und sagte diesmal laut und klar: „Nein. Lassen Sie mich in Ruhe.“
Meine Stimme hallte zwischen den Häusern wider. Irgendwo ging ein Licht an. Der Manns Lächeln verschwand für einen Augenblick, kaum sichtbar, aber genug, um mir Mut zu machen. Ich drückte die Haustür auf, schlüpfte hinein und zog sie sofort hinter mir zu. Erst im Treppenhaus merkte ich, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte.
Oben in meiner Wohnung schloss ich zweimal ab. Dann blieb ich mit dem Rücken an der Tür stehen, unfähig, mich sofort zu bewegen. Die Stille um mich herum war nicht beruhigend, sondern schwer. Ich wusste, dass dieser Morgen mehr verändert hatte, als ich begreifen konnte. Berlin war nicht mehr nur eine fremde Stadt voller Möglichkeiten. Es war auch ein Ort, an dem ich lernen musste, auf mich aufzupassen.
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