What's next?
Testamente und Tabus
Sie nehmen den Pavillon”, sagte Katharina und zog sich ihre Jacke über. „Holen Sie die Statue rein, bevor sie jemand klaut oder der Schnee sie ruiniert. Ich kümmere mich um Cornelius’ Vernehmung, sobald er wieder bei klarem Verstand ist.”
Ferdinand nickte, dankbar für die räumliche Trennung. Seine Nerven waren blank, sein Schwanz immer noch halb hart, und das Bild von Katharinas nacktem Körper brannte sich in sein Gehirn wie eine unheilbare Krankheit.
„Treffen wir uns in einer Stunde in Johannas Arbeitszimmer”, fügte sie hinzu. „Vielleicht finden wir dort mehr Hinweise.”
Als sie die Tür hinter sich schloss, lehnte Ferdinand sich gegen die Wand und atmete tief durch.
Konzentrier dich. Du bist hier, um eine Statue zu stehlen, nicht um dich in eine Staatsanwältin zu verknallen, die dich ins Gefängnis stecken wird, sobald sie rausgefunden hat, wer du wirklich bist.
Aber seine Hände zitterten noch.
Zwanzig Minuten später stand Ferdinand wieder im Haus, die Venus-Statuette sicher in einem Leinentuch gewickelt und in einer Kommode in seinem Gästezimmer versteckt. Niemand hatte ihn gesehen. Der Schnee fiel dichter, und das Anwesen fühlte sich an wie ein Grab.
Er sollte jetzt eigentlich verschwinden. Die Statue einpacken, durch den Geheimgang raus, ins Auto, weg.
Aber seine Füße trugen ihn stattdessen zu Johannas Arbeitszimmer.
Nur ein kurzer Blick, log er sich selbst vor. Vielleicht finde ich etwas, das Katharina entlastet – oder belastet.
Die Tür war unverschlossen. Das Zimmer roch nach altem Leder und Lavendel. Ein massiver Schreibtisch dominierte den Raum, dahinter Regale voller Bücher, Akten, gerahmter Fotos.
Ferdinand setzte sich vor Johannas Computer. Der Bildschirm leuchtete auf – kein Passwort. Zu vertrauensselig, Johanna.
Er öffnete ihr E-Mail-Programm.
Hunderte von Nachrichten. Die meisten geschäftlich – Kunstgalerien, Auktionshäuser, Versicherungen. Ferdinand überflog sie, suchte nach irgendetwas Verdächtigem.
Dann sah er es:
Betreff: DRINGEND – Testament ändernVon: Dr. Adalbert Grimmstein, NotarAn: Johanna von BlausteinDatum: 3 Tage vor der Hochzeit
Ferdinands Herzschlag beschleunigte sich. Er klickte die Mail an.
Sehr geehrte Frau von Blaustein,
wie telefonisch besprochen, habe ich die Änderungen an Ihrem Testament vorgenommen. Die neue Fassung sieht wie folgt vor:
- Das Anwesen geht an Ihre Nichte Katharina Amalia von Blaustein- Die Kunstsammlung (inklusive der Venus-Statuette) wird aufgeteilt zwischen Katharina (60%) und Helena (40%)- Ihre Schwester Magdalena wird explizit enterbt- Edmund Grauwald erhält eine Leibrente von 50.000 Euro jährlich
Die alte Fassung, in der alles an Magdalena ging, ist somit hinfällig.
Mit freundlichen Grüßen,Dr. Adalbert Grimmstein
Ferdinand starrte auf den Bildschirm.
Katharina erbte also. Fast alles. Das Anwesen, den Großteil der Kunst. Millionen.
Scheiße.
Das machte sie zur Hauptverdächtigen. Motive? Check. Gelegenheit? Check. Mittel? Check.
Aber… Ferdinand dachte an ihre Augen, als sie die Leiche gefunden hatten. Echter Schock. Echtes Entsetzen.
