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Chapter 9
by
Meister U
Was wird Emilia tun?
Das Echo der eigenen Haut
Das Zimmer, das Gerda mir mit eisiger Höflichkeit zugewiesen hatte, lag im Ostflügel – weit entfernt von Adelheids Gemächern, aber unter demselben bleiernen Himmel des Kurparkschlösschens. Es war groß, hoch gewölbt, mit schweren, dunklen Möbeln und einem Himmelbett, das wie ein Mahnmal an vergangene Zeiten wirkte. Ein „Dienstzimmer“, aber es roch nach Fremde und Einsamkeit. Gerda hatte die Tür hinter mir geschlossen. Das leise, aber definitive Klicken des Schlosses klang wie das Fallen einer Guillotine. Eingesperrt. Genau wie sie.
Adelheid hatte jetzt Unterricht. Französische Konversation mit einer strengen Dame aus Lausanne, wie Gerda mit spitzer Zunge bemerkt hatte. „Zur Vorbereitung auf internationale Verpflichtungen.“ Verpflichtungen. Das Wort hing in der Luft, nachdem der Graf seine dynastischen Pläne enthüllt hatte. Drei Prinzen. Hauptsache Sex und dann Ehe. Die Absurdität, die Perversion dieses Auftrags würgte mich. Ich sollte eine junge Frau, die gerade erst ihre Freiheit erlangt hatte, in eine neue, berechnete Gefangenschaft führen. Ich sollte sie zur Hure der Familienehre machen.
Die Stille des Raumes drang in mich ein. Nicht friedlich. Laut. Erfüllt vom dumpfen Pochen meines eigenen Herzens und einem anderen Geräusch, das ich erst jetzt bewusst wahrnahm: das leise, rhythmische Klopfen der Zentralheizung in der Wand. Ein mechanischer Herzschlag in diesem steinernen Körper des Schlosses. Tock. Tock. Tock.
Plötzlich fühlte ich mich unendlich schmutzig. Der graue Anzug, die Maske der professionellen Distanz, die ich auch vor dem Spiegel des Blauen Salons aufrechterhalten hatte – sie klebten an mir wie eine zweite Haut aus Schweiß und Lügen. Ich musste sie loswerden. Jetzt. Mit ruckartigen Bewegungen streifte ich den Blazer ab, knöpfte die Bluse auf, ließ den Hosenanzug zu Boden fallen. Die kühle Luft des Raumes traf meine nackte Haut. Ich zitterte. Nicht vor Kälte.
Vor dem riesigen, antiken Spiegel mit dem geschnitzten, vergoldeten Rahmen blieb ich stehen. Ich sah mich an. Wirklich sah ich mich an. Emilia Weber, 33. Sexualtherapeutin. Die Expertin für Lust, die ihre eigene verloren hatte. Die Frau, deren letzte wirkliche Berührung so lange her war, dass sie sich anfühlte wie ein Bericht aus einem anderen Leben. Der Körper im Spiegel war nicht hässlich. Schlank, mit den sanften Rundungen der frühen Dreißiger, den Spuren eines Lebens, das mehr denken als fühlen gelernt hatte. Die Brüste, die Hüften, die Kurve des Bauches unter dem flachen Nabel – es waren nur Teile. Funktionale Einheiten. Abstrakt.
Doch dann, unter dem gnadenlosen Blick des Spiegels und der dröhnenden Stille, spürte ich es. Nicht Abstraktion. Sehnsucht. Eine tiefe, körperliche Leere, die plötzlich so schmerzhaft war, dass mir die Luft wegblieb. Es war nicht nur das Verlangen nach einem Orgasmus. Es war das Verlangen nach Verbindung. Nach Hitze. Nach dem Verschwimmen der Grenzen zwischen zwei Körpern. Nach dem Gefühl, lebendig zu sein, nicht nur zu funktionieren. Richtiger Sex. Adelheids Frage brannte sich erneut in mein Bewusstsein.
Meine Hände zitterten, als ich sie hob. Nicht wie die Therapeutin, die Übungen empfahl. Wie die Frau, die sie selbst so dringend brauchte. Ich legte die flachen Handflächen auf meine Oberarme, glitt langsam nach unten. Die Berührung war fremd. Fast schmerzhaft intensiv nach Jahren der Vernachlässigung. Meine Haut war kühl. Ich rieb sie leicht, spürte, wie sich eine zarte Wärme darunter ausbreitete.
Meine Finger fanden die Kurven meiner Brüste. Nicht forschend. Zögernd. Suchend. Die Brustwarzen waren klein, hart unter der Berührung. Ein leises Ziehen, tief im Unterleib, antwortete. Ein Echo. Ich schloss die Augen, presste sie fest zu. Nicht sehen. Nur fühlen. Die Finger glitten weiter, über den flachen Bauch, wo die Muskeln sich unter der Haut spannten. Tiefer. Zum Ansatz der Oberschenkel. Zur warmen Falte, wo Bein und Körpermitte sich trafen.
