Wie geht's weiter? Wer ist Chezaya? Und was haben die Söldner vor?
Isidia lernt mehr über die Söldner
Der Eintopf war besser als erwartet. Offensichtlich befand sich unter den Söldnern zumindest ein brauchbarer Koch. Isidia war so hungrig, dass sie gleich zwei Portionen verzehrte. Ihre letzte vernünftige Mahlzeit war das Frühstück am Tag ihrer Verbannung gewesen. Es schien eine halbe Ewigkeit her zu sein.
"Für so ein kleines Persönchen hast du einen ordentlichen Appetit." Der Hüne, den Tyborn 'Bär' genannt hatte, ging neben Isidia in die Hocke. "Hat Tyborn dir nichts zu essen gegeben?"
Isidia schaute den großen Krieger misstrauisch an. Er betrachtete sie schon die ganze Zeit mit unverhohlenem Interesse. In ihrem früheren Leben hätte sie ihn als unverschämten Bastard davon gejagt. Zum Glück kam Tyborn ihr zu Hilfe.
"Nein. Wir hatten keine Zeit dazu."
"Was ist überhaupt in Kel-Shazar passiert? Wir hatten nicht so schnell mit deiner Rückkehr gerechnet." Bär wandte sich nun dem Söldnerkommandeur zu.
"Isidia ist passiert. Das soll dir als Erklärung genügen. Für's Erste."
"Hmm."
Isidia schaute tief in ihren Eintopf, wohl gewahr, dass sie nun die volle Aufmerksamkeit des Hünen genoss. Seit ihrem Eintreffen im Söldnerlager hatte sie sich ziemlich zurück gehalten. Inmitten all der waffenstrotzenden Krieger fühlte sie sich reichlich deplatziert. Die Tatsache, dass sie noch immer halbnackt und von Tyborn als Sklavin vorgestellt worden war, tat ein Übriges dazu. Die ganze Sache war äußerst dubios: Weshalb hatte Tyborn sie hierher geschleppt? Wieso war ein grimmiger Söldnerführer bereit vierhundert Dukaten für eine Sklavin aus dem Palast des Handelsfürsten von Kel-Shazar zu investieren? Söldner waren berüchtigt für ihren Umgang mit Frauen. Die Tavernen der roten Laternen in Kel-Shazar wimmelten von ihnen. Erzählungen über Massenschändungen in eroberten Städten waren in aller Munde. Wenn diese Männer gewisse Bedürfnisse hatten, überfielen sie einfach einsame Siedlungen und raubten die jungen Mädchen - und zahlten nicht den Gegenwert eines guten Schlachtrosses oder von hundert Schwertern für eine Liebesdienerin. Nein, da steckte mehr dahinter!
Außerdem war da noch die Zusammensetzung dieser Söldnertruppe. Sie wirkten äußerst diszipliniert und organisiert. Jeder wusste genau um seine Aufgaben. Tyborns Wort war offensichtlich Gesetz. Er selber ließ keinen Zweifel an seiner Befehlsgewalt aufkommen. Noch während er seinen ersten Teller verzehrte, ließ er sich von Bär - der eigentlich Grimmbär hieß - und dem Magier namens Cullodan die Ereignisse der letzten Tage berichten. Grimmbär war offenbar einer von Tyborns Stellvertretern, während dem Zauberer kraft seiner Magie eine Sonderposition zukam. Später gesellte sich noch ein gedrungener Mann in Fellkleidung hinzu, dessen auffälligstes Merkmal eine fünfschwänzige Knotenpeitsche an seiner Hüfte und ein unruhiges Lidzucken waren. Er hörte auf den unerhörten Namen Speralt Siechentum und war anscheinend für die Yalks zuständig. Seinen Ausführungen lauschte Tyborn am Intensivsten und ließ sich genauestens Auskunft über den Zustand der fünf großen Reitvögel geben. Tyborn selber führte einen der Kriegsadler - ein mächtiger schwarzgefiederter Gesell' so rauh und kräftig wie sein Reiter, der auf den Namen Sturmbruder hörte. Die anderen vier Vögel wurden von Speralt, Grimmbär, dem Bogenschützen Vestal und von einem Krieger namens Gerissen geritten. Letzterer entpuppte sich aus dem weiteren Gespräch - zu Isidias Überraschung - als niemand anderes als Tyborns gutlauninger, junger Gefährte Ri. Isidia hatte somit in kurzer Zeit die wichtigsten Persönlichkeiten der Truppe kennengelernt - bis auf Chezaya, jene Kriegerin auf die Tyborn unbedingt warten wollte.
