Wie geht's weiter?

Ein Söldnerlager

Chapter 22 by tease94

Der Weg den Tyborn einschlug führte sie immer weiter in einen ausgedehnten, schroffen Felsenhaufen, der sich labyrinthartig in vielen unüberschaubaren Ausläufern hinzog. Wenigstens nahm der Söldner nun Rücksicht auf Isidia und wählte seine Route mit mehr Bedacht. Immer wieder blieb er stehen, um Isidia beim Überqueren steiniger Passagen zu helfen. Sie wechselten keine Worte mehr, doch Isidia dankte ihm mit einem gepressten Lächeln. Schließlich nahm Tyborn einen Anstieg in Angriff gleich einem Gamspfad. Isidia keuchte, sie war solche Anstrengungen nicht gewohnt und die Erlebnisse der letzten Tage forderten einen schmerzhaften Tribut.

"Ich kann nicht mehr," schnaufte Isidia schleißlich und setzte sich an Ort und Stelle hin.

Tyborn blieb einige Schritt oberhalb von ihr stehen und seufzte. "Mach jetzt nicht schlapp, Mädchen. Nur noch über diese Kuppe." Der Krieger deutete den Felshaufen hinauf, der noch knapp fünfzig Schritt weiter in die Höhe wuchs.

"Was soll ich da oben?" Isidia war am Ende ihrer Kraft und hatte schlichtweg die Schnauze voll. "Noch mehr Steine? Noch mehr Felsen? Ich... kann... nicht... mehr. Geht das nicht in dein Hirn?"

Tyborn schüttelte den Kopf. "So muss es denn sein..."

"Was...?"

Der kräftige Krieger sprang die paar Schritte zu Isidia hinab, packte sie und warf sich das quiekende Mädchen kurzer Hand über die Schulter. Mit seiner freien Hand gab er Isidia einen harten Klapps auf den Hintern. "Hör auf zu zappeln, Prinzessin. Das macht es nur schwerer!"

"Verfluchter Mistkerl!" jammerte Isidia. Allerdings stellte sie ihre Bewegungen ein und rückte sich zurecht, denn Tyborns Schulter drückte in ihren Magen. Dabei stieß sie sich am Heft seines großen Schwertes. Ein Gedanke manifestierte sich.

"Denk' nicht mal dran."

'Kann der Kerl Gedanken lesen?' Isidia schnaufte und hielt sich an Tyborn fest so gut es ging. Abgesehen davon... selbst wenn es ihr gelang an das Schwert heranzukommen, so musste sie den Söldner erst einmal besiegen. Und daran bestanden gerechtfertigte Zweifel. Also fügte sie sich in ihr Schicksal und ließ sich wie ein Sack Kartoffeln die Felsen hinauf tragen.

Der Aufstieg dauerte nun ein wenig länger. Tyborn war gezwungen seine Schritte mit Vorsicht zu wählen, da er mit einer Hand Isidia auf seinen Schultern hielt. Grimassen ziehend und unverständlich vor sich her fluchend schleppte er sie weiter. Isidia hätte gerne gelacht, doch ihre Position war alles andere als bequem. Für einen Dritten sieht es einfach aus - in Wahrheit drückten Tyborns Schulterknochen und die Nieten seiner Lederrüstung schmerzlich in Isidias Haut und sie wünschte sich bloß, endlich am Ziel zu sein.

Schließlich erreichten sie die Felskuppe... genaugenommen einen Bruch zwischen zwei hohen Felsblöcken, wo steter Regen über Jahrtausende einen Durchschlupf in luftiger Höhe zwischen den beiden Hügelflanken geschaffen hatte. Vorsichtig setzte Tyborn Isidia ab und pfiff zwischen den Fingern.

Erstaunt blickte Isidia den Krieger an. "Was...?"

"Du wirst gleich sehen." Tyborn achtete nicht auf sie, sondern sondierte aufmerksam die Felsformationen, die sich noch höher über ihnen türmten. Isidia folgte seinem Blick, konnte jedoch nichts erkennen. Plötzlich packte Tyborn sie an der Hand.

