VERSION 2 von "Durch den Vaters meines Freundes wurde ich zur Hure."

Nach langer Überlegung und auch auf Wunsch einiger Leser, habe ich die Geschichte nochmal neu aufgelegt.

Chapter 1 by Atina Hunter Atina Hunter

Vor ein paar Tagen bin ich endlich 18 Jahre alt geworden. Genauer gesagt vor zehn Tagen bin ich es geworden. Die Kerzen auf dem Kuchen meiner Mutter sind längst erloschen, das Wachs hart und kalt auf dem Zuckerguss, aber ich trage die Hitze dieses Alters noch in mir, diese fiebrige Ungeduld, endlich mich frei auszuleben.

Heute feiere ich nach. Meine eigene Geburtstagsparty, die echte, mit meinen Schulfreunden, in dem kleinen, muffigen Partykeller, den meine Mutter für mich gemietet hat. Die Luft ist ein dichter Cocktail aus billigem Sekt, süßem Parfüm und dem animalischen Geruch tanzender Körper. Ich bin der Mittelpunkt, und ich genieße es mit jeder Faser meines Körpers. Mein enges Schlauchkleid klebt an meiner Haut, ein feuchtes Leichentuch aus Viskose, und ich lache, zu laut und zu schrill, über einen Witz, den ich schon vergessen habe, als mein Blick das erste Mal auf ihn fällt.

Marcel Bramm.

Er strahlte an der gegenüberliegenden Wand, eine Gestalt aus Schatten und Zögern. Er tanzt nicht. Er trinkt nicht. Er steht einfach nur da, ein stiller, dunkler Punkt in der flirrenden Bewegung um ihn herum. Sein Kopf ist leicht geneigt, eine Geste, die ich später als typisch für ihn erkennen werde, eine Mischung aus angeborener Höflichkeit und dem Wunsch, unsichtbar zu sein. Seine Kleidung ist eine stumme Provokation gegen die schlampige Jugendlichkeit der anderen Jungs hier. Ein helles Leinenhemd, die Ärmel mit lässiger Präzision hochgekrempelt, die seine gebräunten Unterarme freigeben. Eine Vintage-Uhr an einem braunen Lederband, die im Stroboskoplicht aufblitzt. Und eine Hose, die an den richtigen Stellen sitzt, eng am Hintern, lässig am Bein, und ein Bild in meinen Kopf pflanzt, das ich nicht so schnell wieder loswerde.

Ich muss ihn anstarren. Meine beste Freundin Doreen sagt etwas neben mir, aber ihre Worte prallen an mir ab wie Regentropfen an einer Fensterscheibe. Ich sehe nur ihn. Seine haselnussbraunen Augen, die im Halbdunkel des Raums mit goldenen Sprenkeln zu funkeln scheinen, suchen den Boden ab, als sie sich dort verlaufen hätten. Er ist so anders. Also immer noch. So unverschämt schön. Meine Schmetterlinge im Bauch schlagen nicht – sie zerreißen mich. Ein wilder, flatternder Schwarm, der gegen meine Rippen hämmert und mir die Luft abschnürt. Ich muss ihn kennenlernen. Jetzt.

Ich lasse Doreen stehen, mitten im Satz. Meine hohen Absätze klackern auf dem klebrigen Boden, während ich auf ihn zugehe, ein Raubtier auf der Jagd, das sich als Schulmädchen tarnt. Ich bin erst achtzehn, aber in diesem Moment fühle ich mich uralt und brandneu zugleich.

„Hey“, sage ich, als ich vor ihm stehe. Nur ein Wort, hingeworfen wie ein Köder.

Er zuckert zusammen, als hätte ich ihn aus einem Traum gerissen. Sein Kopf ruckt hoch, und endlich, endlich sehe ich diese Augen an. Sie sind noch wärmer, als ich es mir vorgestellt habe, die Farbe von flüssigem Honig und Kaffee, und sie weiten sich für den Bruchteil einer Sekunde, bevor ein Schatten von Panik über sein Gesicht huscht.

