What's next?

Gegen zwei zum Kaffee

Der Weg vom Flur in die Küche fühlte sich an wie ein Gang über Glasscherben. Meine Knie zitterten noch von der starren Haltung auf dem Teppich, der schwere Zylinder schwang bei jedem Schritt träge zwischen meinen Oberschenkeln, und auf meinen Lippen brannte noch immer der Geschmack der vergangenen Minuten – salzig, feucht und unlösbar mit meiner eigenen Schande verknotet.

In der Küche roch es nach frischem Filterkaffee. Nadja saß am Holztisch, die Beine in einer seidigen Morgenrobe übereinandergeschlagen, eine dampfende Tasse in beiden Händen. Als wir eintraten, hob sie langsam den Blick. Ihre meerblauen Augen glitten mit amüsiertem Spott über mein nasses Gesicht, den schweren Stahlkäfig und die Art, wie ich mich mühsam an der Wand abstützte.

„Da ist er ja wieder“, bemerkte sie trocken, nahm einen Schluck und stellte die Tasse mit einem feinen Klirren auf die Untertasse. „Und, schmeckt der Sonntagmorgen?“

Ich schwieg, den Blick starr auf die Dielen gerichtet.

Loona füllte ein hohes Glas mit kaltem Leitungswasser und drückte es mir in die klamme Hand. Das Glas beschlug sofort.

„Trink“, sagte sie mit jener ruhigen, selbstverständlichen Fürsorge, die mich jedes Mal aufs Neue entwaffnete. „Nicht schlingen. Langsam.“

Das kalte Wasser lief wie eine Rettung durch meine ausgedörrte Kehle. Es spülte den bitteren Nachgeschmack hinab, kühlte das brennende Gefühl in meiner Brust und gab mir für den Bruchteil einer Sekunde die Illusion von Kontrolle zurück.

„Und jetzt mach dich nützlich“, fuhr Loona fort, während sie sich auf den freien Stuhl neben Nadja setzte und sich eine Scheibe Brot nahm. „Korb mit Brötchen auf den Tisch, Butter, die Marmelade aus dem Kühlschrank. Du weißt, wie wir es mögen.“

Ich stellte das leere Glas ab und bewegte mich mechanisch zwischen Kühlschrank und Tisch hin und her. Nackt, den kalten Zylinder vor mir herschiebend, deckte ich das Frühstück für die beiden Frauen ein, die mein Leben in den Händen hielten. Sie unterhielten sich leise über einen Track, den der DJ im KitKat gegen vier Uhr morgens gespielt hatte, lachten über eine Begegnung an der Garderobe und ließen sich von mir den Kaffee nachschenken, als wäre meine Anwesenheit nicht bemerkenswerter als das Summen des Toasters.

Gerade als ich die Butterdose abstellte, schnarrte ein schrilles, beharrliches Vibrieren durch den Raum.

Auf der Anrichte tanzte Loonas Smartphone über das helle Holz. Das Display leuchtete grell auf. Ein Name blinkte in fetten Lettern: **Mama**.

Schlagartig verstummte das Gespräch am Tisch. Nadja hielt die Kaffeetasse auf halbem Weg zum Mund an; Loonas Züge spannten sich mit der Präzision eines zuschnappenden Uhrwerks. Die schläfrige, verruchte Trägheit der Clubnacht wich binnen eines Wimpernschlags einer messerscharfen, kühlen Beherrschung.

Sie griff nach dem Telefon, strich über das Display und führte es ans Ohr.

„Guten Morgen, Mama“, sagte sie, und ihre Stimme klang mit einem Mal wie aus dem Ei gepellt – hell, wohlerzogen, voller familiärer Wärme.

Ein dumpfes, schnelles Reden drang aus dem Hörer, die unverkennbar forsche, melodische Stimme von Vanessa.

