What's next?
Erste ernstere Angriffe
Die Nacht begann wie so viele zuvor.
Der Wind strich kühl über die Zinnen Nordwachts und trug den Geruch von Rauch und feuchter Erde herauf. Vor den Mauern flackerten die unzähligen Lagerfeuer der Orks und Goblins wie ein zweiter Sternenhimmel auf der Erde.
Darian stand neben Hagen auf dem Wehrgang des Nordwestabschnitts.
Sie sprachen kaum.
In den vergangenen Wochen hatten beide gelernt, die Stille zu schätzen. Jeder wusste inzwischen, worauf der andere achtete. Jeder bemerkte die kleinsten Veränderungen im feindlichen Lager.
Und genau deshalb fiel es Darian sofort auf.
Der Gesang.
Er fehlte.
Erst nach einigen Herzschlägen wurde ihm bewusst, was ihn störte. Die Orks sangen nicht. Keine Trommeln. Kein höhnisches Gelächter der Goblins.
Vor den Mauern lag eine unnatürliche Stille.
„Hagen...“
Der ältere Soldat nickte bereits.
„Ich weiß.“
Beide spähten angestrengt in die Dunkelheit.
Dann...
Ein Horn.
Tief und langgezogen.
Es kam nicht von Nordwacht.
Es kam aus dem Lager der Orks.
Einen Augenblick später antworteten weitere Hörner.
Überall begannen sich Gestalten zu bewegen.
„Feind in Bewegung!“, schrie ein Wachposten mehrere Türme weiter.
Sofort erklangen die Alarmhörner der Festung.
Ihr Ruf hallte von Turm zu Turm.
Unter ihnen erwachte Nordwacht mit einem Schlag.
Soldaten rannten über die Höfe, Offiziere brüllten Befehle, Glocken läuteten durch die ganze Stadt.
Darian hatte kaum Zeit, seinen Helm fester zu ziehen.
Ein sirrendes Geräusch durchschnitt die Luft.
Dann noch eines.
Und noch eines.
„Deckung!“
Ein dichter Schwarm Pfeile schoss aus der Dunkelheit empor.
Die Goblinbogenschützen.
Pfeile prasselten gegen Schilde und Zinnen. Einige schlugen mit dumpfem Klang in Holz ein, andere zerschellten am Stein. Überall duckten sich die Verteidiger hinter die Brustwehren.
„Sie decken jemanden!“, rief Hagen.
Darian riskierte einen kurzen Blick.
Zwischen den Pfeilsalven tauchten gewaltige Schatten auf.
Orks.
Dutzende.
Nein...
Hunderte.
Sie rannten auf das Nordwesttor zu.
Vor ihnen wurden mehrere mächtige Rammböcke getragen, deren eisenbeschlagene Köpfe im Mondlicht aufblitzten.
„Zum Tor!“, donnerte die Stimme eines Hauptmanns.
„Alle verfügbaren Männer zum Tor!“
Hagen packte Darian am Arm.
„Los!“
Gemeinsam stürmten sie die steinernen Treppen hinab. Ihre Stiefel hämmerten über die Stufen, während über ihnen weiterhin Pfeile einschlugen.
Im Burghof herrschte pures Chaos.
Verteidiger rannten aus allen Richtungen herbei. Speerträger bildeten Reihen, Schildkämpfer schlossen sich zusammen. Schmiede verteilten hastig Ersatzwaffen an Männer, die kaum Zeit hatten, ihre Helme richtig aufzusetzen.
Dann erschütterte ein gewaltiger Schlag die gesamte Festung.
WUMM!
Der Rammbock hatte das Tor getroffen.
Staub rieselte aus den Fugen des Torhauses.
Noch ein Schlag.
WUMM!
Das schwere Eichenholz ächzte.
Darian stellte sich mit erhobenem Schild in die Verteidigungslinie.
Neben ihm stand Hagen.
„Egal was passiert“, sagte der ältere Soldat ruhig.
„Keinen Schritt zurück.“
Darian nickte.
Ein dritter Schlag.
Splitter flogen durch die Luft.
Dann ein vierter.
Ein fünfter.
Mit jedem Aufprall bebte der Boden unter ihren Füßen.
Schließlich...
Ein ohrenbetäubendes Krachen.
Das Nordwesttor brach auseinander.
Die gewaltigen Torflügel wurden nach innen gerissen. Zerborstene Balken flogen durch den Eingangsbereich.
Ein triumphierendes Gebrüll erfüllte die Nacht.
Die ersten Orks stürmten durch die Bresche.
Doch hinter dem zerstörten Tor erwartete sie kein freier Weg.
Sondern eine Mauer aus Menschen.
„Schilde hoch!“
Mit voller Wucht prallten beide Linien aufeinander.
Der Aufprall ließ Darian nach hinten taumeln.
Ein Ork hieb mit seiner Axt gegen seinen Schild. Der Schlag ließ seinen gesamten Arm erzittern.
Neben ihm stieß Hagen einem Angreifer den Speer in die Brust.
Überall erklangen Schreie.
Stahl traf auf Stahl.
Männer kämpften Schulter an Schulter.
Weitere Orks versuchten, sich durch die Bresche zu drängen, doch sie fanden keinen Platz. Hinter den ersten Reihen schoben immer neue Verteidiger nach.
Speere stachen zwischen den Schilden hervor.
Äxte wirbelten durch die Luft.
Keiner gab nach.
Die enge Toröffnung, eben noch die größte Gefahr, wurde nun zum Vorteil der Verteidiger.
Die Überzahl der Orks konnte sich nicht entfalten.
Minuten vergingen.
Oder Stunden.
Darian verlor jedes Gefühl für die Zeit.
Er kämpfte nur noch.
Atmen.
Abwehren.
Zustoßen.
Wiederholen.
Dann sah er aus dem Augenwinkel einen gewaltigen Ork auf sich zustürmen.
Er hob den Schild.
Zu langsam.
Die schwere Kriegsaxt traf genau dort, wo die alte Wunde nie ganz verheilt war.
Ein brennender Schmerz durchzuckte seine linke Schulter.
Es fühlte sich an, als würde der Arm auseinandergerissen.
Der Aufprall schleuderte ihn zu Boden.
Sein Schwert glitt ihm aus der Hand.
Er hörte Hagen seinen Namen rufen.
„Darian!“
Die Welt begann sich zu drehen.
Vor seinen Augen verschwammen Helme, Schilde und Fackeln zu einem einzigen flackernden Licht.
Aus der Ferne drang plötzlich ein neues Hornsignal an sein Ohr.
Lang.
Durchdringend.
Anders als zuvor.
Die Orks.
Sie zogen sich zurück.
Das Letzte, was Darian wahrnahm, war das dumpfe Geräusch schwerer Stiefel, die sich von der Bresche entfernten, und Hagens Stimme, die irgendwo ganz nah seinen Namen rief.
Dann verschlang ihn die Dunkelheit erneut.
0 comments
No comments yet
The story has no discussion yet. Leave a note here when a branch gives you something to say.
No chapter comments yet
No one has commented on this branch yet. Add the first note above.