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Erneut im Lazarett

Chapter 7 by vaelinalsorna

Das Erste, was Darian hörte, war kein Flüstern.

Es waren Schreie.

Schmerzgeplagte Stimmen erfüllten den Raum, vermischt mit hastigen Schritten, klirrenden Schalen und den unablässigen Rufen der Heilerinnen. Der vertraute Duft von Kräutern hing noch immer in der Luft, doch diesmal wurde er vom scharfen Geruch frischen Blutes überlagert.

Langsam öffnete Darian die Augen.

Die hölzerne Decke des Lazaretts kam ihm seltsam vertraut vor.

Für einen kurzen Moment glaubte er, er würde denselben Traum noch einmal erleben.

Dann kehrte der Schmerz zurück.

Er zog scharf die Luft ein.

Seine linke Schulter war fest verbunden. Jeder Atemzug ließ die Wunde pochen. Er musste den Arm nicht ansehen, um zu wissen, dass dieselbe Stelle erneut aufgerissen worden war.

„Nicht bewegen.“

Die Stimme erkannte er sofort.

Frida trat an sein Bett. Doch sie sah anders aus als noch vor einigen Wochen.

Die weißen Ärmel ihrer Ordensrobe waren von getrocknetem Blut gezeichnet. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen, ihr sonst so sorgfältig gebundenes Haar hatte sich gelöst, und selbst ihr Lächeln wirkte müde.

„Ihr seid wieder bei uns“, sagte sie leise.

Darian versuchte zu lächeln.

„Schon... wieder.“

Ein erschöpftes Schmunzeln huschte über Fridas Gesicht.

„Langsam glaube ich, Ihr mögt unser Lazarett zu sehr.“

Für einen flüchtigen Augenblick war alles wie früher.

Dann rief jemand laut nach einer Heilerin.

Frida blickte sofort zur Tür.

„Ich bin gleich zurück.“

Und schon war sie verschwunden.

Erst jetzt sah Darian den Raum richtig.

Überall standen zusätzliche Feldbetten.

Wo früher zwischen den Lagern Platz gewesen war, lagen nun Verwundete dicht an dicht. Manche stöhnten leise vor Schmerzen, andere blickten schweigend an die Decke. Einige Betten waren so hastig aufgestellt worden, dass sie kaum einen Schritt voneinander entfernt standen.

Heilerinnen eilten ununterbrochen zwischen ihnen hindurch.

Niemand schien auch nur einen Augenblick zur Ruhe zu kommen.

Erst Stunden später kehrte Frida zurück.

Oder vielleicht waren es auch nur Minuten.

Darian hatte längst jedes Zeitgefühl verloren.

Sie wechselte hastig seinen Verband.

„Tut es sehr weh?“

„Nicht so schlimm wie beim ersten Mal.“

„Ihr lügt schlecht.“

Er lächelte schwach.

„Das sagen alle.“

Frida erwiderte das Lächeln, doch schon im nächsten Moment wurde sie wieder gerufen.

„Frida! Wir brauchen Euch hier!“

„Ich komme!“

Sie seufzte leise.

„Es tut mir leid.“

„Du musst dich nicht entschuldigen.“

Sie nickte dankbar.

„Ich komme später wieder.“

Doch später wurde oft erst tief in der Nacht.

Die Tage vergingen.

Und jedes Mal, wenn Frida einen Augenblick fand, erzählte sie ihm, was außerhalb des Lazaretts geschah.

Nicht viel hatte sich geändert.

Und doch war alles anders.

Seit jener Nacht, in der das Nordwesttor gefallen war, griffen die Orks beinahe jede Nacht an.

Immer nach demselben Muster.

Zuerst eröffneten Goblinbogenschützen das Feuer auf die Mauern.

Dann rollten Rammböcke gegen eines der Stadttore.

Mal gegen das Nordtor.

Mal gegen das Westtor.

Ein anderes Mal gegen das kleinere Osttor.

Die Verteidiger eilten jedes Mal dorthin, kämpften verbissen und hielten die Breschen geschlossen.

Und jedes Mal geschah schließlich dasselbe.

Die Orks zogen sich zurück.

Nicht, weil sie geschlagen waren.

Nicht, weil ihnen die Kraft fehlte.

Sondern einfach...

weil sie es wollten.

„Warum?“, fragte Darian eines Abends.

Frida band gerade einen frischen Verband um seine Schulter.

„Der Hauptmann sagt, sie prüfen unsere Verteidigung.“

Darian schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Frida sah ihn fragend an.

„Sie spielen mit uns.“

Die Worte blieben zwischen ihnen stehen.

Je länger Darian darüber nachdachte, desto sicherer wurde er.

Die Orks hätten längst versuchen können, ihre gesamte Streitmacht gegen eine Bresche zu werfen.

Doch sie taten es nicht.

Sie kamen.

Sie kämpften.

Sie verwundeten.

Und sie verschwanden wieder.

Immer gerade lange genug, um neue Tote und Verwundete zurückzulassen.

Immer kurz genug, damit die Menschen niemals wussten, ob der nächste Angriff der letzte sein würde.

Die Belagerung war längst mehr als ein Kampf um Mauern geworden.

Sie war ein Kampf gegen die Erschöpfung.

Gegen die Angst.

Gegen die Hoffnungslosigkeit.

Und mit jedem Tag zeigte sie neue Folgen.

„Heute gab es wieder kleinere Brotrationen“, erzählte Frida einige Tage später, während sie Arzneikräuter in einer Schale zerrieb.

„Wie klein?“

Sie antwortete zunächst nicht.

„Die Kinder bekommen noch ihre gewohnte Menge.“

Darian verstand sofort.

Für alle anderen blieb weniger.

„Die Vorräte reichen noch“, sagte Frida schnell, als hätte sie Angst, ihm zu viel verraten zu haben. „Aber wir müssen sparsamer werden.“

Immer häufiger hörte Darian ähnliche Nachrichten.

Der Bäcker streckte das Mehl.

Gesalzenes Fleisch wurde nur noch an Soldaten ausgegeben, die unmittelbar an den Mauern dienten.

Gemüse war fast vollständig verschwunden.

Selbst im Lazarett wurden die Suppen dünner.

Niemand hungerte.

Noch nicht.

Aber jeder bemerkte, dass die Portionen kleiner wurden.

Und niemand wusste, wie lange die Belagerung noch dauern würde.

In den Nächten lauschte Darian vom Fenster seines Bettes aus den vertrauten Geräuschen der Stadt.

Dem Läuten der Alarmglocken.

Dem dumpfen Einschlag der Rammböcke.

Dem Sirren der Pfeile.

Den Rufen der Offiziere.

Und irgendwann...

den Hörnern des Rückzugs.

Immer dieselbe Reihenfolge.

Immer dieselbe grausame Gewissheit.

Draußen führten die Orks keinen Krieg mehr, um Nordwacht zu erobern.

Sie führten einen Krieg, um den Willen der Menschen langsam zu brechen.

Und tief in seinem Inneren fürchtete Darian, dass ihnen genau das eines Tages gelingen könnte.

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