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Chapter 10
by
Meister U
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Spiegel und Splitter (Adelheids Perspektive)
Sie kommt. Die Wärterin mit den Kaffeeflecken auf der Bluse und den Augen, die heute Morgen kurz nicht tot aussahen. Jetzt schon wieder? Setzt sich. Atmet tief ein. Will „reden“. Als ob es hier irgendetwas zu reden gäbe, das nicht längst in Voglers Akten erstickt ist. Los, Frau Weber. Mach deinen Job. Protokolliere das Elend.
"Wie war der Unterricht, Adelheid?" Ihre Stimme. Diese sanfte, therapeutische Fassade. Als ob sie Interesse hätte. Als ob Konversation über Molière irgendetwas ändern würde an den Gittern.
Ich zucke mit den Schultern, starre aus dem Fenster auf den perfekten, toten Rasen. "Fantastisch. Madame Dubois hat mir beigebracht, wie man 'Je suis prisonnière' in fünf verschiedenen Zeitformen konjugiert. Sehr nützlich." Hau ab. Lass mich in Ruhe mit deinem scheinheiligen Interesse.
Sie lässt sich nicht abschütteln. Leichtes Vorbeugen. "Und was beschäftigt Sie gerade? Abseits des Unterrichts?" Ach, hier kommt sie. Die Standardfrage Nr. 2 der Gefängnispsychologen. „Fühlen Sie sich heute auch so ****, Fräulein? Kreuzen Sie an.“
Ich drehe mich langsam um. Lasse ein süßes, leeres Lächeln aufblitzen. Das, was Mama so liebt. "Oh, wissen Sie, die üblichen Dinge. Ob das neue Seidenpapier für die Bibliothek wirklich crème oder eher vanille ist. Eine existenzielle Krise, Frau Weber. Wirklich." Ich sehe, wie ihr Kiefer sich minimal anspannt. Treffer. Langweile sie zu Tode.
Doch dann passiert es. Ihre Augen. Sie gleiten für eine Sekunde – nur eine winzige Sekunde – über meinen Hals, hinunter zu meinen Händen, die ich im Schoß verkrampft habe. Nicht wie Vogler, der Inventar zählt. Anders. Als ob sie… sucht. Spuren. Einen Riss in der Fasson. Warum? Was hat sie gesehen?
Plötzlich kippt die Wut in Neugier. Eine gefährliche, spitzzüngige Neugier. Ich lehne mich zurück, lasse das Lächeln in etwas Spöttisches, Herausforderndes kippen. "Und Sie, Frau Weber? Was hat Sie heute so… beschäftigt? Nach unserem… aufregenden Frühstück?" Ich deute mit dem Kinn auf ihre leicht geröteten Wangen, die winzige Strähne, die sich aus ihrer ansonsten perfekten Frisur gelöst hat. "Sie sehen ein bisschen… aufgewühlt aus."
Ihr Atem stockt fast unhörbar. Ihre Finger, die auf ihren Knien ruhen, zucken. Ah. Da ist es. Die Schwachstelle. Die Maske der Therapeutin bekommt einen winzigen Sprung. Ich muss es wissen. Was verbirgt sich dahinter? Ist sie nur eine weitere Marionette meiner Eltern? Oder… ist da etwas anderes? Etwas Lebendiges, das vielleicht, vielleicht versteht?
Die Provokation schießt mir aus dem Mund, bevor ich denken kann. Scharf. Giftig. Direkt in den Sprung ihrer Fassade. "Haben Sie es sich vorhin selbst besorgt, Frau Weber? In Ihrem schönen neuen Dienstzimmer? Oder…" Ich senke die Stimme zu einem gefährlichen Flüstern, genieße den Schock, der über ihr Gesicht flackert. "...hat Papa Sie vielleicht gleich mitgenommen? Er sediert Mama ja immer dafür. Ist praktischer. Kein Gejammer." Scheiße. Das war zu viel. Das hätte ich nicht sagen dürfen. Niemand weiß das. Niemand darf das wissen. Es ist das ekligste, widerlichste Geheimnis dieses ganzen verfaulten Hauses.