Oder war sie einfach eine verdammt gute Schauspielerin?
Er scrollte weiter durch die Mails. Noch eine, von gestern Abend:
Betreff: RE: Verkauf Venus-StatuetteVon: Ivan Kuznetsov, Kunsthändler Moskau
Johanna,
3 Millionen ist mein letztes Angebot. Die Statuette muss vor Ende des Monats außer Landes. Keine Fragen, keine Papiere. Du weißt, wie das läuft.
Ruf mich an.Ivan
Ferdinand lehnte sich zurück.
Johanna wollte die Statue also verkaufen. Illegal, nach Russland. Hatte jemand davon gewusst? Hatte jemand versucht, den Deal zu verhindern – oder sich die Statue vorher zu schnappen?
Jemand wie ich, dachte er bitter.
Er hörte Schritte im Flur.
Hastig schloss er die E-Mails, sprang auf—
Zu spät.
Katharina stand drei Meter entfernt in einem anderen Raum – dem kleinen Salon neben dem Arbeitszimmer. Die Tür zwischen den Räumen stand einen Spalt offen.
Sie hatte ihn nicht bemerkt.
Sie stand vor einem Spiegel, die Hände auf dem Marmorsims, den Kopf gesenkt.
„Was ist los mit dir?” flüsterte sie zu sich selbst.
Ferdinand erstarrte. Er sollte sich bemerkbar machen. Husten. Irgendwas.
Aber er stand da wie festgefroren.
„Er hat dich nackt gesehen”, murmelte Katharina weiter. „Du solltest wütend sein. Du solltest ihn anzeigen, rauswerfen, zusammenscheißen…”
Sie hob den Kopf, sah ihr eigenes Spiegelbild an.
„Aber warum… warum hat es sich so verdammt gut angefühlt?”
Ferdinands Atem stockte.
Katharinas Hand wanderte zu ihrem Hals, glitt langsam nach unten, über den Pullover, blieb auf ihrer Brust liegen.
„Die Art, wie er mich angesehen hat…” Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Wie ein Mann, der am Verdursten ist und endlich Wasser sieht.”
Sie schloss die Augen.
„Niemand hat mich jemals so angesehen. Nicht dieser hirnlose Richter, mit dem ich letztes Jahr zusammen war. Nicht der Anwalt davor. Niemand.”
Ihre andere Hand glitt zu ihrer Jeans.
Oh Gott nein, dachte Ferdinand panisch. Bitte nicht. Ich kann nicht… ich darf nicht…
Aber seine Füße waren an den Boden genagelt.
Katharina öffnete den obersten Knopf ihrer Jeans. „Er ist ein Lügner. Ein verdammter Lügner. Ich weiß es. Ich spüre es.”
Der Reißverschluss.
„Aber mein Körper… mein Körper will ihn trotzdem.”
Ihre Hand verschwand in der Jeans.
Ferdinand biss sich so hart auf die Lippe, dass er Blut schmeckte. Seine Erektion war zurück, härter als je zuvor, schmerzhaft, fordernd.
Geh. Jetzt. JETZT.
Katharina stöhnte leise auf.
Ferdinand drehte sich um – so leise er konnte, Schritt für Schritt rückwärts, zurück zum Arbeitszimmer—
KRACK.
Sein Fuß trat auf eine knarrende Diele.
Katharina fuhr herum, die Augen weit, die Hand immer noch in der Jeans.
Für drei Sekunden starrten sie sich an.
Dann riss Katharina ihre Hand raus, knöpfte hektisch die Jeans zu, ihr Gesicht flammend rot.
„WIE LANGE STEHEN SIE DA SCHON?!” schrie sie.
„Ich… ich bin gerade erst—”
„LÜGE!” Sie stürmte auf ihn zu. „Sie haben mich beobachtet! Sie PERVERSLING!”
