Schafft er es noch rechtzeitig?

Ja und nein

Chapter 275 by Hentaitales Hentaitales

Eine halbe Stunde später startete Ikarus mit einem der Ultraleichtflugzeuge, das er mit Roadies Hilfe in Rekordzeit hatte zusammenbauen können. Der große Kerl war anscheinend mehr als ein reiner Schläger, dachte er sich, er hatte auch passable Ideen, und dann noch technisches Verständnis - schade, dass er ihn nicht zuerst gefunden hatte. Selbst wenn er kein reiner Zarathustra war, er wäre ihm sicherlich nützlich gewesen.

Bei Nacht war es über der See in diesen Breitengraden nahezu windstill, was es Ikarus ermöglichte, schnell den richtigen Kurs einzuschlagen. Er hatte es zwar nicht weit, nur etwa vierzig Kilometer, aber das bedeutete mit seinem Fortbewegungsmittel trotzdem fast eine Stunde Flug und nahezu drei Viertel seiner Kraftstoffreserven. Er konnte sich zwar hinterher von den anderen mit dem Schiff abholen lassen, trotzdem war er froh, dass ihm nichts dazwischen kam. Schon ein etwas steiferer Gegenwind hätte seine sichere Ankunft möglicherweise gefährdet. Aber trotzdem hätte er diese Aufgabe nie jemand anderem überlassen. Er war der Anführer, er trug die Verantwortung für jedes seiner Teammitglieder. Selbst für jemanden wie Abyss.

Das Navigationssystem am Ultraleichtflugzeug half ihm, auf Kurs zu bleiben, trotzdem hätte er in der Finsternis die kleine Erhebung in den Wellen kaum gesehen. Nicht einmal hundert Meter hoch war der Vulkankegel, der sich aus dem Meer erhob und wohin Dao schon vor der Ankunft des restlichen Teams hingesegelt war. Vor ihrer Verschleppung nach Deutschland war sie in einer Familie von Fischern aufgewachsen und hatte keine Schwierigkeiten damit, ein kleines Boot von Jakarta aus sicher bis hierher zu steuern. Das hatte der ganzen Mission noch eine zusätzliche Ebene der Geheimhaltung gegeben, da sie mit ihrem Aussehen vor Ort nicht auffiel - und eine Einzelperson war auch ohne auffällige Finanztransfers leicht nach Indonesien zu bringen gewesen.

Die Landung war für Ikarus nicht ganz einfach, da es keinen geraden Sandstrand gab und er quasi auf der schiefen Ebene der Vulkanerhöhung landen musste. Er bekam es irgendwie hin, allerdings nicht, ohne dabei mit einer Seite der Flügel an den Steinen entlangzuschrammen. Der Schaden wirkte auf den ersten Blick nicht groß, aber wie sicher das Flugzeug noch war, konnte er nicht sagen. Nun gut - er würde ja ohnehin von den anderen abgeholt werden. Sorgfältig löste er die Gurte, dann zog er die Taschenlampe aus seiner Weste und schaltete sie ein. Von Abyss war nichts zu sehen, aber er wusste ja, wo er sie zu suchen hatte. Dafür fand er schnell das kleine Segelboot, mit dem sie gekommen war, und darin auch das Satellitenfunkgerät. Wie vereinbart hatte sie es abgeschaltet - er aktivierte es wieder und gab ein kurzes Signal auf der vereinbarten Frequenz durch. Die anderen würden es hören und wissen, dass er gut angekommen war.

Als nächstes machte er sich an den Aufstieg. Es war kein besonders weiter oder steiler Weg, trotzdem ging er langsam und vorsichtig, um nicht noch zu stürzen - das poröse Gestein konnte tückisch sein. Nach ein paar Minuten hatte er es aber geschafft und den Rand des Kraters erreicht. Der Vulkan hier war seit Menschengedenken erloschen, dementsprechend musste er sich keine Sorgen machen. Zumindest, solange hier niemand etwas unternahm...

Mit seiner Taschenlampe leuchtete er nach unten, und nach wenigen Sekunden fiel der Lichtkegel auf die Person, die er gesucht hatte: Dao. Sie sah überrascht nach oben. "Wer ist-"

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"Ich bin's, Ikarus", rief er. "Alles okay da unten?"

"Ikarus!" Daos Verblüffung war nicht zu übersehen. "Was machst du hier?"

Lächelnd sah er zu ihr herunter. "Dich holen. Wir brechen die Mission ab."

Daos Überraschung wandelte sich zu Erschrecken. "Was? Ist was passiert? Geht es den anderen gut?"

"Die sind in Ordnung und auf dem Weg hierher. Wir hatten... unerwarteten Widerstand. Ich erzähl's dir gleich. Komm erst mal rauf!"

"Aber-" In Daos Gesicht mischte sich ihr Überraschung mit etwas... anderem. "Aber ich dachte, ich werde hier gebraucht!"

Ikarus zuckt mit den Schultern. "Heute jedenfalls nicht mehr."

Sie sah weiter zu ihm auf, und in ihre Augen trat etwas wie Misstrauen. "Und Shangri-La? Das Transfinium?"

"Wenn wir das noch wollen, müssen wir's anders angehen." Ikarus winkte sie zu sich. "Jetzt komm. Hier oben steht es sich nicht gut."