„Was? Heute schon?“, fragte Loona, und ihre Augen wanderten langsam zu mir hinüber, fixierten meine blasse Gestalt mit eiskalter Berechnung. „Ich dachte, deine Tagung geht bis heute Abend… Ach so, früher Feierabend… Ja, natürlich passt das. Wir sind ohnehin schon wach. John lernt gerade in seinem Zimmer fürs Physikum… Gegen zwei zum Kaffee? Perfekt. Wir freuen uns auf dich. Bis gleich.“

Sie legte auf. Das Display erlosch.

Für fünf Sekunden herrschte in der Küche eine Stille, in der man das Ticken der Wanduhr wie Hammerschläge hörte.

„Vier Stunden“, sagte Loona leise. Ihre Stimme war wieder die der unerbittlichen Regisseurin. „Sie ist auf dem Rückweg und steht um zwei Uhr vor der Tür. Und sie erwartet eine vorzeigbare Berliner Altbauwohnung, ihre wohlgeratene Tochter und ihren fleißigen Stiefsohn.“

Nadja stieß ein leises, amüsiertes Schnauben aus. „Das wird sportlich. Ich verzieh mich nachher zu mir, bevor die heile Familienwelt hier ausbricht.“

„Vorher hilfst du mir beim Aufräumen“, entgegnete Loona knapp. Dann wandte sie sich mir zu, packte mich am Kinn und zwang meinen Kopf nach oben. Ihre Fingernägel drückten sich schmerzhaft in meine Wangen.

„Hör mir jetzt ganz genau zu, John“, zischte sie. „Ab jetzt gilt höchste Alarmstufe. Du gehst sofort ins Bad. Du gehst unter die Dusche. Du schrubbst dir das Gesicht, den Hals, jede Pore deines Körpers ab. Ich will nicht ein einziges Molekül von gestern Nacht an dir riechen – weder von Nadja noch von mir. Aber dieser Zylinder…“ Ihre freie Hand schlug mit einem dumpfen, metallischen Klatschen gegen das Rohr zwischen meinen Beinen, sodass ein stechender Schmerz durch mein Becken schoss, „…bleibt versiegelt. Er bleibt bombenfest an Ort und Stelle.“

„Ja, Loona“, keuchte ich.

„Wenn du fertig bist, ziehst du die Chino an. Ein gebügeltes, weißes Hemd. Saubere Socken. Du wirst nachher am Kaffeetisch sitzen, du wirst Vanessa anlächeln, du wirst brav auf ihre Fragen zu Anatomie und Physiologie antworten und du wirst ohne Widerrede alles tun, was sie von dir verlangt. Wenn du auch nur eine Sekunde zögerst, humpelst oder den Verdacht erweckst, dass hier etwas nicht stimmt, sorge ich dafür, dass der Schlüssel für dieses Schloss für die nächsten drei Monate im Spreekanal landet. Hast du mich verstanden?“

„Ja… ich habe verstanden.“

„Abmarsch. Unter das Wasser mit dir.“

Ich stolperte ins Badezimmer, schloss die Tür hinter mir und stützte mich mit beiden Händen auf das Waschbecken. Im Spiegel starrte mir ein Fremder entgegen: tiefschattige Augen, geplatzte Äderchen, die Haut um den Mund noch immer gerötet und feucht.

Ich drehte die Duscharmatur auf. Dampf stieg auf, als das heiße Wasser gegen die Fliesen prasselte.

Ich trat in die Duschkabine. Die ersten Strahlen trafen meine Schultern, brannten auf den gereizten Striemen der Fesseln und spülten über meine Brust hinab. Doch sobald das heiße Wasser das massive Metall des Zylinders berührte, geschah etwas Widerwärtiges: Der dicke Stahl heizte sich unbarmherzig auf, dehnte sich minimal aus und presste das bereits wundgeriebene, empfindliche Fleisch im Inneren mit brennender Glut zusammen.

Ich griff nach der Seife, schäumte mich mit zitternden Händen von oben bis unten ein, rieb mir das Gesicht ab, bis die Haut brannte, wusch den bitteren Geschmack von meinen Lippen. Zentimeter für Zentimeter wusch ich die Spuren der Nacht fort, während das Gehäuse zwischen meinen Beinen wie ein glühender Stein lag.

