Das Kleingarten-Archiv
Erinnerungen an das Erwachsenwerden in der Kolonie
Chapter 1
by
Reyhani
Vorwort des Autors
Die Basis der Texte, die ich hier versammeln werde, sind Gesprächen mit meinen Großeltern und ihren Freunden. Darunter sind Gedächtnisprotokolle, Rekonstruktionen anhand von Notizen und Abschriften von Aufnahmen, mit denen ich begonnen habe, als das Projekt immer mehr ausuferte. In jedem Fall habe ich versucht, wenn nicht den exakten Wortlaut, so doch zumindest den Geist dieser Gespräche wiederzugeben.
Ich muss zugeben, dass ich anfangs aufgrund des Alters meines Großvaters und des Verdachts auf eine beginnende Alzheimer-Erkrankung äußerst skeptisch gegenüber den geschilderten Vorgängen war. Allerdings erfreut sich Opa bis heute bester Gesundheit und sein Geist ist klarer denn je. Es ist, als wäre mit den Erinnerungen wieder Saft in die alten Triebe geschossen. Mittlerweile glaube ich, dass alles wahr ist.
Ausgangspunkt meiner Recherche war ein Gruppenfoto in Schwarzweiß, das mir bei einem meiner viel zu seltenen Besuche bei meinen Großeltern, nennen wir sie Uschi und Gerd, in die Hände gefallen ist. Als einmal der Knoten geplatzt war, wollten die alten Leute gar nicht mehr aufhören zu reden.
Ich fühle mich verpflichtet, dieses wichtige Zeitdokument nicht nur für meine **** aufzubewahren, sondern es auch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Deshalb wurde die Namen aller Beteiligten anonymisiert.
KGV Eden
Ich greife gelangweilt nach einem alten Foto, dass auf dem Couchtisch liegt und sehe die Chance, den Monolog meines Opas Gerd über E-Autos unterbrechen zu können:
„Ich glaube, ich kenne keinen von diesen Leuten auf dem Bild. KGV Eden steht hier – hattet ihr mal einen Schrebergarten? Davon hab ich ja noch nie was gehört.“
Oma Uschi stellt die Kaffeekanne auf den Couchtisch und erklärt:
„Ja, unsere Eltern. Damals, als wir noch alle in *** gewohnt haben. Aber dann sind Gerd und ich ja weggezogen. War ein Paradies. Heute stehen da so Wohnblocks. Schade drum.“
Gerd setzt sich zu uns, sieht das Gruppenfoto vor dem Vereinsheim und muss schmunzeln.
„Ja, ein echtes Paradies. Da werden viele schöne Erinnerungen wach. Nicht wahr, Uschi, das war für uns beide eine aufregende Zeit?! Unsere Familien hatten je eine Parzelle. So haben wir uns kennengelernt.“
„Warum habt ihr denn nie was darüber erzählt?“
Uschi wird seltsam verlegen und druckst herum.
„Also weißt du … diese alten Geschichten interessieren heute doch niemanden mehr.“
Gerd protestiert:
„Das können wir dem Jungen doch ruhig mal erzählen, Uschi?! Er ist schließlich erwachsen.“
Gerd legt seiner Frau eine Hand aufs Knie. Sie räuspert sich:
„Was man auf dem Foto sieht, ist der offizielle Kleingartenverein. Daneben gab es noch einen zweiten, geheimen, von dem nur Eingeweihte wussten. Also es war derselbe Verein und dieselbe Anlage aber eine andere Seite, wie soll ich das erklären. Es ging nicht so sehr um Obst und Gemüse, sondern um … Spaß unter Erwachsenen …“
Gerd hält es nicht mehr aus und geht dazwischen:
„Uschi, der Junge ist doch kein Kind mehr. Also es ging ums Blasen, Lecken und Ficken – alles was man sich vorstellen kann.. Wir haben da eine tolle Grundausbildung gekriegt. Warum gibt es das eigentlich heute nicht mehr?!“
Ich bin geschockt. Uschi mahnt mich mit einem Blick, nachsichtig mit Opa zu sein. So wie wenn er herausposaunt, bei der nächsten Wahl ganz bestimmt AfD zu wählen. Sie ordnet ein:
„Im Rückblick war das eine konsequente Erweiterung des Kleingartengedankens. Weiß auch nicht, wer sich das ausgedacht hat. Werner, der Vorsitzende oder schon sein Vater? Es ging um die sexuelle Selbstversorgung im Verein. Also klar, was Opa gesagt hat. Aber auch noch viel mehr. Das war ja früher noch nicht so, dass man nur den Fernseher anstellen musste, und gleich reden alle über Sex. Da war unser Verein schon ziemlich vorne dabei.“
„Und in diesem Geheimverein seid ihr Mitglied geworden?!“
Gerd erklärt:
„Ich bin da eher so reingewachsen. Das mit den zwei Vereinen höre ich heute zum ersten Mal. Aber Uschi hat recht, so kann man sich das vorstellen. Ich war zu der Zeit viel zu sehr damit beschäftigt, die Frauen zu entdecken, als mir um so was Gedanken zu machen.“
Uschi ergänzt:
„Bei mir war das ähnlich. Das ging über die Mädelsclique. Da hatte Bea das Sagen, die Tochter des Vorsitzenden. Also das hing schon irgendwie mit dem Verein zusammen, weil wir hatten eine eigene Bude, wo wir ungestört waren. Da konnte man mal was ausprobieren.“
Gerd wirft ein:
„Und praktisch war es. Ich meine, du kommst von der Schicht und musst dich um nichts mehr kümmern. Grade als junger, unverheirateter Mann, also in den Jahren bevor ich mit der Oma zusammengekommen bin.“
Ich bin immer noch skeptisch, sehe aber auch das Leuchten in den Augen der alten Leute. Deshalb ermutige ich sie.
„Das ist ja interessant, erzählt doch mal. Versucht euch genau zu erinnern, das hält den Geist fit. Wie seid ihr denn da reingewachsen und was habt ihr genau ausprobiert? Du willst mir doch nicht erzählen, dass die Kolonie in Wirklichkeit eine Hippiekommune war?!“
Beide lachen herzlich. Uschi steht auf und nimmt die leere Kanne:
„Also mit denen hatten wir nun wirklich nichts zu tun. Und die kamen ja auch erst später. Gerd erzählt dir, wie das abgelaufen ist. Ich mache euch noch mal Kaffee und kümmere mich dann ums Abendessen. Ihr kommt auch ohne mich klar, nicht?!“
„Natürlich, aber du bist nicht vom Haken, deine Version will ich später auch noch hören. Wer weiß was mir Gerd sonst wieder für Heldengeschichten auftischt.“
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