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Chapter 11
by
Mercadus
noch ne Runde?
Erkenntnis
Niklas zieht den Vorhang zur Seite. Kein großes Theater. Nur genug, um den Raum wieder zusammenzufügen.
Für einen Sekundenbruchteil passiert nichts. Dann dieses kurze Innehalten – das kaum messbare Zögern, wenn zwei Menschen merken, dass sie sich nicht zum ersten Mal sehen.
Billy grinst schief. Nicht breit. Nicht frech. Eher so, als würde er sich selbst dabei ertappen. Er reibt sich mit dem Handrücken über die Lippen, leckt mit der Zunge, seine Augen glasig, räuspert sich und reibt sich die Halsmuskulatur, eine Geste, die mehr verrät als Worte.
Jeremias starrt. Die Bestätigung.
Der Mindfuck bekommt ein Gesicht. Einen Körper. Genau den, den sein Kopf eben noch zusammengesetzt hat aus Erinnerung, Bewegung, Gefühl. In dem Mund ist er gerade explodiert, bis zum letzten Tropfen, bis zum Ende. Wie schon einmal.
Niklas sieht es sofort. Er hat ein Auge für Übergänge, für diese winzigen Risse im Ablauf. Sein Blick springt von einem zum anderen, bleibt einen Tick zu lang hängen.
„Ihr kennt euch“, sagt er. Keine Frage. Jeremias schluckt. „Einmal“, sagt er knapp. „Einkaufszentrum.“
Mehr braucht es nicht. Billy hebt kurz die Augenbrauen. Zustimmung ohne Kommentar.
Niklas lehnt sich zurück, verschränkt die Arme. Er kennt Billys Revier. Die Art, wie er sich bewegt, wie er Typen findet. Hippe Läden. Rolltreppen. Umkleiden. Jungs wie Jeremias, wie Mehmet. Beobachten. Abwarten. Nähe herstellen, ohne sie zu erzwingen. Möglichkeiten offenhalten. Präsenz anbieten. Geduld als Werkzeug. Jungs mit dicken pubertierenden Eiern, immer auf Anschlag, immer schnell mal den Druck ablassen müssen.
Posen in der Umkleide vorm Spiegel, flexen, drehen. Toilettenkabinen, die Baggy an den Knöcheln, Beine ausgestreckt, das Handy in der einen Hand und mit der anderen den Muskel entspannen, egal wie der Ausgang ist. Erwischen, Erschrecken und Abhauen einkalkuliert, oder das Ausprobieren, das Fremde, das versaute Spiel - und dafür ist er dann da. Anonym unter der Kabine auf dem kalten Fliesenboden oder etwas gewagter durch das Loch in der Wand. Aber diese Kabinen mit Gloryhole sind schneller, mit Garantie. Dort sind die Jungs eher bereit, vorbereitet, neugierig. Wissen um was es gehen kann. Nur die alten Typen verschrecken die meist, deshalb braucht es Vorbereitung. Blicke bzw Signale, schon vorher in den Umkleideräumen im Vorbeilaufen mustern und aussortieren. Hinterhergehen oder folgen lassen.
Wie der dicke rotblonde Junge, mit der Baseball Cap neulich. Der die Signale sofort verstand. Drüben auf der anderen Seite in der Kabine stand, an die Kacheln gelehnt, sein Shirt unterm Kinn und die Trainingshose halb nach unten gezogen. Immer wieder zu dem Loch in der Wand gelinst, wie zufällig. So getan hatte, als würde er in die Schüssel pissen. Nur darauf gewartet, daß Billy da ist. Und wie er da war. Die Zunge ans Loch gelegt und los ging's. Der Teenager seinen dicken Bauch und das Pickelgesicht und die Hände gegen die Wand gedrückt, um seinen kurzen Penis so weit wie irgend möglich in die Öffnung zu stanzen. Auf Fußspitzen, die Arschbacken zusammen, die Fingerspitzen mit Saugnäpfen, flach - ein Frosch auf einem glatten Brett. Bereit zum Ablaichen, bereit seinen Boysaft loszuwerden.
