Wer ist Chezaya?
Eine Kriegerpriesterin
Schon aus einigem Abstand erkannte Isidia, dass Chezaya niemand war, mit dem einfach Kirschen essen war. Ihr Schritt war entschlossen, ihre Haltung stolz und metallene Rüstteile spiegelten sich glänzend in der späten Sonnenlicht. Das Rot des nahenden Abends tauchte sie in einen Flammenschein, der sie gleich einer grimmigen Kriegsgöttin herabschreiten ließ. Als die Frau näher kam, wurde ersichtlich, dass dieser Eindruck nicht einmal täuschte.
Unwillkürlich hielt Isidia den Atem an. Chezaya war schlichtweg beeindruckend.
Sie war blond, mit einer langen, wallenden Löwenmähne. Ihre Haut war makellos gebräunt und schimmerte in glühenden Bronzetönen. Chezayas Figur war ideal: Sie hatte Gardemaß für eine Frau, wie die langbeinigen Dienerinnen im Tempel der Lashima. Ihre Beine waren athletisch, ihre Proportionen irrsinnig feminin, ihre Hüften einladend und doch stählern. Einfach perfekt. Ihr Gesicht wurde von einem starrsinnigen Kinn dominiert, ihre Lippen war voll, wenn auch hart, ihre Nase gerade, als hätte sie nie einem Kampf ausgefochten, und ihre Wangen besaßen eine liebliche Rundung, die danach schrie gestreichelt zu werden - wenn da nicht die lodernden, hellbraunen Augen einer Besessenen gewesen wären.
Ebenso wie ihre Figur bestach auch ihre Rüstung. Es war ein metallisch-ledernes Meisterwerk an Rüstkunst, gleichsam schützend wie entblößend. Das Rüstwerk bestand auf vielen, miteinander verschichteten, zum Teil kunstvoll ornamierten Einzelteilen. Blank polierte Oberschenkelschützer, die nahtlos in einen engmaschigen Kettenrock übergingen. Verstärkte, lederne Unterarmmanschetten, die über ein Ellenbogengelenk in eine Reihe kaskadenartig verschachteter Oberarmstücke mündeten. Zwei metallene Schulterpolster, angepasst an pure Zweckmäßigkeit: Ein leichter, fast schon filigraner Schutz an ihrer Schlagseite. Ein massiver, mit fast schon absurden, sich empor windenden Schnörkeldekorationen verzierter Schutz für ihren Schildarm. Jedes einzelne Rüstteil imponierte durch perfekte Formen mit goldenen Dekorelementen, blanken Oberflächen und sanften, leicht gewölbten Kanten , die verhinderten, dass die Trägerin sich irgendwo an den Metallteilen ihrer eigenen Rüstung verletzte.
Das Herzstück der Rüstung war jedoch der Brustharnisch. Sofern man von einem solchen überhaupt sprechen konnte. Im unteren Segment bestand der Harnisch aus einem festen Taillenschutz aus Hartleder, der sich nahtlos an den Kettenrock anschloss und gleich einem Korsett ihren Leib umhüllte. Zarte, dem Verlauf der Bauchmuskeln und der Rippen angepasste Verstärkungen, mündeten in der Kuhle des Solar Plexus, an dem sich auch der obere Teil orientierte: Zwei runde, ideal geformte Brustschalen, die zum Schlüsselbein hin leicht spitz zuliefen, und so einem Paar fester, makelloser Brüste Halt gaben, die Isidia vor Neid erblassen ließen. Zwar blieben dadurch das Dekoletté sowie Schlüsselbein und Hals ungeschützt, doch der Grund dafür war leicht ersichtlich: Von einer goldenenen Kette baumelte ein großes, goldenes und V-förmiges Amulett - das Zeichen Valerions.
Chezaya war eine 'Mirvha Valeria' - eine Tochter Valerions. Eine Kriegerpriesterin.
Isidia zuckte zusammen. Die Mirvha Valeriae waren berüchtigt für ihre bedingungslose Hingabe zu ihren Gott auf dem Schlachtfeld. Mehr noch als ihre männlichen Gegenparts, die Valerianer, oder die berühmten Amazonen des Südens, galten die Mirvha Valeriae als ungezügelt, gnadenlos und bar jeder Angst vor dem Tod. Vor einer Schlacht sammelten sich ganze Heerscharen um eine einzige dieser furchlosen Kriegerinnen. Ihre Kampfeskunst mit dem Schwert oder dem Helzack, einer leichten Stoßhellebarde, die als eine der diffizilsten Waffen überhaupt galt, war ebenso berühmt, wie ihr grenzenloser Fanatismus.
