gibt es noch mehr Nachrichten von Karina?
Der Onkel bei Karstadt
Ich schrecke schweißgebadet im Bett hoch. Die Hitze und schon wieder dieser Alptraum.
Schwimmunterricht in der sechsten Klasse. Dieses blöde Bändchen ist aus dem Bund meiner Badehose gerutscht. Bei jeder Bewegung habe ich Angst, dass ich sie verliere. Natürlich ist sie beim Sprung vom Startblock weg. Ich tauche auf und sehe mich verzweifelt um. Nichts. Da springt schon der Nächste und ich muss weiterschwimmen. Wenn ich am anderen Ende des Beckens ankomme, muss ich aus dem Wasser steigen. Alle werden lachen. Von hinten drängelt schon ein Mitschüler. Ich greife nach der Treppe ...
Da wache ich auf.
Das Bild, das Karina mir geschickt hat, nimmt mich ziemlich mit. Immer wenn ich es betrachte, denke ich: Das arme Mädchen, ein rutschender Bikini ist kein Spaß.
So kann es nicht weitergehen. Heute gehe ich ihr einen neuen Badeanzug kaufen. Auf keinen Fall soll sie nach den Ferien dasselbe Trauma wie ich durchmachen.
Im Karstadt fühle ich mich wohl. Hier muss ich mich nicht wie im Sportfachgeschäft vor durchtrainierten jungen Verkäufern für meine Figur rechtfertigen. Und es ist voll klimatisiert.
Die Auswahl in der Sportabteilung überfordert mich. Besteht die Bademode denn heutzutage nur noch aus Schnüren, die winzige Stofffetzen verbinden?! Das macht meine Albträume höchstens noch schlimmer. Vielleicht wäre ein Burkini das Richtige?!
Ich zögere, die junge Verkäuferin anzusprechen, die die Yoga-Outfits neu faltet. Ob sie mein Problem versteht? Ich kann sie mir viel besser in einer dieser kunstvollen Verschnürungen vorstellen, als in einem ordentlichen Badeanzug. Suchend schaue ich mich um.
„Kann ich Ihnen helfen?“, werde ich sofort von einer älteren Mitarbeiterin verbal getackelt.
Ohne Vorwarnung ist sie hinter einem Kleiderständer aufgetaucht. Offenbar langweilt sie sich, denn es ist menschenleer im Karstadt. Alle sind im Urlaub.
„Ja, also ... ich such einen Badeanzug ... was Solides ... nicht so was Flimschiges ... für meine Nichte“, stottere ich und gestikuliere dabei vage in die Richtung des Angebots.
Die Verkäuferin lächelt professionell und legte gleichzeitig ihre Stirn in Falten. „Solide, natürlich. Nur damit ich besser verstehe, was Sie sich vorgestellt hatten. Ich nehme an ihre ‚Nichte‘ ist ein bisschen kräftiger gebaut? Sie suchen einen klassischen Schnitt der verhüllt und gleichzeitig modelliert?“
Es dauert etwas, bis bei mir der Groschen fällt. „Nein, nein, sie ist ganz schlank so wie ...“
Beinahe hätte ich gesagt „... so wie ihre junge Kollegin“.
Aber dann beiße ich mir grade noch auf die Zunge. Wohlmöglich hätte Frau Lehmann – das steht auf ihrem Namensschild – gedacht, ich wollte andeuten, dass sie fett ist – was sie nicht ist. Oder sie hätte es als Belästigung der jungen Kollegin durch einen alten Sacks wie mich verstanden.
Grade noch mal gutgegangen.
Ich zücke mein Handy und halte ihr das Foto hin, das Karina mir geschickt hat. So kann sie sofort das Problem des rutschenden Bikinis verstehen.
Die kluge Frau hat sofort verstanden und grinst. „Ich suche Ihnen mal was passendes raus. Süßer Käfer, ihre ‚Nichte‘. Habe ich mir doch gleich gedacht, dass Sie auch in unserem Programm sind.“
„Ja, klar, hab aber meine Mitgliedskarte grade nicht dabei“, murmele ich genervt. Ich lehne diese Rabatt-, Loyalitäts- und Punktesammelprogramme grundsätzlich ab.
Die Verkäuferin sucht ein paar Teile zusammen und übergibt sie ihrer jungen Kollegin, die damit nach hinten verschwindet. Ich bin verwirrt, bis mir Frau Lehmann bedeutet, ihr zu folgen.
Wir stehen vor den Umkleidekabinen, als der Vorhang aufgeht und die junge Kollegin in einem sportlichen Einteiler vor uns steht.

„Entspricht das Ihren Vorstellungen? Sehr dezent und schlicht. Das Material ist 100% salzwasserresitstent. Was sagen Sie?“
Der Service überzeugt mich. Ich lasse mir von Aylin, so heißt Frau Lehmanns junge Kollegin, noch die anderen Modelle vorführen. Zum Schluss entscheide ich mich dann für ein Einteiler in Grau. Vielleicht ein bisschen hoch geschnitten an den Beinen aber ich denke, Karina kann es tragen. Das Wichtigste ist, dass obenrum nichts rutscht.
Wir gehen zur Kasse. Ich zücke die EC-Karte.
Frau Lehmann zwinkert mir zu. „Sie wissen ja, im Programm immer nur bar. Macht 576,50 Euro. Soll ich es als Geschenk verpacken?“
„So viel“, stöhne ich entgeistert.
„Das sind die Preise im Sugar-Daddy-Programm. Aylin muss schließlich auch ihre Miete bezahlen. Aber Sie bekommen dafür eine ganze Menge Stoff. Ich muss schon sagen, im Gegensatz zu den üblichen Kunden haben Sie wirklich einen ganz besonderen Geschmack. Da fühlt man sich als Frau gleich wertgeschätzt.“
Frau Lehmann lächelt mir warm zu und fährt sich mit einer Hand durch ihr blond gefärbtes Haar.
„Aber ... aber, ich habe grade gar nicht so viel Bargeld dabei. Kann man da vielleicht noch was machen?“
Sie lächelt immer noch aber ihr Blick bekommt etwas Lauerndes.
„Ich könnte Ihnen den Milf-Rabatt anbieten. Aber dafür müssten Sie an einer persönlichen Kundenbefragung teilnehmen. Lassen Sie uns das am besten gleich erledigen, es ist ja grade eh nichts los.“
Ich nicke nur stumm und versuche noch ihre Worte zu verarbeiten. Doch Frau Lehmann ruft schon zu ihrer Kollegin hinüber: „Aylin, kannst du hier kurz übernehmen. Ich muss mal mit dem Kunden nach hinten.“
0 comments
No comments yet
The story has no discussion yet. Leave a note here when a branch gives you something to say.
No chapter comments yet
No one has commented on this branch yet. Add the first note above.