Die Farbe weicht aus ihrem Gesicht. Nicht nur Scham. Abscheu. Tiefe, eiskalte Abscheu. Nicht mir gegenüber. Ihm. Dem Grafen. Ihre Hand ballt sich zu einer Faust auf ihrem Knie, die Knöchel weiß. Sie öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Kein therapeutisches Geschwätz kommt heraus. Nur ein erstickter Laut. Ekel. Wut.
Ich habe sie getroffen. Nicht nur getroffen. Ich habe eine Bombe in den stillen Teich ihres Professionalismus geworfen und sehe die schmutzigen Wellen, die sie schlägt. Es ist eklig. Es ist gefährlich. Aber es ist auch… befreiend. Jemand sieht es. Jemand weiß es jetzt. Und sie reagiert nicht mit höflichem Wegschauen, wie Vogler. Sie reagiert mit menschlichem Abscheu.
Ich stehe auf, abrupt. Die Konfrontation ist plötzlich zu groß. Zu real. Ich muss weg. Zurück hinter meine eigenen Mauern. "Entschuldigen Sie mich", murmele ich, die Stimme belegt. "Ich habe… Fasson zu wahren. Oder so." Ich gehe zur Tür, halb erwartend, dass sie mich aufhält. Mit einer Regel. Einer Mahnung.
Doch sie sagt nichts. Sie sitzt nur da. Starr. Weiß im Gesicht. Ihre Augen, die eben noch lebendig waren, starren auf einen Punkt im Teppich, als sähen sie die widerwärtige Wahrheit, die ich ausgespuckt habe, direkt vor sich. Die Wahrheit über Papa. Über Mama. Über dieses ganze kranke System.
Meine Hand zittert auf dem Türknauf. Ich drehe mich nicht um. Ich kann nicht. Die Scham brennt in mir. Nicht für meine Provokation. Für das, was ich preisgegeben habe. Für das, was sie jetzt weiß. Über uns.
"Adelheid." Ihre Stimme kommt hinter mir. Nicht laut. Nicht sanft. Rauchig. Zerrissen. "Diese… Charmeschule." Sie spuckt das Wort fast aus. "Wann beginnt sie?"
Ich erstarrte. Charmeschule. Der zynische Name für das, was Papa von ihr will. Dass sie mich zur perfekten Heiratsware trimmt. Mir würde er nie sagen warum er das macht, aber ich bin ja nicht blöd. Egal. Nach dem, was ich gerade gesagt habe… warum fragt sie das? Ist es Hohn? Kapitulation? Oder… etwas anderes?
Ich riskiere einen Blick über die Schulter. Sie sieht mich an. Nicht mehr durch mich hindurch. Direkt. In ihren Augen ist kein Abscheu mehr. Keine Wut. Nur eine erschöpfte, eisige Klarheit. Und eine Frage. Eine ungeheure Frage.
Wessen Seite bist du wirklich auf, Frau Weber?
Ich presse die Lippen zusammen. Sage nichts. Öffne die Tür und trete hinaus in den kalten Flur. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Aber das Bild ihrer Augen – voller Wissen und dieser entsetzlichen, klaren Frage – bleibt. Es brennt. Heißer als jede Scham. Der erste echte Funke in diesem eisigen Grab.
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Emilias neue Aufgabe
Eine etwas andere Betreuung
Ich sollte Lust heilen – doch meine eigene Sehnsucht erstickte in leeren Nächten. Ein mysteriöser Auftrag lockt mich hinter die Mauern eines verbotenen Schlosses... Denn hinter vergoldeten Gittern beginnt ein Spiel... wer wird hier zuerst die Kontrolle verlieren?
Updated on Jan 11, 2026
by Meister U
Created on Jun 18, 2025
by Meister U
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