"Nein", gab Dao zurück. "Erst erklärst du mir, was los ist."

Ikarus seufzte. "Okay. Ich komme runter zu dir-"

"Nein!" Daos Stimme hatte plötzlich an Schärfe gewonnen. "Du bleibst genau da, wo du bist!"

"Hey!" Jetzt wurde Ikarus langsam wütend. "Wie redest du denn mit mir?"

Dao starrte ihn an. "Wie man mit jemandem redet, bei dem man nicht weiß, was man von ihm halten soll."

Das irritierte Ikarus jetzt doch ziemlich. "Was soll denn das heißen? Du weißt genau, woran du bei mir bist!"

"Du hast versprochen, dass es bald vorbei ist", gab Dao zurück. "Diese Mission hier. Dann habe ich meinen Frieden, und die Gewissheit, dass ich etwas Gutes in der Welt bewirkt habe!"

"An dem Versprechen hat sich auch nichts geändert." Ikarus versuchte, seine Stimme ruhiger klingen zu lassen, als er sich fühlte. "Es wird nur ein bisschen länger dauern."

Aber Dao schüttelte den Kopf. "Ich will aber nicht mehr länger! Seit ich bei euch bin, weißt du, wie's in mir aussieht! Du weißt, dass ich einfach nur will, dass das alles aufhört! Die Träume... die Stimmen... Wann immer ich schlafen will, sehe ich Connors Gesicht vor mir! Ich hab einen von uns auf dem Gewissen, weil ich meine Kräfte nicht unter Kontrolle bekomme..." Tränen traten ihr in die Augen. "Und du hast gesagt, es hört auf! Nur noch das hier! Nur noch das eine hier! Ich muss auch nicht mehr mit anhören, wie Menschen sterben! Du bist ein verdammter Lügner!"

Ikarus schluckte. "Abyss- Dao! Komm zu dir! Wir finden eine andere Gelegenheit, damit du-"

"NEIN!" In ihrem Schrei lag die ganze Verzweiflung ihrer Existenz. Sie hatte sich ihm damals offenbart, ihm ihre Seele bloßgelegt, welche Alpträume sie wegen der Torturen hatte, die man sie hatte durchmachen lassen, und ihre Schuldgefühle wegen diesem Connor, und er hatte ihr gesagt, dass er sie verstand, ihren Wunsch verstand, dieses Leiden nicht länger ertragen zu müssen. Er hatte ihr versprochen, ihrem Ende einen Sinn zu verleihen. Nur darum war sie hierher gekommen. Und jetzt... Kurzentschlossen hockte sie sich auf den Boden und hob den Wickelrock, den sie noch anhatte, um ihre Hand zwischen ihren Schenkeln verschwinden zu lassen.

"Warte - das kannst du nicht tun!" Ikarus war zu Tode erschrocken. "Wenn du jetzt das Erdbeben auslöst... Du würdest nicht nur dich und mich erwischen! Die anderen sind auf dem Weg hierher! Die Flutwelle- Du könntest alle umbringen!" Er ging in die Knie und bereitete sich darauf vor, zu ihr hinunter in den Krater zu rutschen.

Aber Dao hielt ihre freie Hand abwehrend in seine Richtung. "Bleib, wo du bist!" schrie sie. "Bleib, wo du bist, oder du bist der erste, der ins Nichts verschwindet!"

"Was hast du vor?" rief ihr Ikarus mit unterdrückter Panik zu. "Bitte, du kannst den Vulkan nicht-"

"Ich kann", schrie Dao mit sich überschlagender Stimme zurück. "Oh ja, ich kann! Aber ich bin besser als du! Ich mache keine falschen Versprechungen! Ich weiß, was ich bin..." Ihre Stimme versagte in einem Schluchzen. "Ich bin ein Monster. Und Monster haben auf der Welt nichts verloren!"

Ikarus nahm allen Mut zusammen. "Du bist kein Monster!" rief er ihr zu. "Du bist eine meiner Mitstreiterinnen, und ich gebe dich nicht auf!" Und mit diesen Worten stieß er sich von der Kante ab und rutschte auf dem Hosenboden in Richtung Krater hinab.

Dao starrte ihn an, als er näherkam, die eine Hand zwischen den Beinen, die andere abwehrend in seine Richtung erhoben. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, aber in diesem Gesicht stand wilde Entschlossenheit, ein Feuer, wie Ikarus es selten gesehen hatte. Stolpernd kam er unten im Krater an, begann zu laufen, lief auf sie zu. Es war nicht weit, nur wenige Meter, und so wie sie ihre Hand ausgestreckt hatte, streckte auch er seine aus, um sie zu greifen und sie hochzureißen, sie von ihrem Plan abzubringen-

"Hn!" gab Dao leise von sich, und ein Schauer lief durch ihren Körper, während sich ihre Augen weiteten.

Dann, mit einem lauten FUMP, verschwand sie vor seinen Augen, als er noch vielleicht zwei Meter von ihr entfernt war.

Stolpernd hielt Ikarus an, schaffte es gerade noch, sich in seinem Lauf zu fangen, ehe er stürzte. Dann richtete er sich auf. Er atmete einmal tief durch, sah sich aber nicht um. Hinter ihm gab es nichts mehr zu sehen, das wusste er.

"Scheiße", sagte er leise.

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Geht wenigstens bei den anderen alles glatt?

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