Wie um dieses zu unterstreichen kam Chezaya wie ein Sturmwind herab. Ihre Mähne flog um ihren Kopf wie ein Sternenschweif, ihre Hand umfing das Heft eines Ilcaners, einer schnittigen Mischklinge aus konventionellem Langschwert und Krummsäbel. Die Waffe steckte in einer prunkvollen Scheide, die an einem schweren, ledernen waffengürtel hing. Ein langer Dolch komplettiete das beeindruckende Waffen- und Rüstarsenal der Kriegerpriesterin.
Tyborn schritt ihr als erster entgegen. "Chazaya! Valerions Arm sei dir gewiss! Ich habe gute Nachrichten!"
Chezaya blickte Tyborn starr an, ohne ihre Schritte oder ihre Richtung zu ändern. "Valerion zum Gruß... Krieger."
Isidia horchte auf. Die Betonung des Wortes 'Krieger' war prägnant, mit einem Hauch von Vorwurf und Verachtung. Sie nannte ihn auch nicht Kommandeur, wie die übrigen Soldaten. Wie standen die beiden zuneinander?
Tyborn notierte Chezayas frostigen Empfang mit gehobener Augenbraue und fiel neben ihr in ihren Schritt. "Wir müssen reden. Sofort. Bär und Cullodan fragen mir sonst noch ein Loch in den Bauch."
"So? Tun sie das?"
Die Kriegerpriesterin stob förmlich durch das Lager, nickte jedem der Söldner zu, die ihr unumschränkte Achtung entgegen brachten, und machte sich über einen Eimer Wasser her, der neben eine unauffälligen Zelt in unmittelbarer Nähe von Tyborns stand. Sie nahm eine große Kelle, schöpfte ein volles Maß aus dem Eimer und schüttete es sich direkt über den Kopf. Dann schüttelte sie ihre nasse Mähne, dass Wasserperlen in alle Richtungen spritzten. Tyborn zwinkerte. Chezaya sah den großgewachsenen Söldner mit funkelnden Augen an. "Bringen wir es hinter uns!"
Tyborn nickte. Auf seinen Wink kamen Grimmbär, Cullodan und Speralt herbei. Vestal blieb auf seinem Posten. Zu Isidias Überraschung versammelten sie sich direkt vor Tyborns Zelt, wo Isidia noch immer hockte, nun in Cullodans Mantel gehüllt.
Als Chezaya sie bemerkte, weiteten sich ihre Augen. Ihr Haupt fuhr zu Tyborn herum. "Wer ist das?"
"Unser Schlüssel zum Erfolg," erwiderte Tyborn ungerührt.
Grimmbär sah seinen Kommandeuer erstaunt an. Cullodan nickte lediglich, während die Augen des Yalkhüter heftig zwinkerten und sein Lider unkontrolliert zuckten. Chezayas Augen leuchteten bedrohlich.
"Erkläre dich!"
Tyborn seufzte. "Ihr Name ist Isidia. Sie war bis vor Kurzem angehende Adoptivtochter von keinem geringerem als Fürst Adalmar Athestan."
Bär verschluckte sich und hustete. "Adalmar Athestan? Oberhaupt von Haus Athestan?"
Der Söldnerhauptmann nickte. "Kein Geringerer."
"Was ist passiert? Du sagtest 'bis vor Kurzem?' Was bedeutet das?"
"Ganz einfach: Isidia hat es fertig gebracht, es sich mit ihrem vermeintlichen Adoptivvater zu verscherzen und wurde verbannt. Dummerweise genau an dem Tag, als ihre Adoption hätte gefeiet werden sollen. Nicht wahr?" Tyborn blickte Isidia an und alle Augen richteten sich auf sie.
Isidia hatte dem Ganzen bislang passiv zugehört, doch nun brodelte die Wut in ihr empor. "Na, und? Wenn schon!"
Bär lachte und Cullodan strich seinen Spitzbart. "Dumm gelaufen," meinte der Hüne. "Was ist dann passiert?"
"Ihre Lebensbahn hat einen rasante Fahrt nach unten aufgenommen. Manch einer würde sagen 'Ein tiefer Fall kurz vor dem Thron...'"
"Fick dich!" knurrte Isidia. Ihr Hass auf Tyborn loderte wie ein Hexenfeuer und wurde mit jeder Spitze stärker und brennender.
"Die Kleine hat Pfeffer, Tyborn," kommentierte Grimmbär, was ihm ebenfalls einen giftigen Blick einhandelte.
Zwei genaugenommen, denn Chezaya schaute ihn auch nicht gerade freundlich an. "Lass Tyborn ausreden, Krieger!"
"Ja, Chezaya," antwortete der Hüne, schlagartig kleinlaut.
"Um es kurz zu machen," fuhr Tyborn fort. "Ihre Verbannung führte sie in den Kerker der Stadtwachen. Von dort ging es weiter in die Hände eines Sklavenhändlers, den ich schließlich davon überzeugen konnte, dass das Mädchen bei mir in besseren Händen ist."