Niklas sucht etwas anderes.
Sein Blick wandert, weg von Billy, zurück zu Jeremias. Zu diesem Körper, der noch immer leicht unter Strom steht, der Nachhall in jeder Haltung. Er denkt an Spielfelder. An Flutlicht. An das kurze Aufbäumen vor dem Anpfiff. An Wut, wenn etwas misslingt. An Euphorie nach einem gehaltenen Ball. An Erschöpfung, die ehrlich ist.
Er denkt an Trikots, die am Ende getauscht werden. An Umkleiden voller Lärm, Schweiß, Lachen, Stille dazwischen. An diese Sekunden, in denen Masken fallen, ohne dass es jemand merkt.
Dort findet er sie. Dort sortiert er. Dort erkennt er Kostbarkeiten.
Jeremias Pohuber ist so eine.
Niklas sagt nichts davon laut. Er muss es nicht. Sein Blick reicht. Ruhig. Einschätzend. Besitzergreifend, ohne Anspruch zu erheben. Martin und Jens haben es auch erkannt.
Billy steht locker da, grinst immer noch, die kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen macht ihn zum Schlitzohr. Er weiß, wann er Teil des Spiels ist – und wann nur Randfigur, er folgt Niklas.
Jeremias sitzt still, das Herz noch schnell, der Kopf endlich klarer. Er weiß jetzt, dass nichts hier Zufall war, begreift es nicht auf einen Schlag. Es sickert ein.
Nicht das Studio, nicht die Kameras – der Raum dahinter. Die zweite Ebene. Das, was man nur sieht, wenn man lange genug still bleibt. Er erkennt die Verbindung zwischen Niklas und Billy nicht als Geheimnis, sondern als System. Ein Netz aus Wegen, aus Vertrauen, aus klaren Regeln. Die Typen kommen hierher, um **abzuladen**. Um sich zu sortieren. Um an Grenzen zu stoßen, ohne etwas erklären zu müssen.
Mehmet. Wanja. Andere, die er nicht kennt.
Die Geräte stehen nicht zufällig. Die Bank nicht aus Spielerei. Alles hier ist gebaut, um den Körper ernst zu nehmen. Um ihn zu führen, zu benutzen. Ausgeklügelt. Präzise. Ein guter Ort für Jungs, die sonst immer funktionieren.
In der Ecke liegt der gelbe Sneaker. Einfach liegen gelassen. Jeremias’ Blick bleibt daran hängen. Blitzschnell ist die Erinnerung da, roh und privat, ein innerer Kick, den er niemandem erklären müsste. Der Geruch dieser Duft. Er schluckt. Lässt es bei sich.
Niklas tritt näher und löst die Gurte. Erst die Handgelenke, dann die Knöchel. Das Leder gleitet weg, ohne Widerstand. Keine Geste des Endes, eine Einladung zur Entscheidung.
Jeremias bleibt sitzen.
Er steht nicht auf. Er zieht sich nicht zurück. Er hebt den Blick. Sieht den jungen Boy, denkt für einen Moment an einen jungen Hund.
Billy kniet vor ihm, locker, nicht unterwürfig. Die Haltung ist ruhig, respektvoll, als würde er warten, bis jemand spricht. Oder nickt. Sein schiefes Grinsen ist verschwunden. Jetzt ist da nur Aufmerksamkeit.
Der Raum still.
Niklas beobachtet das alles aus der Distanz eines Sportreporters, der weiß, wann er da sein muss. Er lässt Möglichkeiten stehen, unbearbeitet, roh.
Jeremias spürt das Gewicht dieser Sekunde. Nicht Druck, eher die Tiefe. Er atmet aus. Langsam. Möglichkeiten.
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Updated on Jan 5, 2026
by Mercadus
Created on Apr 15, 2025
by RevenX
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