„H-hi“, stottert er. Seine Stimme ist leise, ein heiseres Krächzen, das in der dröhnenden Musik schnell untergeht.

„Du bist Marcel, oder? Aus der Parallelklasse?“ Ich lege meinen Kopf schief, spiele das Spiel der Unschuld, obwohl ich genau weiß, wer er ist. Jedes Mädchen weiß, wer er ist. Der stille, schöne Junge, der nie auf Partys geht. Der, über den alle tuscheln, aber den keiner kennt.

Äh nickt nur. Seine Lippen, diese unglaublich vollen Lippen, die zu einem ewigen, verheißungsvollen halben Lächeln geformt sind, öffnen und schließen sich wieder, ohne ein Geräusch zu machen. Er ist so schüchtern. Es ist schnell komisch. Ein Typ, der aussieht, als wäre er direkt aus einer Calvin-Klein-Werbung entsprungen, und der nicht in der Lage ist, einen Satz zu sagen.

„Ich bin Katharina“, sage ich und strecke ihm meine Hand hin. Nicht zur Begrüßung. Zur Eroberung.

Er nimmt sie. Seine Finger sind warm und trocken, und sie umschließen meine Hand mit einem Druck, der fester ist, als ich es von so einem Scheuen Reh erwartet hätte. Ein Blitz fährt mir den Arm hinauf, ein kleiner, elektrischer Schlag, der sich in meinem Bauch sammelt.

„Ich... äh... ich weiß“, bringt er hervor. „Herzlichen Glückwunsch. Zum Geburtstag. Nachträglich.“ Seine Wangen verfärben sich dunkelrot, ein Fleck, der sich von seinem Hals bis zu seinen Schläfen ausbreitet. Es ist das Süßeste, was ich je gesehen habe.

Ich lache. Ein echtes, perlendes Lachen, das seine Verlegenheit nicht verspottet, sondern umarmt. „Danke. Und dafür, dass du gekommen bist. Ich hab dich hier noch nie gesehen.“

„Ich... geh nicht oft auf Partys.“ Sein Blick huscht wieder zu Boden, findet Halt an meinen Schuhen, an seinen eigenen, an den Kaugummiflecken auf dem Linoleum.

„Dann bin ich ja besonders geehrt“, flirte ich und mache einen kleinen Schritt auf ihn zu. Der Duft seines Aftershaves – Citrus und etwas Holziges – vermischt sich mit dem Geruch des Raums und schafft eine eigene, intime Blase um uns beide.

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Der Abend wird zu einem einzigen, langen Werben. Ich bin die Jägerin, äh die Beute. Ich spreche, er hört zu. Ich lache, er lächelt Scheu. Ich lege meine Hand auf seinen Arm, um einen Punkt zu betonen, und spüre, wie seine Muskeln unter dem dünnen Stoff seines Hemdes hart werden. Er ist eine Statue, die mein drängendes Leben stoisch erträgt. Meine Freundinnen werfen mir Blicke zu, verwirrt, schnell entsetzt. Was will ich mit dieser Schlafmütze? Aber ich will ihn. Ich will seine Stille, sein Geheimnis, diese unergründliche Tiefe, die ich hinter seinen schönen Augen ahne. Ich will ihn meiner Mutter vorstellen, will ihn an meiner Seite haben, will das Rätsel lösen, das heißt Marcel Bramm.

Als die Party in den frühen Morgenstunden stirbt und die letzten Gäste in der Kälte schwanken, steht er endlich vor mir, um sich zu verabschieden. Er ist einer der Letzten. Er hat gewartet. Seine Schüchternheit scheint zu kämpfen, ringt mit einem Entschluss, den er in sich gefasst hat.

„Katharina?“, sagt er, und seine Stimme ist jetzt fester, obwohl seine Hände, die er tief in den Taschen vergraben hat, die Anspannung verraten.