Kurz darauf vernahm Isidia ein Rutschen und ein Poltern und ein hagerer Mann in brauner Lederbekleidung tauchte keine drei Schritte vor ihnen auf der anderen Seite des Durchgangs auf. In seiner Hand hielt er einen langen Bogen, wie er von den Stammeskriegern in Nymmeria benutzt wurde. "Kommandeur...!" Sein Tonfall war nüchtern und sachlich.

"'lo, Vestal." Tyborns Hand schoss vor. Vestal, der Bogenschütze, erwiderte den Gruß. Es folgte ein kompliziertes Ritual von Handgriffen, dann grinsten sich die beiden Männer an. "Irgendwelche Ereignisse?"

"Nein."

Vestals Blick blieb auf Isidia haften.

"Alles zu seiner Zeit, mein Freund."

Vestal nickte. Er schien kein Mann großer Worte zu sein.

Tyborn wandte sich Isidia zu, die unsicher von einem Mann zum anderen blickte. "Komm..."

Isidia nickte.

Tyborn nahm sie bei der Hand und führte sie an Vestal vorbei durch das Felsenpaar hindurch. Hinter dem linken Felsen bemerkte Isidia eine steile Rampe, gekrönt von einem Absatz, von dem ein Seil bis zu ihrem Standort hinab fiel. Mit einem Mal verstand sie, wo Vestal hergekommen war. Der Absatz gestattete es gerade so, über die linke Felswand hinwegzublicken, wobei der Beobachter perfekt geschützt war. Zumindest entgegen der Richtung, aus der Isidia und Tyborn gekommen waren. Natürlich fragte sich Isidia, was ein bewaffneter Späher an solch einem entlegenen Flecken suchte. Ihre Antwort erhielt sie, als sie jenseits des Felsdurchbruchs ins Tal blickte.

Vor ihnen breitete sich inmitten des Felslabyrinths eine große, ovale Landmulde aus. Sie durchmaß knapp hundertfünzig Schritt an ihrer längsten Stelle und war gesäumt von schroffen Felsen, sowohl an ihren Flanken als auch im Bereich ihrer Krone, sowie einigen kargen Sträuchern und niedrigen, kahlen Bäumen. Zwischen den Felsen waren, gleich einem unregelmäßigen Fleckenteppich, braune und graue Zelte verteilt. Dazwischen tummelten sich ungefähr zwei Dutzend Krieger, sofern Isidia es von ihrem erhöhten Standort beurteilen konnte.

Und noch etwas stach ihr ins Auge. Etwas, dass sie den Atem anhalten ließ. Durch eine Felskette abgetrennt und durch ein improvisiertes Gatter umzäunt, hockten fünf große, schwarze Vögel am Boden, ihre Köpfe zum Schutz unter große, wuchtige Schwingen gezogen.

"Das sind Yalks..." stellte Isidia unnötigerweise fest.

"Ja," erwiderte Tyborn knapp.

"Was macht ihr hier?" Ein Dutzend wilder Szenarien schoss durch Isidias Kopf, eine fantastischer als die andere.

"Wieso will jeder von mir wissen, was los ist?" Tyborn schnaubte. "Ich bin hungrig. Und du bist müde. Je schneller wir dort unten sind, umso eher wirst du deine Rast erhalten. Sklavin. Alles andere muss warten." Tyborn spie das Wort 'Sklavin' förmlich hervor.

