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Chapter 2
by
Daemony
Was will der Fremde?
Ein Mysterium aufklären
Pastorin Jasmin Graumann, welche erst jüngst in dieses Amt berufen worden war und noch die Unsicherheit der ersten Wochen in sich trug, verharrte einen Augenblick, erfüllt von Sorge. Denn vor ihr stand derselbe Mann, welcher ihr bereits im Gottesdienst aufgefallen war, da er sie ohne Regung und ohne sichtbares Blinzeln betrachtet hatte, als suche er in ihrer Predigt nicht das Wort, sondern das Wesen hinter dem Wort.
Diesmal jedoch war er nicht verborgen in der Menge, sondern stand allein vor ihr, in schwarzem Mantel, der seine Gestalt umhüllte, als ob er nicht erkannt werden wolle.
„Guten Morgen, Frau Pastorin Graumann“, sprach er dermaßen gleichmäßig, als sei jedes der Worte unzählige Male zuvor eingeübt worden, um keinen Fehler zu begehen.
„Wer sind Sie?“, fragte sie, nachdem sie sich einigermaßen wieder gefasst hatte. Ihre Stimme klang fester, als sie sich selbst in diesem Augenblick fühlte.
Er neigte leicht den Kopf zu einem stummen Gruß.
„Matthias Kordt ist mein Name.“
Er betonte den Namen derart, als genüge dieser allein, um seine ganze Geschichte zu erzählen.
Einen Augenblick schwieg er daraufhin und betrachtete sein Gegenüber, als erwarte er nicht Antwort, sondern Erkenntnis.
„Ich bin gekommen, ohne mich bei Ihnen anzukündigen, wie es eigentlich unter Menschen Brauch ist“, fuhr er sodann fort, „denn ich war mir nicht gewiss, ob man mir Gehör schenken würde, wenn man im Vorab wüsste, was mein Anliegen ist.“
Jasmin verschränkte die Hände vor ihrem Bauch, um zu verhindern, dass ihr innerer Aufruhr sich durch allzu fahrige Gesten nach außen offenbare.
„Und was konkret führt Sie hierher?“
Da trat ein Lächeln auf sein Gesicht, welches weder freundlich noch belustigt war, sondern vielmehr von jener Art, die etwas verbirgt.
„Ich beschäftige mich mit den pastoralen Gemeinden dieser Region“, sprach er, „mit ihren Übergängen, ihren Bräuchen und jenen stillen Geheimnissen, die sich nicht in den Kirchenbüchern finden, wohl aber in den Menschen.“
Jasmin runzelte die Stirn.
„Geheimnisse?“
„So nenne ich es“, erwiderte er ruhig, „wenn eine Gemeinde ein Wissen von Generation zu Generation weiterträgt, das nirgends schriftlich niedergelegt ist.“
Ein kalter Windstoß fuhr durch den Flur, als habe das Haus selbst auf diese Worte reagiert. Jasmin fröstelte, nicht nur von der äußeren Kälte.
„Und was geht mich das an?“, fragte sie nun mit wachsender Unruhe.
Matthias Kordt sah sie an in einer Weise, die mehr zu erkennen vorgab, als sich dem Auge offenbarte.
„Weil Sie die neue Pastorin dieser Gemeinde sind. Und weil vor Ihnen andere in diesem Amte wirkten, welche glaubten, sie seien dazu berufen und im Glauben gefestigt. Alle – sie alle mussten erkennen, dass sie irrten.“
Schweigen trat ein, das schwerer wog als Worte.
Jasmin spürte, wie sich etwas in ihr regte: ein seltsames, unerwartetes Interesse an diesem merkwürdigen Mann.
„Wollen Sie hereinkommen und mir alles erzählen, was Sie über diese Sache wissen?“
Er trat einen Schritt näher, und Jasmin schien es, als habe sich die Entfernung zwischen ihnen vollständig aufgelöst.
„Auch ich weiß längst nicht alles. Zunächst muss ich verstehen, ob sich die Geschichte endlos wiederholt“, raunte er so leise, dass nur sie es hören konnte, „oder ob sie eines Tages an einen Punkt kommt, wo sie innehält.“
Dann senkte er für einen Augenblick das Haupt, als müsse er sich sammeln, bevor er die Schwelle zu ihrem Haus übertrat.
„Und weil ich zu prüfen habe, ob Sie der Beginn einer neuen Ordnung sind – oder nur ein weiteres Glied in einer uralten Kette.“
Alsdann schwieg er.
Noch hätte Jasmin ihn zurückweisen und die Tür schließen können.
Doch stand sie da, zerrissen zwischen der erwachenden Neugier und der vorsichtigen Vernunft.
Wie sollte sie entscheiden?

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