„Ja, Marcel?“

„Ich... ich fand den Abend sehr schön. Mit dir.“ Er holt tief Luft, ein erschöpfter Schwimmer, der nach Luft ringt. „Könnten wir... vielleicht... morgen? Auf ein Eis? Oder so?“

Hinter mir höre ich Doreen kichern. Es ist ein hässliches, wissendes Geräusch, das sich in meine Zufriedenheit bohrt. Aber ich ignoriere es. Ich sehe nur ihn. Sein hochroter Kopf, der Mut, der ihn so viel kostet.

„Ja, gerne“, sage ich und meine es. „Morgen um 15 Uhr!“

Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Es ist nicht das halbe, verheißungsvolle Lächeln, das er immer trägt. Es ist ein echtes, ein Junge-Lächeln, das seine Augen zum Leuchten bringt und seine ganze Haltung verändert. Der süße Knackarsch in der perfekt sitzenden Hose ist vergessen. In diesem Moment sehe ich nur dieses Lächeln.

Als er geht, packt mich Doreen am Arm. Ihre Finger sind kalt und hart. „Was willst du denn mit dem?“, zischt sie, und ihre Stimme trieft vor Fassungslosigkeit. „OK, er sieht gut aus. Aber er hat ja wohl von Tuten und Blasen keine Ahnung!“

Ich grinse sie an, ein breites, raumgreifendes Grinsen, das keinen Zweifel zulässt. „Manchmal kann stille Wasser doch sehr tief sein!“

Doch Doreens Antwort wischt mein Grinsen fort. Sie schaut mir nicht länger fassungslos zu. Sie schaut mich ernst an. Ein Blick, den ich noch nie an ihr gesehen habe. Ein Blick, der mich erfrieren lässt.

„Also, ich kenne Marcel zwar nicht persönlich“, sagt sie langsam, jedes Wort abwägend, „aber ich habe schon ein paar Mal seinen Vater, den Herrn Bramm, zufälligerweise getroffen. Wenn der genauso drauf ist wie sein Vater, dann muss ich dir raten... Vergiss diesen Marcel. Und halte dich fern von ihm!“

Die Worte hängen einen Moment schwer in der kalten Morgenluft. Eifersucht? War sie eifersüchtig? Hatte sie selbst ein Auge auf ihn geworfen? Ich suche ihren Blick nach einer Bestätigung für diese Theorie, nach einem flackernden Neid. Aber ich finde nichts dergleichen. Nur diese ungewohnte, nackte Ernsthaftigkeit.

„Nun, wir werden sehen“, sage ich und zwinge ein Lächeln auf meine Lippen. Es fühlt sich dünn an, wie billiges Papier.

Da ist er wieder, der vertraute Schalk. Doreen grinst und zwinkert mir zu. Ein amüsiertes, geheimes Zwinkern. Und dann lachen wir, gleichzeitig, laut und erlöst, in den grauen Morgen hinein. Ein Lachen, das die Warnung unter sich begräbt. Ein Lachen, das mein eigenes Todesurteil besiegelt.

Der nächste Tag erwacht in einem satten, honigfarbenen Licht. Ein ideales Wetter für das Eis, für das Versprechen, das in der Luft liegt. Ich stehe vor meinem offenen Kleiderschrank und mein Herz trommelt einen wilden, ungeduldigen Rhythmus gegen meine Rippen. Meine Finger gleiten über die Bügel, suchen nach dem perfekten Outfit, der perfekten Rüstung für diesen ersten, richtigen Tag. Ich werde sexy sein, aber nicht billig. Süß, aber nicht freundlich. Unschuldig, aber mit dem Versprechen auf alles, was darunter liegt.

Ich entscheide mich für den Jeans-Minirock. Er ist kurz, aber nicht zu kurz, und er zeichnet meine Hüften auf eine Art nach, die ich mag. Darüber eine weiße Bluse, leicht, luftig, die meine 80 C perfekt zur Geltung bringt, ohne zu viel zu verraten. Ein dezentes Make-up, ein Hauch von Lipgloss. Die braunen, schulterlangen Haare, mein frecher Gesichtsausdruck. Ich bin bereit.

