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Chapter 46

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Selbstbewusstsein

Als Heike die Augen aufschlug, war die Nacht dunkel und still. Sie vermutete, dass sie geschlafen hatte und fragte sich, wie viel Zeit wohl vergangen war. Sie lag auf der Couch, eine Decke über sie gebreitet. Hamza musste sie dorthin getragen haben. Er saß am Schreibtisch und arbeitete an seinem Tablet. Dadurch, dass sie sich aufsetzte, wurde er darauf aufmerksam, dass sie wach war, und sah herüber. Sie lächelte ihm zu. Doch seine Miene blieb ernst und unleserlich.

Nanu, dachte sie, nach dem, was sie getan hatten, hätte sie, wenn schon keine Hochstimmung, ein wenig Freundlichkeit von ihm erwartet. Nun, ja, dann eben nicht.

Sie stand auf und sah sich suchend um, wo ihr Kleid abgeblieben war. Er erhob sich gleichzeitig, trat an die holzvertäfelte Wand und berührte erneut eine Stelle, die sich in nichts von der umgebenden Fläche unterschied. Beim letzten Mal hatte sich so die Bar geöffnet. Nun schwang eine Tür auf und offenbarte den Zugang zu einem Badezimmer. Heike konnte edle blaue Fliesen und glänzendes Messing sehen. Oder war es Gold?

„Du kannst hier duschen und dich herrichten. Handtücher und alles, was du brauchen wirst, liegen bereit.“

Sie blickte an sich herab. Ja, so wie sie aussah und roch, konnte sie eine Dusche wirklich gut gebrauchen. Sie eilte an ihm vorbei ins Bad. Als sie neben ihm stand, bedankte sie sich und gab ihm einen Kuss auf die Lippen. Er wich nicht zurück, erwiderte die Geste aber auch nicht. Die junge Frau fragte sich, ob sie etwas falsch gemacht hatte. Sein Verhalten war ihrer Ansicht nach nicht normal.

Um die Stimmung aufzulockern, kicherte sie und sagte leichthin: „Zu dumm, dass ich das Feuerwerk nicht mitbekommen habe. Das draußen VOR dem Turm, meine ich.“

Er zog fragend eine Braue hoch.

„Mein Mann Klaus geht ja davon aus, dass ich das Feuerwerk von hier aus beobachtet habe. Wenn er fragt, wie es mit gefallen hat, werde ich mir etwas ausdenken müssen.“

Hamza nickte bedächtig.

„Ja, das ist riskant und könnte zu einer unangenehmen Situation führen. Ich lasse die Aufnahmen bereitstellen, damit du sie anschauen kannst.“

„Okay.“

Inzwischen war sie auch ernüchtert, machte aber kein Drama daraus. Schließlich waren sie zwei erwachsene Menschen und mussten sich nicht wie hormongesteuerte Teenager aufführen, nur weil sie einmal Sex miteinander gehabt hatten. Dennoch konnte sie nicht ableugnen, dass sie enttäuscht war.

Sie huschte ins Badezimmer und schloss die Tür hinter sich. Wenig überraschend war es mindestens dreimal so groß, wie das in ihrem Apartment. Und unvergleichlich luxuriöser.

Sie duschte heiß und ausgiebig. Danach föhnte und frisierte sie sich und richtete ihr Make-up wieder her. Der Scheich hatte nicht zu viel versprochen, es fand sich tatsächlich alles, was sie dafür benötigte und mehr. Die Frage war nur, aus welchem Grund all die Kosmetikartikel bereitstanden. Heike war nicht so vermessen zu glauben, dass sie die erste oder einzige Frau war, die der Big Boss in seinem Büro gebumst hatte. Doch aus ihrem Blickwinkel heraus wirkte es inzwischen so, als sei die Umgebung geradezu dafür geplant worden und sie einfach nur eine weitere Trophäe für ihn.

Als sie fertig und wieder herzeigbar war, beschloss sie, ihrem Gastgeber zu zeigen, dass man sie nicht wie ein benutztes Spielzeug einfach weglegen konnte. Selbstbewusst richtete sie sich hoch auf, legte eine Hand an die Taille, trat mit einem eleganten Hüftschwung ins Büro und nahm eine provokante Pose ein. Ihre Augen schweiften durch den Raum, um Hamza zu finden.

Und sie gefror zu Eis.

Der Scheich stand mit einem Glas in der Hand an der Bar. Das Gespräch, das er mit zwei anderen Männern geführt hatte, endete abrupt. Drei dunkle Augenpaare musterten interessiert die nackte Blondine, die plötzlich aufgetaucht war.

Mit einem erstickten Quieken floh Heike und schlug die Tür hinter sich zu.

Eine Minute später klopfte es.

„Ich habe deine Kleider.“

Erleichtert erkannte sie Hamzas Stimme und nahm ihre Sachen durch einen schmalen Türspalt entgegen. Bevor sie sich das zweite Mal blicken ließ, kontrollierte sie mehrfach ihr Aussehen in den großen Spiegeln. Puh, war das peinlich. Ihre Selbstsicherheit war verflogen.

Der Gastgeber empfing sie wie ein Gentleman ohne die geringste Anspielung auf das Geschehene. Mit perfekten Manieren machte er sie mit den zwei Besuchern bekannt.

Der jüngere der beiden war vielleicht Anfang zwanzig. Sein ziemlich hellhäutiges Gesicht war von hohen Wangenknochen geprägt und von einem kurz gestutzten Bart umrahmt. Er trug einen weißen Qamis, das traditionelle knöchellange Gewand ohne Kragen und Manschette, und auf dem Kopf die weiße Ghutra. Dem höheren Rang entsprechend stellte Sheikh Hamza ihn zuerst vor.

„Seine Hoheit Prinz Amir. Er zeigt großes Interesse an dem Projekt und ehrt uns regelmäßig mit seinem Besuch. Und dies ist der ehrenwerte Abdul, Repräsentant in unserem Berliner Büro.“

Der Ältere wirkte in seinem grauen, europäischen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte neben den anderen zwei Herren unscheinbar. Seinem schütteren Haar und den grauen Strähnen in seinem Vollbart nach zu urteilen hatte er die Fünfzig bereits überschritten. Sein zugeknöpftes Jackett spannte über dem ausgeprägten Bauchansatz. Er reichte Heike die Hand zu Gruß.

„Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Heike.“

Prinz Amir blieb stumm und hütete sich, die Fremde anzufassen, so wie es seine Kultur und Erziehung gebot. Seine blitzenden kohlschwarzen Augen aber zogen die blonde Frau geradezu aus, so dass sie sich unter seinem Blick noch nackter vorkam, als zuvor, wo sie gar nichts angehabt hatte.

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