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Chapter 6 by Reyhani Reyhani

What's next?

Herr und Knecht

Annika wurde wach, als die Bäuerin ihr das Laken wegzog.

„Aufgewacht, Schlafmütze, es ist helllichter Tag. Alois ist schon lange aufgebrochen. Aufs Häusel, waschen und dann kriegst du erst einmal ein anständiges Frühstück.“

Und so war es. Als Annika vom Tisch aufstand, wäre sie am liebsten zurück ins Bett gegangen, soviel hatte sie gegessen. Aber es musste aufgeräumt, das Geschirr abgewaschen und Küche und Kammern ausgefegt werden. Dann zeigte ihr Susanne alles auf dem Hof, wo man Brennholz holt und wie man die Hühner füttert. Annika war grade dabei, den Hühnerstall auszumisten, als die Bäuerin sie vor das Haus rief. Der Herr kam zurück.

Wie am Tag zuvor Annika selbst, stiegen jetzt Bauer Benedikt und Altknecht Karl langsam den Abhang hinauf. Susanne und Annika hatten vor dem Haus Aufstellung genommen und Susanne winkte den Ankommenden immer wieder zu. Als Herr und Knecht endlich vor dem Haus standen, gab Susanne beiden die obligatorische Umarmung, erst ihrem Mann, Benedikt, dem sie zusätzlich die Hand küsste, und dann nicht weniger warm dem Knecht, Karl. Zum Schluss zog sie Annika, die im Hintergrund gewartet hatte, nach vorne und stellte sie vor:

„Das ist Annika, das neue Alm-Madl … na ja, nicht richtig, sie bleibt ja bloß eine Woche oben bei uns und nicht dem ganzen Sommer.“

Aus purer Verlegenheit machte Annika vor dem Bauern einen unbeholfenen Knicks. „Vielen Dank, dass Sie mich trotzdem aufnehmen. Leider habe ich nur drei Wochen Urlaub, den ganzen Sommer habe ich nicht Zeit, obwohl ich es hier sehr schön finde.“

„Lass dich anschauen. Für eine Urlauberin hast du dich aber schon gut eingelebt“, erwiderte der Bauer und taxierte sie von oben bis unten.

Bis auf ihre helle Haut war Annika äußerlich kaum mehr von einem Bauernmädchen zu unterscheiden. Am Morgen hatte Susanne ihr die Haare geflochten und alles mit einem Tuch zusammengebunden. Jetzt löste die Bäuerin noch schnell Annikas Arbeitsschürze, damit ihr Mann eine bessere Aussicht hatte.

Bauer Benedikt musterte Annika ernst aber freundlich und nickte zum Schluss stumm. So etwas wie Erleichterung durchströmte Annika, ohne dass sie den Grund wirklich verstand. Es musste die natürliche Autorität sein, mit der der Bauer auftrat, die Annika das Gefühl gab, in einer Prüfung zu stecken. Die hatte sie jetzt bestanden und sie lehnte sich dankbar an Susanne.

Auch Karl musterte Annika eingehend, allerdings mit eindeutigerem Interesse als der Bauer. Er war nur einige Jahre älter als sie, ein großer, blonder Typ, der ihr frech auf die Titten glotzte und dabei auch noch einen Steifen bekam. Was erlaubte der sich. Im Gegensatz zur ruhigen Inspektion des Bauern fühlte sich Annika durch diese Begutachtung herausgefordert. Doch richtig nervös wurde sie, als sie sah, wie sich Karl über die Lippen leckte und es in seiner Hand zuckte.

Annika hielt den Atem an. Das hier war so ganz anders, als die zufällige Begegnung mit Thomas auf dem Bahnsteig, die etwas Leichtes und Spielerisches gehabt hatte. Was, wenn Karl seine Hand nach ihren Brüsten ausstreckte, um mit seinen braunen, rauen Händen ihr Gewicht zu prüfen? Fühlten sich die weißen Titten aus der Stadt anders an als die vom Dorf? Musste Annika als Gast stillhalten, damit Karl seine Neugier befriedigen konnte? So gut kannte sie die Regeln dieser Gesellschaft noch nicht, um abschätzen zu können, wo hier die Grenze zu ziehen war. Hilfesuchend sah sie zu Susanne.

Zum Glück schaltete sich der Bauer wieder ein. „Sei uns willkommen. Du bist zwar nur kurz bei uns, aber wir wollen dich wie eine von uns behandeln. Und selbst in einer kurzen Zeit kann man Wichtiges lernen. Bist ein gutes und fleißiges Madl, das kann ich sehen. Heute angekommen und gleich bei der Arbeit. Das lob ich mir.“

„Wir sind schon seit gestern hier“, korrigierte Annika den Bauern. „Der Führer hat mich gebracht und ist in der Frühe wieder gegangen.“

… und er hat in deinem Bett mit deiner Frau geschlafen, fuhr es wie ein Blitz durch Annikas Kopf. Wie konnte sie nur so blöd sein?! Gestern war ihr alles so natürlich und selbstverständlich erschienen, dass sie nicht weiter darüber nachgedacht hatte. Erst jetzt im Angesicht des Herrn realisierte sie, dass sie Zeugin von etwas Kompromittierendem, potentiell Gefährlichem für Susanne geworden war. Das wusste zwar keiner, aber sie hätte es einfach nicht ansprechen sollen, dass Alois über Nacht geblieben war. Sie wollte weder durch Unachtsamkeit zu Veräterin an der Bäuerin noch zu ihrer Komplizin werden.

Doch der Bauer hatte aufgepasst und wohl auch Annikas Nervosität gespürt. In strengem Ton fragte er seine Frau:

„Sannerl, der Lois war hier über Nacht? Du hast ihn gebührend empfangen? Hast alles mit ihm geteilt so wie es Sitte ist?“

„Sicher, mein Herr, und mehr als das. Er war nicht nur ein willkommener Gast. Du weißt, dass er auch unser lieber Freund ist. Schon seit Jahren. Ich habe ihn bewirtet, gewaschen und unser Bett mit ihm geteilt genau so wie es sich geziemt. Lois bedankt sich tausendmal für deine Gastfreundschaft. Er war sehr traurig, dass er heute Morgen aufbrechen musste, ohne dich zu sehen.“

„So ist es recht. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann, wenn es um unseren lieben Freund geht.“

Benedikt trat zu seiner Frau und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Da er ein kleiner und eher schmaler Mann war, musste Susanne dafür leicht in die Knie gehen. Dann wandte er sich wieder Annika zu:

„Wir werden Gelegenheit haben, unseren Dank zu erwidern, wenn Alois kommt, dich abzuholen. Solange stehst du unter unserer Obhut.“

Damit löste er das Band von Annikas Hals, das sie schon ganz vergessen hatte, und gab auch ihr einen Kuss. Annika war so erleichtert, dass sie sich spontan an Susanne drückte. Alles war gut und sie würde alles tun, dass es so bliebe. Diese Menschen erschienen ihr manchmal wunderlich, aber sie spürte tief in ihrem Innern, dass sie es gut meinten.

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