Als ich die Küche betrete, sieht mich meine Mutter an. Es ist ein langer, prüfender Blick, der mich von Kopf bis Fuß abtastet. Sie weiß es. Sie weiß, dass ich auf Wolke 7 schwebe, dass dieser Junge, von dem ich ihr erzählt habe, anders ist. Sie sagt nichts. Sie drückt mir nur einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand, ihre Finger, die sich kurz um meine schließen. Um ihren Mund spielt ein verschmitztes Lächeln, das so viel sagt: Ich war auch mal jung. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Seien Sie vorsichtig.

„Viel Spaß!“, sagt sie nur.

Die Eisdiele ist nicht weit. Ein kurzer Weg, jeder Schritt eine Vorfreude, die in meinem Bauch prickelt. Ich komme pünktlich um 15 Uhr an und sehe ihn von weitem. Er sitzt an einem der kleinen, runden Tische im Schatten eines Sonnenschirms, und er wartet. Er wartet auf mich. Das Bild lässt mich für einen kurzen Moment innehalten. Ähm ist so... posierlich. So unpassend in dieser schönen, alltäglichen Umgebung. Er wirkt wie ein junger Gott, der aus dem Versehen auf die Erde gefallen ist.

Ich richtete mich auf, schiebe meine Brust vor und lasse meine Hüften schwingen. Einen dezenten, aber bewussten Hüftschwung, den ich für ihn auflege, während ich schnurstracks auf ihn zugehe. Er sieht mich kommen. Seine haselnussbraunen Augen werden groß, sie verschlingen mein Erscheinungsbild mit einer Mischung aus Verzückung und reinem, ungläubigem Stolz. Er sieht den Minirock, die Bluse, die Beine, das Haar. Er sieht mich. Und für einen winzigen Moment vergisst er seine Schüchternheit. Sein Blick ist nicht mehr auf dem Boden. Er ist auf mir.

Ich bleibe direkt vor ihm stehen. Ohne nachzudenken, ohne zu zögern, beuge ich mich hinunter und drückt ihm einen Kuss auf die warme, leicht raue Haut seiner Wange. Es ist ein Besitzanspruch. Ein Siegel. Ein öffentliches Statement, dass ich ihn für mich reklamiere. Seine Haut wird unter meinen Lippen augenblicklich heiß. Die Röte, die gestern Abend ein Fleck war, ist jetzt ein Flächenbrand. Er weiß nicht, wohin mit seinen Händen, seinen Augen, seiner ganzen Existenz. Er fummelte an seiner Vintage-Uhr herum, das Lederband ein nutzloser Rettungsanker.

„Hi“, hauche ich, grinse ihn freudig an und setze mich direkt neben ihn. So nah, dass ich die Wärme seines Körpers spüren kann.

Der Nachmittag verläuft zäh. Er ist wie ein verschlossenes Buch, dessen Seiten ich nicht aufblättern kann. Ich rede, fülle die Stille mit meinen Geschichten, meinen Fragen, meinem Lachen. Er antwortet einsilbig, ein immerwährendes Schulterzucken und ein Scheues Abwenden des Blicks. Es ist langweilig. Es ist, als würde ich gegen einen Wand aus Schweigen und gutem Aussehen anrennen. Ich bin kurz davor, Doreens Worte von gestern Nacht ernster zu nehmen, als mir lieb ist.

Und dann passiert es.

