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Chapter 4 by rallebonn

Die anderen hatten offenbar schon öfter bei solchen Veranstaltungen gearbeitet. Sie wirkten deutlich lockerer als ich, bewegten sich sicher zwischen den Gästen und schienen genau zu wissen, wann ein Lächeln genügte und wann ein Schritt zurück besser war. Ich dagegen stand anfangs eher verlegen daneben. Alles war lauter, unmittelbarer und ungewohnter, als ich es von den Wochenenden kannte.

Kurz darauf kam der Chef hinter die Theke und half mit. Er reichte Weinflaschen an, stellte Sekt kalt, zapfte Bier und gab knappe Anweisungen, ohne lange aufzusehen. Der Laden war voller, als ich erwartet hatte. Es wurde beinahe mehr bestellt als an einem Samstagabend, und für einen Moment fragte ich mich, wie ich dieses Tempo bis zum Schluss durchhalten sollte.

Während ich Gläser spülte und Bestellungen aufnahm, beobachtete ich meine Kolleginnen. Sie redeten ungezwungen mit den Gästen und ließen sich von deren aufdringlicher Art nicht aus der Ruhe bringen. Manche Situationen wirkten auf mich befremdlich, weil Nähe und Distanz hier anders verhandelt wurden als in den Umgebungen, die ich bisher kannte. Ich merkte, wie aufmerksam ich jede Bewegung, jedes Wort und jede Reaktion verfolgte, als müsste ich erst die unsichtbaren Regeln dieses Abends lernen.

Mit der Zeit begriff ich, dass es nicht darum ging, sich einfach anzupassen. Es ging darum, aufmerksam zu bleiben und die eigenen Grenzen nicht aus den Augen zu verlieren. Immer wieder erinnerte ich mich an das, was ich dem Chef gesagt hatte: dass ich nur an der Theke arbeiten und gehen würde, sobald mir etwas zu viel wurde. Dieser Gedanke gab mir Halt. Ich stellte die nächste Bestellung zusammen, atmete ruhig aus und versuchte, mich auf das zu konzentrieren, was ich kontrollieren konnte.

Gegen Mitternacht wurde die Stimmung noch dichter. Die Musik schien schneller zu werden, obwohl sie vielleicht nur lauter war, und über der Theke lag der Geruch von Parfüm, Bier und warmer Luft. Ich spürte die Müdigkeit in meinen Schultern, doch zugleich bemerkte ich, dass ich sicherer wurde. Ich wusste inzwischen, wo alles stand, konnte mehrere Bestellungen gleichzeitig im Kopf behalten und fand sogar die Ruhe, einem ungeduldigen Gast freundlich, aber bestimmt zu antworten.

Als der Chef kurz neben mir stehen blieb, nickte er nur. Es war kein großes Lob, aber in diesem Moment reichte es. Ich hatte den Abend noch nicht überstanden, doch ich war nicht mehr dieselbe, die vor wenigen Stunden unsicher im Hinterzimmer gestanden hatte. Zwischen all dem Lärm begann ich zu verstehen, dass Erwachsenwerden manchmal nicht wie ein großer Schritt wirkte, sondern wie viele kleine Entscheidungen, die man trifft, obwohl man Angst hat.

Inzwischen war es etwas leerer geworden. Zwei der anderen Mädchen waren mit Gästen verschwunden, und ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, was ich darüber dachte. Ich spülte ein Glas aus, stellte es zurück ins Regal und hielt mich an die Bewegungen, die mir vertraut geworden waren: greifen, einschenken, kassieren, weiteratmen.

Da trat ein älterer Herr an die Theke. Er legte mehrere Geldscheine vor sich hin, als wäre das eine ganz normale Bestellung, und sah mich dabei so ruhig an, dass mir sofort unwohl wurde. „Für dich“, sagte er mit einem schmalen Grinsen. „Wenn du mitkommst.“ Einen Moment lang verstand ich nicht, ob ich mich verhört hatte. Dann stieg mir die Hitze ins Gesicht. Ich schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte ich, leiser, als ich wollte, aber deutlich genug.

Der Mann grinste nur breiter und schob noch mehr Geld über die Theke. Das Rascheln der Scheine war plötzlich lauter als die Musik. Ich sah zu meinem Chef hinüber. Er kam näher, beugte sich zu mir und flüsterte: „Du musst das nicht tun.“ Seine Worte hätten beruhigend sein sollen, doch sie machten mir erst recht bewusst, dass so etwas hier offenbar nicht zum ersten Mal geschah.

Ich blieb wie angewurzelt stehen. In mir arbeitete alles gleichzeitig: Scham, Wut, Angst und der dringende Wunsch, einfach aus dieser Situation zu verschwinden. Der Mann sagte noch etwas, doch seine Worte kamen nur gedämpft bei mir an. Ich spürte meine Finger um das feuchte Glas in meiner Hand und merkte, dass ich es viel zu fest hielt. Dann stellte ich es langsam ab, sah ihn an und sagte diesmal lauter: „Nein. Ich arbeite hier. Mehr nicht.“

Für einen kurzen Augenblick wurde es zwischen uns still. Nicht der ganze Raum, nur dieser kleine Ausschnitt an der Theke. Der Mann musterte mich, als müsse er entscheiden, ob er meine Antwort ernst nehmen wollte. Ich zwang mich, nicht wegzusehen. Schließlich nahm er die Scheine wieder an sich, murmelte etwas Unverständliches und wandte sich ab. Erst da merkte ich, dass ich die ganze Zeit den Atem angehalten hatte.

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