"Schön. Und was haben wir davon?" fragte Chezaya unbeeindruckt.
"Nun... ganz einfach." Tyborn blickte wieder Isidia an. "Seit wann hast du in Haus Athestan gelebt?"
Berechnend erwiderte Isidia Tyborn Blick. 'Worauf will er hinaus?' Sie zögerte mit der Antwort, sah aber schließlich keinen Nutzen darin, ihm die wahrheit zu verschweigen - von purer Renitenz einmal abgesehen. "Seit meinem fünften Sommer."
"und wieviele Sommer hast du jetzt gesehen?"
"Mmmh... achtzehn."
"Und du hast wo gelebt, all die dreizehn Jahre?"
"Im Haupthaus der Athestan, dem Palast des Stadtfürsten."
"Ahh..." brummte Grimmbär, als ihm ein Licht aufging. Cullodan nickte wissend. Selbst Chezaya betrachtete sie nun mit anderen Augen. Lauernd und seltsam feindselig.
"Deshalb nennst du das Mädchen 'Schlüssel zum Erfolg', Tyborn. Du erwartest, dass sie dich in den Palast führt."
"Du hast es erraten," erwiderte Tyborn ungerührt.
Isidia traute ihren Augen nicht. Das war also Tyborns Ziel! Er plante eine Aktion gegen Haus Athestan, womöglich einen Angriff! Mir einem Schlag sah die Welt ganz ander aus. Gespannt verfolgte Isidia das weitere Geschehen.
"Du kennst meine Meinung, Tyborn." Chezayas Augen blitzten leidenschaftlich. Sie besaß dichte, wohl geschwungene Augenbrauen, die ihr den Blick einer sprungbereiten Raubkatze verliehen. "Du begibst dich auf einen völlig falschen Pfad. Er wird dein Unheil sein!"
"Wir müssen das jetzt nicht hier diskutieren, Priesterin!" Tyborn wurde nun auch ungehalten. "Wenn du nur deshalb mitgekommen bist, um Zwist in die Truppe zu bringen, wärst du besser in Sh'mir geblieben."
"Ich bin mitgekommen, um über deine Handlungen zu wachen, Krieger," schnauzte Chezaya zurück. "Dein Plan ist falsch. Falsch, falsch, falsch. Ich wiederhole mich ungern, aber es ist so."
"Ja, du wiederholst dich. Und deshalb ist es auch genug." Tyborn wich um keinen Zentimeter und blickte die Mirvha Valeria herausfordernd an.
"Pah." Chezaya spie die Ablehnung förmlich hervor. Für einige Atemzüge hielt sie Tyborns Blick stand. Beide hatten sich zu ganzer Größe aufgerichtet und boten einen beeindruckenden Anblick. Links der muskulöse, schwarzgekleidete Söldnerführer, rechts die imposante, elegant gerüstete Kriegerpriesterin. Schließlich gab Chezaya nach, drehte sich unwirsch um und schritt davon.
Die Männer schauten der Priesterin hinterher, bis sie zwischen den Zelten verschwand. Tyborn nächster Blick galt seinen Leuten. "Und was ist mit euch? Seid ihr weiterhin dabei?"
"Aber sicher," antwortete Bär als erster. "Wir machen doch jetzt keinen Rückzieher. Die Männer stehen hinter dir!"
Der Yalkführer zuckte lediglich mit den Schultern, was für ihn wohl soviel wie 'Ja' bedeutete. Und der Magier fügte hinzu: "Mach dir um Chezaya und ihren Einfluss auf die Truppe keine Sorge. Du bist der Kommandeur, und Chezaya würde niemals entgegen der Kampfordnung handeln. Niemals. Lass sie ihre Sorgen haben und uns auch mitteilen. Dadurch wird sie zum Spiegel unserer Ambitionen: Kritisch und ständig uns hinterfragend. Etwas besseres kann uns eigentlich nicht passieren."
Tyborn nickte. "Du sprichst weise Worte, mein Freund. Wie immer." Tyborn nickte, holte tief Luft und erklärte: "So soll es denn sein. Wir machen weiter! Bär, bereite die Männer darauf vor, dass wir in zwei Tagen abrücken. Speralt, die Yalks müssen in Bestform sein. Hüte sie wie dein Leben."
Der Hüne und der Yalkführer nickten und verabschiedeten sich. Isidia war nun mit Tyborn und dem Zauberer alleine. Erwartungsvoll sah sie die beiden an.
Der Söldner grinste. "Und wir drei werden uns in mein Zelt begeben, und dort wirst du uns alles erzählen, was du über den Palast und seine Bewohner weißt, Isidia. Alles!"
Wie geht's weiter? Erzählt Isidia wirklich alles, was sie weiß?
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