Mitten in einem meiner Sätze, als ich gerade über einen Lehrer lästere, beugt er sich vor. Es ist so unerwartet, so plötzlich, dass meine Worte einfach sterben. Seine Lippen sind auf meinen. Es ist kein Kuss. Es ist ein Zusammenprall. Ein stümperhaftes, ungeschicktes Drücken von festem Fleisch auf weiches Fleisch. Seine Lippen sind trocken und ein wenig rau, und er verfehlt meinen Mundwinkel um ein paar Millimeter. Es ist schrecklich. Und es ist perfekt. Weil er es getan hat. Er hat sich bewegt. Er hat die Initiative übernommen. Er ist nicht nur eine schöne, leblose Statue. Er ist ein Mann, der etwas will, und er hat es sich genommen. Er wird langsam aktiver. Das stille Wasser zeigt endlich eine kleine, kräuselnde Bewegung an seiner Oberfläche.

Nach dem Eis, dem nach Vanille und kälterer Süße schmeckt, schlängern wir die Einkaufsmeile entlang. Wir halten Händchen. Seine Hand ist warm und schwitzig in meiner, aber ich halte sie fest. Die Sonne malt helle Flecken auf dem Asphalt, und die Welt riecht nach Sommer und gebrannten Mandeln. Es ist so schön. So unschuldig. Ich bin ein achtzehnjähriges Mädchen, das mit seinem Traumtypen Händchen hält. Ich ahne nichts. Ich bin blind. Ich sehe nicht, dass der Mann, dessen Daumen zärtlich über meine Handrücken streicht, nur ein Köder ist. Ein hübscher, schüchterner Köder, der mich in eine Falle führen soll, die viel tiefer und dunkler ist als alles, war meine naive Vorstellungskraft, die ich je hatte.

Ein Geräusch zerreißt die Idylle. Eine Stimme. Eine Männerstimme, die tief und sonor durch die Nachmittagsluft schneidet und mich im selben Moment erstarren und erschauern lässt. Sie ist wie ein Bass, der nicht nur meine Ohren, sondern auch meine Wirbelsäule erreicht und dort eine seltsame, wohlwollende Gänsehaut auslöst. Sie ist dominant, erotisch, und sie befiehlt, ohne laut zu sein.

„Marcel! Hey, ihr zwei, kommt doch mal her zu mir!“

Ich spüre, wie Marcel neben mir zusammenzuckt. Seine Hand, die eben noch warm und entspannt in meiner lag, wird zu einem kalten, harten Stück Stein. Seine ganze Körperhaltung sackt in sich zusammen, als hätte die Stimme alle Luft aus ihm herausgelassen.

„Oh Scheiße... mein Vater“, murmelt er. Es klingt nicht nach Überraschung. Es klingt nach blanker, nackter Furcht.

Er dreht sich um, und ich folge seinem Blick. An einem Tisch eines anderen Cafés, nur ein paar Meter entfernt, sitzt ein Mann. Er sitzt da wie ein König auf seinem Thron, in einem makellosen, anthrazitfarbenen Anzug, der an seinen Schultern perfekt ist. Neben ihm eine Frau, ebenso elegant, ebenso makellos. Seine Mutter. Aber mein Blick bleibt an ihm hängen. An dem Mann, der meinen Freund mit einer einzigen, lässigen Geste zu sich befiehlt. Steffen Bramm.

Zögerlich, wie ein geprügelter Hund, geht Marcel los. Er zieht mich an der Hand mit, und ich folge ihm. Meine Neugier ist größer als meine Vorsicht. Wir nähern uns dem Tisch, und mit jedem Schritt wird das Bild schärfer. Das nach hinten gegelte, kastanienbraune Haar, das ihm ein unverwechselbares Aussehen verleiht. Der akkurat gestutzte Dreitagebart, der seine starke Kieferpartie betont. Die durchdringenden blaugrauen Augen, die uns scannen, taxieren, sezieren. Und an seinem linken Handgelenk, lässig nach unten getragen, die Rolex Day-Date. Ein königliches Insigne an einem Körper, der trotz seines fortgeschrittenen Alters eine athletische, sportliche Figur erahnen lässt. Er ist die Version von Marcel, die in die Jahre gekommen ist, ohne an Macht zu verlieren. Ich bin das Gegenteil. Er hat jede Faser einer jugendlichen Unsicherheit in pure, unerschütterliche Dominanz verwandelt.