Hier stockte ich. Die Luft blieb mir weg. Der Widerstand war nicht körperlich. Er war in meinem Kopf. Die Stimmen: Das ist unprofessionell. Peinlich. Du bist hier, um zu arbeiten. Nicht, um... Doch der körperliche Hunger war stärker. Ein dumpfes, forderndes Pochen, das alle Vernunft übertönte. Ich war keine Therapeutin hier. Ich war eine Gefangene. Eine Frau. **** nach einem Funken dessen, was sie anderen predigte.
Meine Fingerspitzen drangen vorsichtig ein, fanden das vertraute, doch so fremde Gewebe, das feucht war. Nicht vor Erregung. Vor Scham? Vor Angst? Vor der schieren Überwältigung, sich selbst endlich wieder zu spüren? Ich bewegte mich. Sanft. Kreisförmig. Suchend nach einem Punkt, einem Gefühl, das nicht nur Reflex, sondern Antwort war. Es war holprig. Unbeholfen. Wie die ersten Schritte nach einer langen Lähmung.
Ein leises Stöhnen entwich meinen Lippen. Es klang fremd in der Stille. Scham mischte sich mit einer Welle purer, körperlicher Erleichterung. Endlich. Endlich Berührung. Die Bilder flackerten auf: nicht von einem der Prinzen, nicht von einem vergessenen Liebhaber. Von Adelheid. Nackt. Herausfordernd. ****. Ihr Körper im Spiegel meiner Erinnerung. Ihre Frage: "Und Sie?"
Meine Bewegung wurde fester. Bestimmter. Der Druck wuchs. Das Pochen intensivierte sich, wurde zu einem rhythmischen Ziehen, das mich tiefer in mich selbst hineinzog. Die Gedanken an den Grafen, an Vogler, an die lächerlichen Dossiers der Prinzen – sie lösten sich auf, verbrannt von der plötzlichen Hitze, die in meinem Becken aufflammte. Es war nicht schön. Es war roh. Notwendig. Ein Aufstand des Fleisches gegen die Erstarrung. Die Finger arbeiteten, fanden einen Rhythmus, der nicht perfekt, aber wahr war. Ich stützte mich mit der anderen Hand gegen die kühle Spiegeloberfläche, mein Atem ging stoßweise, beschlug das Glas vor meinem Gesicht. Ich sah mein verschwommenes Spiegelbild – die geschlossenen Augen, den geöffneten Mund, die Stirn, die sich in angespannter Konzentration faltete. Das bin ich. Das ist mein Verlangen. Das ist mein Körper. Meins.
Die Spannung wuchs, schoss durch mich hindurch wie ein elektrischer Strom. Nicht der große, vereinende Orgasmus, wie ich ihn in Therapiesitzungen beschrieb. Sondern ein heftiges, fast schmerzhaftes Loslassen. Ein kurzer, heiserer Schrei, erstickt von meiner eigenen Faust, die ich mir gegen den Mund presste. Ein Zucken. Dann Stille. Nur mein keuchender Atem und das Tock. Tock. Tock. der Heizung.
Ich öffnete die Augen. Das Spiegelbild war klar geworden. Die Frau, die mich ansah, war rot im Gesicht, die Haare strähnig an den Schläfen. Ihre Augen waren weit, nicht glücklich, aber... gegenwärtig. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich nicht nur als Beobachterin des Elends anderer. Ich fühlte mich da. In meinem Körper. Mit seiner Sehnsucht, seiner Wut, seiner verzweifelten Suche nach Verbindung.
Ich ließ die Hand sinken. Feuchtigkeit glänzte an meinen Fingern. Ich spürte den Nachhall des Orgasmus, ein tiefes, leeres Zittern. Nicht Erfüllung. Aber Erkenntnis. Ich bin nicht anders als Adelheid. Auch ich bin gefangen. Auch ich verhungere. Auch ich will mehr als das, was mir zugeteilt wurde.
Mein Blick fiel auf das schmale Dossier, das Gerda zusammen mit dem Zimmerschlüssel abgelegt hatte. Baron von der Leyen. Graf Hohenfels-Stolberg. Prinz Ludwig. Die lächerlichen Prinzen. Die dynastische Pflicht.
Ein kühles, klares Gefühl breitete sich in mir aus, das die Nachwehen des körperlichen Sturms ablöste. Entschlossenheit.
Ich hob den grauen Anzug vom Boden auf. Als Rüstung. Ich wischte die Träne weg, die mir, ohne dass ich es bemerkt hatte, über die Wange lief.
Ich bin keine Wärterin. Der Gedanke formte sich, hart und scharf. Ich bin keine Dompteuse.
Ich zog mich an. Als ich die Tür aufschloss und in den kalten Flur trat, wusste ich, was zu tun war. Für Adelheid. Und vielleicht, ganz tief drin, auch für mich.
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Emilias neue Aufgabe
Eine etwas andere Betreuung
Ich sollte Lust heilen – doch meine eigene Sehnsucht erstickte in leeren Nächten. Ein mysteriöser Auftrag lockt mich hinter die Mauern eines verbotenen Schlosses... Denn hinter vergoldeten Gittern beginnt ein Spiel... wer wird hier zuerst die Kontrolle verlieren?
Updated on Jan 11, 2026
by Meister U
Created on Jun 18, 2025
by Meister U
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