Als ich das Wasser abstellte und aus der Duschkabine trat, lag auf dem Deckel der Toilette bereits ein Stapel frischer Kleidung bereit, den Loona hineingelegt haben musste: das gebügelte weiße Hemd, die dunkelblaue Chino – und ganz obenauf, feinsäuberlich ausgebreitet, das zarte, schwarze Spitzenhöschen aus der Boutique.

Noch während ich mit dem Handtuch erstarrte, ging die Badezimmertür einen Spalt breit auf. Loona lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Rahmen und sah mich unnachgiebig an.

„Zieh es an, John“, sagte sie kühl und deutete mit dem Kinn auf den Spitzenstoff. „Keine Widerrede. Das Höschen kommt direkt über den Stahl, bevor du in die Chino steigst. Du wirst jede Sekunde spüren, was du drunter trägst, während Mama am Kaffeetisch sitzt. Und wehe, du verziehst nachher eine Miene.“

Mit zitternden Fingern griff ich nach dem Hauch von Nichts. Das Material fühlte sich kühl und obszön filigran an, als ich hineinstieg und es vorsichtig nach oben zog. Der schmale Bund schnitt tief in die Hüftknochen, während sich das elastische Mesh straff und durchscheinend über die unnachgiebige Röhre aus Chirurgenstahl spannte.

Danach schlüpfte ich in die Chino. Es war eine Tortur: Der feste Baumwollstoff presste den Spitzenbund und den oberen Ring des Zylinders mit brachialer Härte gegen mein Schambein. Das kleine Vorhängeschloss lag wie ein Fremdkörper flach gegen die Innenseite des Oberschenkels gedrückt.

Jede noch so kleine Beugung, jeder normale Schritt schnitt wie ein Messer in meine Leiste. Ich musste mich zwingen, gerade zu stehen, die Schultern zurückzunehmen und den Schmerz hinter einer reglosen Maske zu ersticken.

Als ich das Hemd zuknöpfte und in die Küche zurückkehrte, war der Esstisch bereits abgeräumt. Der Duft von Katerfrühstück war verschwunden, ersetzt durch den stechenden Geruch von Glasreiniger und Politur.

Loona, inzwischen in einer makellosen, hochgeschlossenen Bluse und dunklen Jeans, musterte mich von Kopf bis Fuß. Sie trat heran, strich den Kragen meines Hemdes glatt und klopfte mir mit der flachen Hand auf die Wange – fest, warnend, unbarmherzig.

„Sehr schön, John“, flüsterte sie mit einem Lächeln, das mich das Fürchten lehrte. „Ein richtiger Vorzeige-Mediziner. Vanessa wird begeistert sein. Und jetzt: Staubsauger holen. Die Uhr tickt.“

Die folgenden zwei Stunden waren ein mechanischer Albtraum im Zeitraffer.

Während Nadja ihre Sachen packte, sich noch einen schnellen Espresso einschenkte und sich mit einem vielsagenden, spöttischen Zwinkern in Richtung meiner starren Hose verabschiedete, verwandelten Loona und ich die Altbauwohnung in ein klinisch reines Musterbeispiel bürgerlicher Wohlanständigkeit. Jede leere Flasche, jedes Schnapsglas, jeder verirrte Aschenbecher verschwand in dunklen Müllsäcken, die ich im Treppenhaus nach unten wuchten musste.

Jede Treppenstufe war eine eigene Lektion in Selbstbeherrschung. Der feste Chino-Stoff rieb unbarmherzig über die Kanten des Zylinders, und das schwere kleine Vorhängeschloss klackte bei jedem zweiten Schritt dumpf gegen die Innenseite meines Oberschenkels. Ich musste mich zwingen, flüssig zu gehen, nicht ins Humpeln zu geraten, den Rücken gerade zu halten – getrieben von der panischen Gewissheit, dass Loona vom oberen Treppenabsatz aus jede meiner Bewegungen überwachte.