„Na, ihr zwei Turteltauben, was treibt ihr denn so Schönes?“, sagt er in einem süffisanten Unterton, als wir an seinem Tisch ankommen. Seine Stimme ist ein samtener Donner, der meine Gänsehaut zurückbringt.

„Mensch, Steffen, bring unseren Sohn doch nicht so in Verlegenheit“, sagt seine Mutter, Sabine, in einem tadelnden, aber liebevollen Ton. Sie ist schön, Adrett, mit einer Figur, die ich bewundere. Kein Gramm zu viel auf den Hüften. Sie sieht aus wie eine Trophäe. Aber meine Aufmerksamkeit gehört ihm.

Sein Blick ist auf mir. Er klebt an mir. Er gleitet von meinem Gesicht, über meinen Hals, über meine Bluse, wo er für eine unerträglich lange, heiße Sekunde verweilt, um dann weiter über meinen Minirock und meine Beine zu wandern. Er muss mich nicht bitten. Er zieht mich aus. Mit seinen Augen. Schicht für Schicht. Es ist ein Blick, der keine Fragen stellt und keine Erlaubnis einholt. Es ist ein Besitzanspruch, der meinen eigenen, den ich Marcel auf die Wange gedrückt habe, wie eine Kinderzeichnung aussehen lässt.

„Na, Marcel, willst du uns deine... hübsche Freundin nicht mal vorstellen?“ Das Wort „hübsch“ dehnt er, als würde er es auf die Zunge zergehen lassen, ein Genießer, der ein erlesenes Stück Fleisch probiert.

Marcel wird wieder rot. Er beginnt zu stottern, hilflos, gefangen. „Das... das... das ist Katharina. Meine Freundin. Katharina, das... das... sind meine Eltern.“ Es ist peinlich. Die Scham für ihn steigt in mir auf, eine heiße, unangenehme Welle.

Sein Vater steht auf. Die Bewegung ist fließend, kraftvoll, ohne jede Eile. Er ist groß. Größer als Marcel. Seine imposante Erscheinung lag vor mir auf und blockierte die Sonne. Er reicht mir seine Hand. Sie ist manikürt, perfekt, und an seinem Ringfinger blitzt ein goldener Siegelring auf. Sein Duft ist eine Mischung aus teurem Leder und Sandelholz, eine Wolke aus maskuliner Autorität.

„Katharina. Angenehm, Sie erfahren. Steffen Bramm.“ Seine Hand umschließt meine. Sie ist trocken und warm und fest. Ein Besitzanspruch, diesmal auf meiner Haut. „Und das ist meine Frau, Sabine Bramm.“

Ich reiche beide Art die Hand, ein wohlerzogenes Mädchen. „Angenehm. Katharina. Katharina Jäger.“

Ähm grinst mich an. Ein freches, wissendes Grinsen, das meine vorgetäuschte Artigkeit durchschaut und sich an ihr ergötzt. Es ist mir nicht unangenehm. Es ist... elektrisierend. Ein gefährliches Spiel, das er mit mir zu spielen beginnt.

„Setzt euch doch einen Augenblick zu uns!“, sagt er. Es ist keine Frage. Es ist eine Bestimmung. Sein Ton ist dominant, unnachgiebig und lässt keinen Raum für Widerspruch. Wieder diese Gänsehaut. Boah, was ist das für einen Mann.

Kaum hat er die Aufforderung ausgesprochen, zieht er mir auch schon galant einen Stuhl zurecht. Ein Gentleman, der seine Beute platziert. Marcel setzt sich nur widerwillig, ein schmollendes Kind, das zu den Erwachsenen an den Tisch gezwungen wird.

