Schaut er weiter hin?
Ja
Maya lächelte nicht; ihr Blick war intensiv und fordernd. Die fremde Frau musterte ihn mit einer neugierigen, fast wertschätzenden Miene. Julius spürte, wie die Wärme seines Gesichts bis in die Haarspitzen stieg. Er fühlte sich ertappt, aber gleichzeitig spürte er eine plötzliche, gewaltige Sogwirkung. Die Schwelle, die er heute Abend beim betreten des Hauses überschritten hatte, war nicht nur eine physische, sondern eine Schwelle zu einer Welt, in der Regeln nur dazu dienten, überholt zu werden. Und er wollte wissen, wie es weiterging.
Die Blicke der beiden Frauen lösten sich nur für einen winzigen Sekundenbruchteil von ihm, nur um sich in einem neuen, noch fordernden Kuss zu verlieren. Es war eine bewusste Zurschaustellung, eine Inszenierung der Lust, die ihr Ziel nicht verfehlte. In diesem Moment schien der Edelstahlkäfig in seinem Schritt plötzlich unsagbar eng zu werden; der kalte Stahl drückte mit einer Intensität gegen seine Haut, die fast schon schmerzhaft war, doch es war ein Schmerz, der ihn hellwach und lebendig fühlen ließ. Er stand wie erstarrt da, das weiße Tuch in seiner Hand vergessen, während sein Atem in kurzen, stoßweisen Atemzügen aus seiner Brust drängte.
Als er schließlich die Sinne wiedergewann und seinen Blick leicht zur Seite schwenkt, bemerkt er, dass er nicht der einzige Beobachter dieses Intim Moments war. Ein paar Schritte entfernt, halb im Schatten einer schweren Samtvorhang-Falte, stand der Mann – der Ehemann der Frau in Violett. Er hat die Arme verschränkt und beobachtet die Szene mit einer stoischen Ruhe, doch seine Augen waren nicht ausschließen auf seine Frau gerichtet. Er hatte auch die Wirkung auf Julius beobachtet. Es war kein bösartiger Blick, sondern einer von Interesse, von Neugier und Begierde, als würde er die Reaktion eines jungen Tieres in einer neuen Umgebung studieren. Die Erkenntnis, dass er unter der Beobachtung dreier Menschen stand, während er in einem Metallgehäuse gefangen ist, lies ihn erzittern.
Die Frau in Violett löste sich schließlich von Maya und glättete ihr Kleid. Ihr Blick wanderte zurück zu Julius.
Er beobachtete, wie die Frau in Violett und Maya ein paar Worte austauschten. Ihre Stimmen waren unmöglich zu hören, doch die Art, wie sie sich gegenseitig ansahen – ein schnelles, kompliziertes Spiel aus gegenseitigem Verständnis und geteilten Absichten – wirkte auf ihn wie ein Komplott. Dann - ein Nicken, ein leichtes Lächeln - scheinbar war eine Entscheidung gefallen.
Maya deutete auf einen der diskreten Nebenräume, deren Tür nur einen schmalen Spalt breit geöffnet stand. Die Frau in Violett folgte der Geste ohne zu zögern. Bevor sie jedoch die Schwelle überschritt, hielt sie inne und warf ihrem Ehemann einen Blick über die Schulter zu. Es war kein Blick des Abschieds, sondern eine Einladung, ein stummes Versprechen. Der Mann, der bisher wie eine Statue gewirkt hatte, reagierte mit einem langsamen, kaum merklichen Blinken, bevor er sich mit einer ruhigen Bestimmtheit in Bewegung setzte, um ihr wenig später zu folgen.
Julius stand immer noch da, gefangen in der Spannung des Augenblicks, als Maya auf ihn zukam. Ihr Schritt war leicht, irgendwie beflügelt. Sie sah ihn an, und dieses Mal war das schelmische Funkeln in ihren Augen einer sanften, fast schon einladenden Intensität gewichen. Sie wusste genau, was in ihm vorging – den Kampf zwischen der Angst, die ihn zurückziehen wollte, und der Neugier, die ihn wie ein Magnet nach vorne zog.
„Komm mit“, flüsterte sie und legte ihre Handfläche offen auf den Tresen. „Komm und sieh dir an, wie die Welt des *L’Éclipse* wirklich funktioniert, wenn die Vorhänge fallen.“
Julius schluckte. Die Einladung klang so leicht, fast schon beiläufig. In diesem Moment war er nicht mehr nur der Junge, der Gläser polierte; er war ein Gast in einem Spiel, dessen Regeln er noch nicht kannte, dessen Preis er aber bereits zu zahlen begonnen hatte.
Maya nahm seine Unsicherheit wahr. Die offene Hand fand seinen Arm. Ihre Finger glitten langsam nach oben, bis sie sein Halsband mit einer fast schon zärtlichen Bestimmtheit berührten. Sie zwang ihn, ihren Blick zu halten, während sie einen Schritt näher trat, sodass er ihren Atem spürte. „Überleg nicht zu lange, Julius“, flüsterte sie. „Die Vorstellung, mit dir dort drinnen zu sein, während du noch nicht weißt, was du willst und was nicht. Lass es uns gemeinsam entdecken.“
Sie ließ ihre Hand von seinem Halsband sinken und ließ ihre Fingerspitzen in einer bewussten, langsamen Bewegung über die Stoffbahn seines Hemdes gleiten. „Wenn du mir jetzt folgst wird das die Spannung zwischen uns nur noch steigern“, hauchte sie, und ein wissendes Lächeln spielte um ihre Lippen. „Die Vorstellung, dass wir das gemeinsam machen macht mich unglaublich an“
Julius spürte, wie ein heftiger Schauer durch seinen Körper jagte. Die Art, wie sie seine Unsicherheit als eine Quelle gemeinsamer Erregung darstellte, löste etwas in ihm aus, das weit über die bloße Neugier hinausging.
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