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Chapter 7 by Meister U Meister U

Was dann?

Frühstück im Museum des Schweigens

Gerdas Blick – kalt wie polierter Granit – glitt von Adelheid, eingewickelt in meinen viel zu großen Blazer, zu mir. Ihre Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie, die nicht als Lächeln durchgehen konnte. "Das Fräulein wird in zwanzig Minuten im Blauen Salon zum Frühstück erwartet", schnarrte sie, das Tablett mit Teekanne und einem einzigen, perfekt arrangierten Gedeck wie eine Waffe vor sich haltend. Ihre Augen bohrten sich in mich. "Die Herrschaften sind bereits anwesend. Angemessene Kleidung ist obligatorisch." Die Betonung auf "angemessen" war ein Dolchstoß, direkt auf Adelheids provokative Nacktheit von vorhin zielend. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand, ihre Schritte auf dem dicken Teppich unhörbar.

Adelheid zuckte den Blazer ab, als würde er plötzlich brennen. "Angemessen", zischte sie, während sie mit ruckartigen Bewegungen ihr Leinenkleid überzog. "Code für: Verhalte dich wie das wandelnde Museumsexponat, das du bist." Ihre Hände zitterten leicht beim Zuknöpfen. Die trotzige Prinzessin war noch da, aber angekratzt. ****. Der Moment der nackten Konfrontation hing noch schwer in der Luft zwischen uns.

Ich sagte nichts. Sammelte nur meinen Blazer auf, spürte die Nachwärme ihres Körpers auf dem Stoff. Was habe ich getan? Die Grenze überschritten, die Vogler so klar gezogen hatte. Ich war nicht hier, um Verbündete zu sein. Ich war hier, um zu kontrollieren. Doch in Adelheids grünen Augen, als sie mich ansah, bevor sie zur Tür stürmte, lag etwas anderes: eine verzweifelte, unausgesprochene Frage nach Bestätigung. Habe ich dich richtig verstanden?

Der Weg zum Blauen Salon führte durch Galerien, die von der Pracht und der tödlichen Langeweile vergangener Jahrhunderte strotzten. Porträts strenger Herren in Rüstungen, blasser Damen in Reifröcken, die nie gelacht zu haben schienen. Die Luft roch nach Wachs, Staub und etwas Verdorbenem, süßlich – wie verwelkte Blumen in einer Gruft.

Der Blaue Salon war kein Raum, er war ein Statement. Ein Bombast aus blauem Brokat, vergoldeten Stuckdecken, die von puttenhaften Engeln bevölkert wurden, und schweren Kristalllüstern. In der Mitte stand ein langer, polierter Tisch, groß genug für zwanzig Gäste, gedeckt für vier. An dessen Kopfenden saßen Graf und Gräfin von Stetten.

Er, der Graf: Mitte sechzig, schmal, mit einem Gesicht wie aus altem Elfenbein geschnitzt. Sein dunkler Anzug saß perfekt, eine Stecknadel mit einem winzigen Wappen funkelte am Revers. Er blickte über eine Zeitung hinweg auf, als wir eintraten. Seine Augen – ein blasses, wässriges Grau – registrierten Adelheid mit der Gleichgültigkeit, mit der man ein notwendiges Möbelstück zur Kenntnis nimmt. Mich musterte er einen Sekundenbruchteil länger, kühl, abschätzig, dann wandte er sich wieder seiner Lektüre zu. Kein Gruß.

Sie, die Gräfin: Vielleicht einmal schön, jetzt eine Meisterleistung konservierter Eleganz. Ihr honigblondes Haar war makellos zu einem strengen Knoten arrangiert, ihr Kleid aus taubenblauer Seide fiel glatt und ohne eine überflüssige Falte. Ihr Gesicht war eine Maske aus sanfter Trauer und unerschütterlicher Pflicht, die Augen – größer, blasser als Adelheids, aber ohne deren Feuer – ruhten auf ihrer Tochter mit einem Ausdruck, der mich frösteln ließ. Es war nicht Liebe. Es war Besitzangst. Tiefe, nagende Angst, dass dieses kostbare Stück Familienerbe Schaden nehmen könnte. Ein leises, trauriges Lächeln, das nie die Lippen erreichte, galt Adelheid. "Adelheid, mein Kind. Du siehst... angekommen." Die Stimme war ein Hauch, leise und müde.

Adelheid setzte sich stumm auf ihren Platz, der ihr wie ein Thron für eine Gefangene vorkam, direkt neben ihrer Mutter, gegenüber von mir. Ihr Rücken war kerzengerade, die Hände gefaltet im Schoß. Die Rebellion war weggeglitten, ersetzt durch eine starre, einstudierte Würde. Nur ihre Augen, die kurz zu mir huschten, verrieten die innere Anspannung.