Kaum sitzen wir, plappert seine Mutter auch schon los. Ihre Neugier ist ein heller, scharfer Strahl, der auf uns gerichtet ist. „Na, ihr zwei, wie lange kennt ihr euch denn schon?“

Ich sehe, wie Marcel nach Luft schnappt, wie er den Mund öffnet, um etwas Falsches zu sagen, um die Wahrheit preiszugeben. Ich komme ihm zuvor. Ich ergreife das Wort, fest und ohne Zögern. „Wir kennen uns schon lange von der Schule. Wir sind in Parallelklassen.“ Die Lüge ist glatt und perfekt.

„...und wie lange seid ihr beide schon zusammen?“, fragt seine Mutter, die prompt die unangenehme Frage stellt.

Wieder wird Marcel antworten. Wieder schneide ich ihm das Wort ab. Ich schaue seiner Mutter direkt in die Augen und sage frech, schnell lapidar: „Seit zwei Monaten.“

Sein Vater muss grinsen. Es ist ein breites, amüsiertes Grinsen, das seine Augen erreicht und dort einen gefährlichen Glanz entfacht. Er hat es bemerkt. Er hat Marcs Reaktion gesehen. Er weiß, dass ich lüge. Und er genießt es.

„So, so“, sagt er, und sein Ton ist fast böse, als er seinen Sohn ansieht. „Und bis heute hat er uns nichts von seiner so... sexy Freundin erzählt!“ Das Wort „sexy“ tropft von seinen Lippen wie heißes Öl. Es ist ein Test. Ein Ausloten meiner Grenzen.

„Na, darauf muss angestoßen werden!“, sagt er und grinst. Er zwinkert dem Kellner zu, eine lässige, königliche Geste seines Siegelrings. „Luigi, bitte bring uns eine Flasche Sekt und vier Gläser!“

Der Kellner nickt, aber gerade als er gehen will, wendet sich Herr Bramm zu mir. Seine blaugrauen Augen bohren sich in meine. „Sie sind doch schon alt genug, um ein Glas Sekt mit uns zu trinken? Nicht wahr!“

Ich nicke. Ich werfe meine Haare zurück und sage kess, mit einem Stolz, der aus meinem neuen Alter kommt: „Ich bin vor zehn Tagen gerade achtzehn Jahre alt geworden!“

Seine Augen bekommen ganz glänzende, feuchte Lichter, als er das hört. Es ist, als würde ein Jäger das verletzte, schutzlose Reh entdecken. Es ist ein Blick der blanken, unverhohlenen Gier, der mich für eine Sekunde lang aus der Bahn wirft. Aber nur für eine Sekunde. Dann ist er wieder der charmante, perfekte Gastgeber.

Kurze Zeit später kommt der Kellner Luigi zurück und stellt einen Sektkübel mit einer Flasche hin. Herr Bramm entkorkt sie selbst, mit einem routinierten, schnell obszönen Knall, und gießt uns die Gläser voll. Die Perlen steigen auf, kleine, goldene Blasen, die in der Nachmittagssonne tanzen.

Meine Freundin Doreen sollte rechtbehalten. Marcel entpuppt sich mehr und mehr als eine echte Schlafmütze. Er sitzt fast die ganze Zeit nur stumm da, ein Fremdkörper in der Eleganz seiner eigenen Familie, während ich mich angeregt mit seinen Eltern unterhalte. Insbesondere mit seinem Vater. Wir stoßen an. Auf mein Alter. Auf die Schule. Auf das Leben. Ein Glas Sekt nach dem anderen, und mit jedem Glas leert sich mein Kopf und füllt sich mein Bauch mit einer warmen, prickelnden Leichtigkeit, die wachsende Kälte in Marcs Hand und die wachsende Hitze im Blick seines Vaters gnädig überdeckt. Ich sehe den Abgrund nicht, auf den ich zusteuere. Ich sehe nur das Funkeln des Sekts und das gefährliche, teuflische Funkeln in den Augen des Mannes, der mich schon jetzt als sein Eigentum betrachtet.

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