„Katharina, ich schwöre—”
„Sie schwören?! Sie SCHWÖREN?!” Sie war jetzt direkt vor ihm, zitternd vor Wut und Scham. „Sie haben mich nackt gesehen, Sie sind in mein Zimmer eingedrungen, und jetzt… jetzt…”
Ihre Stimme brach.
Ferdinand hob beschwichtigend die Hände. „Ich wollte Johannas Computer durchsehen. Ich habe Sie nicht absichtlich—”
„Was haben Sie gefunden?” Plötzlich war sie eiskalt. Die Staatsanwältin war zurück, die Scham weggeschlossen hinter professioneller Maske.
„Ein Testament”, antwortete er. Keine Lügen mehr. Nicht jetzt. „Johanna hat Sie zur Haupterbin gemacht. Das Anwesen, die Kunstsammlung. Fast alles geht an Sie.”
Katharina wich zurück, als hätte er sie geschlagen. „Was?”
„Drei Tage vor der Hochzeit. Die alte Version – da erbte Magdalena alles. Aber Johanna hat es geändert.”
„Ich… ich wusste nichts davon.” Ihre Stimme war ein Flüstern.
„Das macht Sie zur Hauptverdächtigen.”
„Ich habe sie nicht umgebracht!”
„Ich weiß.”
Die Worte waren raus, bevor er nachdenken konnte.
Katharina starrte ihn an. „Woher… woher wollen Sie das wissen?”
Weil ich ein Dieb bin, kein Mörder. Und ich erkenne einen Mörder, wenn ich einen sehe. Und du bist keiner.
Aber das konnte er nicht sagen.
„Instinkt”, sagte er stattdessen.
Sie lachte bitter. „Instinkt. Natürlich. Der Instinkt eines BKA-Mannes, der zufällig als Fotograf getarnt auf einer Hochzeit auftaucht. Dessen Manschettenknöpfe ‘FB’ statt ‘FB’ tragen sollten, wenn er wirklich Ferdinand Baumann heißt und nicht Ferdinand Becker.”
Erwischt.
„Es gibt noch etwas”, sagte Ferdinand schnell, um abzulenken. „Johanna wollte die Venus-Statuette illegal nach Russland verkaufen. Für drei Millionen. An einen Händler namens Ivan Kuznetsov.”
Katharinas Augen weiteten sich. „Schwarzmarkt?”
„Sieht so aus.”
„Das bedeutet… wer auch immer sie gestohlen hat, könnte den Deal gekannt haben. Wollte sich die Statue selbst schnappen, bevor Johanna sie verkauft.”
„Genau.”
Sie schwiegen beide.
Dann: „Baumann – oder wie auch immer Sie heißen.”
„Ja?”
„Wenn Sie mir weiter helfen, diesen Mord aufzuklären…” Sie trat näher, so nah, dass er ihren Atem spürte. „…dann vergesse ich, was heute Abend passiert ist. Alles.”
„Alles?”
Ein winziges, gefährliches Lächeln. „Nun, vielleicht nicht alles. Aber genug.”
Ferdinand nickte. „Deal.”
Sie reichte ihm die Hand.
Er ergriff sie.
Elektrizität.
Beide ließen schnell wieder los.
„Also gut”, sagte Katharina und räusperte sich. „Cornelius wird gerade von Edmund verarztet. Wir verhören ihn morgen früh. Bis dahin—”
Ein Schrei zerriss die Stille.
Olgas Stimme. Wieder.
„Oh, zum Teufel”, fluchte Katharina. „NICHT SCHON WIEDER!”
Sie rannten los, durch die Flure, die Treppe hinunter.
Im Keller.
Vor dem Weinkeller.
Edmund stand da, kreidebleich.
„Was?!” schrie Katharina.
Der Butler deutete stumm in den Raum.
Ferdinand und Katharina stürmten hinein.
Und erstarrten.
Da, zwischen den Weinfässern, an einen Stuhl gefesselt, ein Knebel im Mund:
Magdalena von Blaustein.
Lebend. Wütend. Und mit Augen, die Mord versprachen.
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