Es verging eine weitere Stunde, in der Isidia tatenlos dem Treiben im Lager zuschaute. Der Magier hatte ihr inzwischen einen seiner Mäntel gebracht, damit sie sich weiter einhüllen konnte. Die erste Nettigkeit seit ihrer Ankunft im Lager, was sie dem beleibten Zauberer mit einem dankbaren Lächeln entgalt. Rasch verging ihr jedoch die gute Laune, denn die nächsten Minuten verbrachte Cullodan damit sie wie ein Laborhäschen von allen Seiten zu begutachten, wobei er sich unablässig am Spitzbart zupfte und seltsames Gebrabbel von sich gab.
Schließlich hielt Isidia es nicht mehr länger aus. "Muss ich euch euren Mantel zurückgeben, damit ihr mich in Frieden lasst?"
"Hmm... mmmpff..."
Das Magier drehte abermals eine Runde um sie herum.
Isidia wurde langsam wütend und zog sich den Mantel von den Schultern. "Hier. Ihr könnt ihn wieder haben. Geht mit einfach aus der Sicht. Ihr macht mich nervös."
Der Magier ignorierte den dargebotenen Mantel und sah sie mit zusammen gekniffenen Augen an. "Ich könnte schwören... also wirklich..."
"Was ist...?" Trotz all der Erniedrigungen der letzten Stunden war Isidia es nicht gewohnt derart unverhohlen begutachtet zu werden. Da Cullodan seinen Mantel nicht zurücknehmen wollte, schlang sich Isidia das wärmende Kleidungsstück wieder um den Leib.
"Stammst du aus Kel-Shazar?"
Verdutzt starrte Isidia den Zauberer an. "Wie?" Die Direktheit der Frage verblüffte sie gleichermaßen wie die Implikationen der Fragestellung. Erst nach einigen Sekunden fing sie sich. "Äh... ja."
"Hmm. Ganz sicher?"
"Ja. Schon... Wieso fragt ihr?"
"Deine Haut. Deine Augen. Dein Gesicht. Es passt nicht. Passt nicht in diese Region." Der Magier trat ein bisschen zurück, dann ein wenig zur Seite, bis ihm das Licht besser zusagte. "Nein, ganz und gar nicht."
"So?" Isidia schnaubte. Der Kerl war ganz schön durchgedreht. Dennoch konnte Isidia sich die naheliegende Gegenfrage nicht verkneifen: "Was denkt ihr denn, wo ich herstamme."
"Südlich. Viel weiter südlich."
"Tja. Dann muss ich euch enttäuschen... Meine Eltern waren von hier. Die Familie meiner Mutter sind Schafzüchter und die Ahnen meines Vaters haben seit Gedenken Haus Athestan gedient."
"Und davor?"
"Was 'und davor'?"
"Wem haben die Vorfahren deines Vaters davor gedient? Haus Athestan mag alt sein... aber nicht ewig."
Isidia guckte Cullodan verwirrt an. Was sollte das alles? "Tut mir leid, ich kann euch hier nicht weiterhelfen."
"So?" Enttäuschung stahl sich wie eine unverhoffte Schlange auf das Gesicht der Magiers. Sein Spitzbart zuckte. Unbewusst zupfte er daran. "Hmm. Na gut. Wie du meinst. Ich bleibe jedoch bei meiner Meinung..."
Isdia zuckte mit den Schultern und sah Cullodan ratlos hinterher, als dieser schließlich von dannen schritt. Der Magier hatte Fragen aufgeworfen, mit denen Isidia in all der Zeit nie konfrontiert worden war. 'Von wo stammten ihre Urahnen her?' Die Götter mochten es wissen. Ihren Vater - oder auch ihre Mutter - würde sie nie fragen können. Und an ihre mütterliche Verwandtschaft würde sie sich so schnell auch nicht wenden können. Doch die Frage beschäftigte sie. Denn aus irgendeinem Grund, war die Antwort dem seltsamen Zaubermeister wichtig erschienen. Mit einem Mal war Isidia Cullodan sogar dankbar: Sie hatte ein neues Ziel. Eines, das wesentlich greifbarer war, als Rache an Fürst Athestan oder diesem Söldnerbastard. Wenn es ihr irgendwie gelang, ihre Freiheit zu gewinnen, würde sie als erstes die Familie ihrer Mutter suchen. Isidia blickte hinaus in die Ferne, in Richtung Kel-Shazar. Irgendwo da draußen, hausten ihre Vettern und Basen und trieben ungestört eine Herde Schafe über die grasbewachsenen Hügel der Kels.
Die junge Frau war so in ihren Gedanken versunken, dass sie die aufkommende Unruhe im Söldnerlager erst bemerkte, als ein Ruf durch das Talrund ging: "Chezaya ist zurück!"
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