Chapter 5
What's next?
Florian und das Video
Ich druckste herum, bis ich den Mut fand auszusprechen, weshalb ich Annas Eltern aufgesucht hatte.
"Frau von Stein, es ist eine ziemlich unangenehme Sache, über die ich mit Ihnen reden möchte. Es ist so: Mia, das heißt: meine Tochter Emilia, kam heute heulend nach Hause und war völlig aufgelöst. Schließlich hat sie mir unter Tränen erzählt, dass sie von Ihrer Tochter Anna in der Schule gemobbt wird. Und was Anna ihr heute angetan hat, bringt das Fass zum Überlaufen. Sie hat Mia vor der ganzen Klasse das Shirt und den BH hochgezogen, so dass jeder Mias nackte Brüste sehen konnte!"
Ich hätte erwartet, dass Sophia von Stein nun ihre Tochter zur Rede stellen würde, um zu erfahren, was an dieser Geschichte dran war. Natürlich würde diese alles leugnen. Darauf war ich vorbereitet und würde bis aufs Blut mit ihr streiten. Was aber tatsächlich geschah, machte mich fassungslos. Es war nämlich: nichts. Sophia schlug ihre Beine übereinander, lehnte sich auf ihrem Sessel zurück, schwieg und sah mich ausdruckslos an. Ich war sprachlos und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Die völlige Abwesenheit eines Streits oder zumindest eines Ableugnens hatte mir komplett den Wind aus den Segeln genommen. Minuten vergingen.
Dann betrat ein Mann das Wohnzimmer. Ich schätzte ihn auf Anfang fünfzig. Schwarze, an den Schläfen graumelierte Haare. Kantiges Kinn und ein strenger Zug um die Mundwinkel. Anzughose, hellblau-weiß gestreiftes Business-Hemd, an dem die obersten zwei Knöpfe offen standen und die Manschetten an den Ärmeln hochgekrempelt waren. Er grüßte mich knapp und setzte sich mir gegenüber.
Frau von Stein wandte sich an ihn. "Florian, das ist Frau Huber, die Mutter einer Klassenkameradin von Anna. Sie behauptet, dass Anna ihre Tochter gemobbt hätte."
Florian von Stein legte die Fingerspitzen seiner Hände aneinander und sah mich darüber hinweg ernst an. "Das ist eine gravierende Anschuldigung, Frau Huber. Ich nehme an, Sie sind sich bewusst, welch negative Auswirkungen dies auf die Zukunftsaussichten unserer Tochter haben könnte, wenn die Vorwürfe zutreffen würden. Wenn es sich allerdings um falsche Beschuldigungen handeln sollte, hätten Sie selbst Konsequenzen zu tragen, ebenso wie Ihre Tochter, die ja bereits volljährig ist und somit für all ihre Handlungen voll zur Rechenschaft gezogen werden kann. Ich hoffe, Sie haben Beweise für Ihre Behauptung."
Betreten sah ich mein Gegenüber an. Mit sowas hatte ich nicht gerechnet. Auch wenn Mia schon 18 war und Anna, die Sitzenbleiberin noch älter sein musste, so dass beide für sich selbst eintreten konnten, hatte ich gehofft, ein vernünftiges Gespräch von Eltern zu Eltern führen zu können. Beweise hatte ich selbstverständlich keine, außer Mias Wort. Aber nein, so leicht würde ich mich nicht geschlagen geben. Trotz stieg in mir auf. Von solch einem geschwollenen Gequatsche würde ich mich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Mia würde mich nie anlügen. Wenn sie sagte, dass Anna sie gemobbt hatte, dann gab es für mich keinen Zweifel daran. Beweise hin oder her. Bissig fauchte ich: "Ich habe das Wort meiner Mia. Wagen Sie nicht, ihre Ehrlichkeit anzuzweifeln. Fragen sie doch mal Ihre Tochter, was vorgefallen ist. Am besten jetzt gleich."
"Nein, keine Sorge, ich würde nie die Glaubwürdigkeit ihrer Tochter in Abrede stellen." Er hob bei diesen Worten abwehrend die Hände. Aber der ironische Unterton in seiner Stimme sagte mit allzu deutlich, dass seine defensive Haltung nur gespielt war und er etwas im Schilde führte. "Ich glaube Ihnen. Und unsere Tochter Anna hat uns selbstverständlich längst davon erzählt. Aber schauen wir uns doch einmal gemeinsam die Fakten an."
Ich war verwirrt, weil ich nicht ahnte, was er damit sagen wollte. Er hob eine Fernbedienung vom Couchtisch auf, drückte ein paar Knöpfe und der Bildschirm erwachte zum Leben. Überlebensgroß erschien Mias Gesicht darauf. Ich schlug mir die Hände vor den Mund, als mir bewusst wurde, was die Aufnahme zeigte. Es war genau die Szene, weswegen Mia so aufgelöst war und wegen der ich hierher kam.
Das Video war vermutlich mit einem Handy aufgenommen worden, verwackelt und schrecklich unprofessionell. Die Bilder waren aber überraschend scharf und konnten nicht fehlinterpretiert werden.
Die einzige Person, die man eindeutig erkennen konnte, war meine Tochter. Von allen anderen war das Gesicht abgeschnitten oder sie waren nur in der Rückansicht zu sehen. Aber ein deutlich größeres und stärkeres Mädchen hielt sie von hinten fest. Natürlich konnte das nur Anna sein. Jedenfalls erkannte ich eindeutig ihre Stimme, als sie sagte: "Wir haben gehört, dass du sogar als Erwachsene noch Kinderunterwäsche trägst. Inzwischen sind wir alle so neugierig, dass wir einfach herausfinden müssen, was an dem Gerücht dran ist."
Ich wusste, was jetzt folgen würde. Dennoch verschlug es mir den Atem, als ich mit ansehen musste, wie die Größere meiner Mia einfach das Shirt hochzog und ihren BH enthüllte. Ich konnte im Gesicht meines armen Mädchens lesen, was das laute Lachen der Umstehenden, das aus den Lautsprechern dröhnte, mit ihr machte. **** versuchte sie, sich aus dem Klammergriff zu befreien. Und zu meiner tiefen Verzweiflung wusste ich schon, dass es noch schlimmer kommen würde.
"Da wird aus Hello Kitty wohl Hello Titty!" und "Das ist doch ein super Spitznamen für die kleine Mia, Hello Titty." Zwei mir unbekannte junge Männer waren zu hören. Und dann ein vielstimmiger Chor, der einen "Hello Titti!"-Singsang immer und immer wiederholte. Die Kamera zeigte Mias tränenüberströmtes Gesicht in Großaufnahme. Dann tauchte am unteren Bildrand Mias BH auf, der nach oben gezogen wurde. Gejohle und Pfiffe ertönten. Die Kamera schwenkte nach unten ...
What's next?
Die Mobberin meiner Tochter
Was tut eine Mutter, damit ihr Tochter nicht mehr gemobbt wird?
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