Geht er mit ihr?

Die Entscheidung wird ihm abgenommen

Chapter 9 by gruetze

Bevor er antworten konnte, unterbrach ein sanftes, aber bestimmtes Signal das Gespräch. Maya war zurückgekehrt und beobachtete die Szene mit einem kleinen, wissenden Lächeln. „Die erste Runde der Aperitifs ist bereit, meine Liebe“, sagte sie mit einer Stimme, die wie ein Wecker in Julius Realität funktionierte. Die Frau in Violett zog ihre Hand langsam zurück, doch ihr Blick blieb noch einen Moment lang auf Julius haften, als hätte sie bereits ein unsichtbares Band um ihn gelegt. „Wir sprechen uns später,“, sagte sie leise, während sie sich langsam vom Tresen abhob. „Ich bin mir sicher, dass du die richtige Entscheidung treffen wirst.“
Sobald die Frau außer Hörreichweite war, schob Maya sich neben Julius. Ihr Tonfall war nun nicht mehr spöttisch oder spielerisch, sondern fast schon schwesterlich fürsorglich. „Atme tief durch, kleiner“, flüsterte sie und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Ich weiß, dass sich das hier schnell wie ein Sturz ins Leere anfühlen kann. Aber hör mir zu: Du musst hier auf absolut nichts eingehen, was dir nicht passt. Niemand zwingt dich zu etwas, das über deine Grenze geht.“
Sie machte eine kurze Pause und sah ihm fest in die Augen, um sicherzustellen, dass er sie wirklich verstand. „Aber“, fügte sie mit einem kleinen Funkeln in den Augen hinzu, „du darfst auf alles eingehen, was dir angeboten wird. Wenn dich die Idee reizt, wenn das Kribbeln in deinen Beinen stärker ist als die Angst – dann geh danach. Das Schöne an diesem Ort ist die totale Diskretion. Alles, was hier hinter diesen schweren Türen passiert, bleibt hier. Es gibt keine Urteile, keine Protokolle und keine Konsequenzen, die dein Leben außerhalb dieser Mauern beeinflussen würden.“
Julius starrte auf die polierte Oberfläche der Bar, in der sich sein eigenes, sichtlich überfordertes Gesicht spiegelte. Die Worte „alles bleibt hier“ wirkten wie ein Schlüssel zu einem Raum in seinem Kopf. Die Anonymität, die Maya ihm versprach, war verlockend. In der Universität war er der schüchterne Julius, der in der hintersten Reihe saß und hoffte, nicht angesprochen zu werden. Aber hier fühlte er sich plötzlich wie ein Teil eines geheimen Clubs.
Er spürte, wie sich seine Schultern lockerten, obwohl sein Herz immer noch wild gegen seine Rippen schlug. Das Gefühl der Auslieferung, das ihn eben noch erschreckt hatte, verwandelte sich langsam in eine Form von Freiheit. Wenn er hier nicht Julius war, sondern eine Projektionsfläche für die Wünsche anderer, dann konnte er Dinge ausprobieren, die er sich im Alltag niemals zutrauen würde.
Die Stunden verschwammen zu einem Rausch aus gedämpftem Licht und dem stetigen Rauschen tiefer Stimmen. Gelegentlich wurde er von einem Gast angesprochen, ein kurzes „Entschuldigung“ oder ein forderndes Nicken in seine Richtung, doch die Worte drangen nur wie aus einer Entfernung in sein Bewusstsein. Er reagierte mechanisch, reichte ein Glas oder tauschte eine Ascher aus, während sein Geist damit beschäftigt war, die surrealen Eindrücke des Abends zu verarbeiten.
Zwischen den Stationen seines Services suchte sein Blick immer wieder die anderen Angestellten. Er sah, wie die professionelle Distanz zu den Gästen in diesen geschützten Winkeln des *L’Éclipse* plötzlich aufbrach. Hier, im Halbschatten der schweren Vorhänge, gab es keine strikte Trennung mehr zwischen Bedienen und Bedient werden. Er sah, wie eine Hand an einer Taille blieb, wie ein Flüstern in ein Ohr überging und wie die Luft zwischen den Menschen regelrecht vibrierte.
Sein Blick wanderte über die Bar hinweg zu einer der diskreten Nischen, in der er Maya fand. Sie war nicht allein. Die fremde Frau, die Julius vorher angesprochen hatte, hatte Maya ihre Hand um die Hüfte gelegt. Als er das nächste mal rüber blickte, war daraus ein fordernder Kuss, der die Zeit für einen Moment stillstehen ließ, geworden. Maya schloss die Augen, ihre Finger vergruben sich in den Haaren der Frau, und für einige Sekunden schien die gesamte Welt für Julius nur noch aus diesem einzigen Punkt der Leidenschaft zu bestehen.

In dem Moment, als sich ihre Lippen langsam voneinander lösten, geschah etwas, das Julius Herz fast zum Stillstand brachte. Beide Frauen öffneten die Augen und blickten direkt zu ihm. Es war kein Zufall, sondern ein bewusster Akt der Beobachtung. Sie sahen ihn an – den zierlichen Jungen in seiner schwarzen Uniform, der mit staunenden Augen und Atemlosigkeit Zeuge ihres Moments geworden war.

Start your own immersive adult AI roleplay story
Ad

Schaut er weiter hin?

Back Start Over View Story Map

0 comments