Um Punkt halb zwei war das Chaos der Nacht getilgt. Die Fenster standen auf Kipp, frische Berliner Spätsommerluft hatte den süßlichen Dunst aus Make-up, Schweiß und Alkohol vertrieben. Auf dem Couchtisch im Wohnzimmer lag kein zerwühltes Arsenal aus Puderdosen mehr, sondern eine weiße Porzellankanne, zarte Kuchenteller und eine Schale mit Mandelgebäck, das ich noch im Laufschritt beim Bäcker um die Ecke besorgt hatte. Auf meinem Schreibtisch im Nebenzimmer lagen demonstrativ aufgeschlagene Anatomie-Atlanten und handschriftliche Karteikarten zum Nervensystem.

„Komm her“, befahl Loona leise, als der Zeiger der Wanduhr auf zehn vor zwei sprang.

Sie stand im Wohnzimmer vor dem Spiegel, frisch frisiert, dezent geschminkt, das Lächeln einer unbescholtenen Studentin bereits perfekt einstudiert. Ich trat vor sie. Meine Hände waren eiskalt, mein Puls raste, und unter dem weißen Hemd klebte mir der kalte Angstschweiß auf den Rippen.

Loona trat dicht an mich heran, griff mit beiden Händen an mein Revers und zog mich ein Stück nach unten. Mit der rechten Hand fuhr sie scheinbar beiläufig an meinem Bauch hinab, drückte ihren Daumen durch den dicken Hosenstoff genau auf den oberen Ring des Stahlzylinders und übte gezielten Druck aus.

Der Schmerz schoss wie eine Nadel in mein Schambein. Mein Kiefer krampfte, doch ich unterdrückte jeden Laut.

„Sehr brav“, flüsterte sie, ohne den Druck zu lockern. „Du spürst genau, wer hier die Fäden zieht, John. Vanessa liebt es, wenn du ihr von der Universität erzählst. Du wirst ihr antworten. Du wirst lächeln. Du wirst ihr den Kaffee einschenken, ohne dass die Tasse klappert. Und wenn du sitzt, sitzt du aufrecht. Kein unruhiges Hin- und Herrutschen, nur weil der Stahl dir das Fleisch abquetscht.“

Sie ließ das Metall los, klopfte mir die Schulter ab und trat einen Schritt zurück.

„Wenn sie etwas merkt… wenn du auch nur eine Sekunde aus der Rolle fällst, schwöre ich dir, dass die letzte Nacht ein Spaziergang gegen das war, was dich heute Abend erwartet.“

In genau diesem Moment ertönte das schrille, zweifache Summen der Gegensprechanlage im Flur.

Das Geräusch fuhr mir wie ein elektrischer Schlag durch die Glieder.

Loona warf mir einen letzten, messerscharfen Blick zu, drehte sich auf dem Absatz um und ging mit federnden Schritten zur Sprechanlage. Sie drückte den Summer, stieß den Hörer zurück in die Halterung und öffnete die schwere Wohnungstür zum Treppenhaus.

Schon von unten hörte man das energische, vertraute Klacken eleganter Absätze auf den Steinstufen, begleitet von einem raschelnden Mantel und dem leisen Klingeln schwerer Armreifen.

„Loona, Liebling!“, erklang Vanessas volle, melodische Stimme aus dem Treppenhaus, hallend und ungeduldig. „Macht mir bloß die Tür auf, diese Berliner Parkplatzsituation bringt mich noch ins Grab!“

Loona lehnte sich mit einem gewinnenden Lächeln an den Türrahmen. „Wir sind bereit, Mama! Komm hoch!“

Ich stand wie festgewurzelt mitten im Flur, die Arme an den Seiten angelegt, die Finger krampfhaft gestreckt. Mein Atem ging flach, das Herz pochte mir bis zum Kehlkopf, während die Schritte Stufe für Stufe näher rückten – und mit ihnen die Frau, vor deren scharfen Augen ich in den nächsten Stunden mein gesamtes, in Ketten gelegtes Doppelleben verbergen musste.

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