"Frau Weber." Die Gräfin richtete ihren Blick nun auf mich. Ein Schauder lief mir den Rücken hinunter. Ihre Augen waren wie zwei flache Tümpel, in denen nichts lebte außer einer stillen Panik. "Wir vertrauen darauf, dass Sie Adelheid in dieser... schwierigen Übergangszeit den notwendigen Halt geben werden. Diskretion, verstehen Sie, ist von äußerster Wichtigkeit. Der Ruf der ****..." Sie ließ den Satz in der schweren Luft hängen, als sei der Ruf ein zerbrechliches Spinnennetz, das jeder falsche Atemzug zerstören könnte.

Der Graf räusperte sich, ohne die Zeitung wegzulegen. "Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind klar, Frau Weber. Dr. Vogler wird Ihnen die Details zukommen lassen. Wir erwarten Compliance." Seine Stimme klang, als diktiere er ein Memo. Keine Emotion. Nur Erwartung.

Dann trat Schweigen ein. Ein Diener in livrierter Uniform, so leise wie ein Geist, servierte Tee, winzige Sandwiches ohne Kruste, ein perfekt geformtes Croissant. Das Klirren der Tasse auf der Untertasse war ohrenbetäubend. Ich beobachtete sie. Die Eltern. Diese Zweckehe in Reinkultur.

Sie saßen wie zwei prächtige Choraltäre in einer leeren Kathedrale, nebeneinander, aber durch Lichtjahre getrennt. Kein Blickwechsel. Keine zufällige Berührung. Kein gemeinsames Thema außer der Aufrechterhaltung der Fassade und der Kontrolle über das Produkt ihrer Verbindung: Adelheid. Die Liebe? Sie war nie hier gewesen. Das spürte man in jedem Zentimeter des erstickenden Raumes, in jedem Stück des überladenen Silbers, in jeder Falte des makellosen Brokats. Was sie zusammenhielt, war kein Gefühl, sondern Pflicht, Tradition, Angst vor dem gesellschaftlichen Absturz und das gemeinsame Projekt, ihre Tochter in eine weitere, makellos kontrollierte Reproduktion ihrer selbst zu verwandeln. Es war eine Partnerschaft der gegenseitigen Vernichtung, eingefroren in erstarrter Höflichkeit.

Adelheid stocherte in ihrem Essen. Ihre Mutter beobachtete jede minimale Bewegung mit dieser ängstlichen Intensität. Der Graf blätterte eine Seite um. Das Schweigen wurde zur dritten Person am Tisch, massiv und erdrückend.

In mir kochte es. Die Frustration meiner Praxis – das Elend der anderen – war hier konzentriert, in diesem einen Raum, in diesem einen perfekt inszenierten Albtraum. Adelheids provokative Frage hallte in mir nach: "Und Sie? Haben SIE jemals richtigen Sex gehabt?" Und während ich auf diese toten Augen der Gräfin blickte, auf die kühle Gleichgültigkeit des Grafen, auf Adelheid, die wie eine kostbare Blume in einer giftigen Vase erstickte, wurde mir schmerzhaft klar: Hier war nie richtiges Leben. Hier gab es nur die leere Hülse davon. Eine Performance. Genau wie mein eigenes Leben eine geworden war.

Adelheids Fuß berührte meinen unter dem Tisch. Sanft. Fast unmerklich. Ein winziger Punkt menschlicher Wärme in dieser Eiswüste. Ich zuckte nicht zurück. Ich hielt still. Ein stilles Signal: Ich bin da. Ich sehe es.

Die Gräfin bemerkte es. Ihre Augen, diese flachen Tümpel, wurden für einen Sekundenbruchteil hart. Alarmiert. Dann glättete sich ihre Miene wieder zur Maske der sanften Trauer. "Adelheid, Liebes", flüsterte sie. "Iss dein Croissant. Du brauchst Kraft für den Tag."

Adelheid nahm einen winzigen Bissen. Ihre Augen trafen die meinen. Keine Trotz. Keine Verzweiflung. Nur eine erschreckende Klarheit. Sie wusste. Sie wusste genau, in welchem Gefängnis sie lebte. Und in diesem Blick lag auch eine Frage an mich: Und du? Welche Wahl wirst du treffen? Wärterin oder... was sonst?

Der Diener füllte wortlos den Tee nach. Das Schweigen schloss sich wieder über uns, schwerer als je zuvor. Die Choraltäre thronten. Und ich saß zwischen ihnen, die Sexualtherapeutin ohne eigenes Leben, die unfreiwillige Aufseherin, und spürte, wie die Mauern dieses goldenen Käfigs auch um mich herum höher wuchsen.

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