Isidia verstand den Punkt. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen, doch sie blieb stumm. In Tyborns Gefolge wagte sie sich an den Abstieg. Der Weg war einfach, denn an dieser Stelle senkte sich die Felskrone der Mulde sanft nach unten. Es dauerte nicht lange und einige der Männer kamen ihnen entgegen. Tyborn begrüßte einen jeden von ihnen mit Namen. Hände wurden geschüttelt, Grußfloskeln ausgetauscht. Neugierig wurde Isidia mit Blicken bemessen, doch Tyborn wiegelte alle Fragen ab mit einem Hinweis auf einen späteren Zeitpunkt. Alle Anwesenden, die ihnen begegneten waren bewaffnet. Die meisten trugen Schwerter, doch auch Streitäxte, Wurfbeile und einige Speere waren zu sehen. Zwei der Krieger waren Frauen, die Isidia mit sichtlich mehr Misstrauen und Herablassung begegneten, als ihre männlichen Waffenbrüder. Unwillkürlich reckte Isidia ihr Kinn empor. Sie war die Gefangene dieses seltsamen Söldnerhaufens, doch ihren Stolz würden auch sie ihr nicht nehmen können.

Schließlich erreichten sie ein größeres Zelt in der Mitte der Mulde. Die meisten Soldaten hatten sich wieder ihren voherigen Tätigkeiten zugewendet. Nur ein kräftiger, bärtiger Hüne mit einem Paar Wurfbeile im Gürtel und ein älterer Mann mit leichtem Bauchansatz und Spitzbart blieb bei ihnen. Der Ältere trug eine dunkle Robe auf die arkane Symbole gestickt waren. Ein Magier.

Tyborn wandte sich an den Hünen. "Wo ist Chezaya?"

"Auf Jagd."

Tyborn hob eine Augenbraue.

"Sie sagte, sie müsse Valerion huldigen," fügte der Hüne hinzu.

"Na, gut. Dann müsst ihr euch noch ein wenig gedulden bis sie zurück ist. Ich werde meinen Bericht nicht zweimal erzählen."

"Natürlich," meinte der Hüne. Dann blickte er sich um. "Wo ist Gerissen?"

"Kommt nach."

Tyborn begann seinen Waffengut abzuschnallen. Isidia schaute sich um. Das alles kam ihr mächtig seltsam vor. Doch sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte und blieb zunächst einfach stehen wo sie war. Vielleicht konnte sie noch einiges über diese Männer in Erfahrung bringen, wenn sie einfach lauschte. Nachdem Tyborn sein Schwert zu abgelegt hatte öffnete er seinen Mantel.

"Wer hat dich denn so zugerichtet?" fragte der Magier plötzlich.

Tyborn fuhr sich an die Kehle. "Ein Idiot."

"Ein Idiot, der einem der besten Schwertkämpfer weit und breit ein deutliches Abzeichen verpasst hat." Der Magier schmunzelte.

"Und der jetzt ein sehr, sehr toter Idiot ist..." brummte Tyborn und warf seinen Mantel neben das Schwert und streckte sich. "Ich bin hungrig. Habt ihr was für mich...?" Dann fiel sein Blick auf Isidia. "Und das Mädchen."

"Wer ist sie?" fragte der Hüne.

Tyborn zögerte und sah Isidia mit einem abschätzenden Blick an, der ihr ganz und gar nicht behagte.

"Ihr Name ist Isidia. Sie hat im Palast des Fürsten gelebt. Jetzt ist sie eine Sklavin."

"Oh." Der Hüne und der Magier warfen sich einen kurzen Blick zu.

Isidia schnaubte instinktiv. Doch ein grimmiger Blick Tyborns ließ sie verstummen.

"Sie hat sich noch nicht ganz mit ihrer Rolle abgefunden."

"Ich kann sie ihr gerne erklären," meinte der Hüne und beäugte Isidia unverhohlen.

"Wir werden sehen, Bär" meinte Tyborn rasch.

"Na, gut." Bär hakte seine Daumen in den Gürtel und sagte: "Es ist noch genug Eintopf übrig. Genau das Richtige für einen hungrigen Magen."

Tyborn streckte sich, legte nun auch seinen Lederwams ab und brachte seine Ausrüstung ins Zelt. Als er fertig war, schaute er die beiden Männer und Isidia an und sagte: "Dann wollen wir mal was essen. Bis wir fertig sind, ist vielleicht auch Chezaya zurück."

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Wie geht's weiter? Wer ist Chezaya? Und was haben die Söldner vor?

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