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Chapter 2

Wofür entscheidet sich Scheibner?

Das ungleiche Paar

"Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?"

Sophie blickte unschlüssig auf die Fassade des vierstöckigen Mietshauses. Ihre beste Freundin Brigitte (die bevorzugte die französisch klingende Aussprache "Brischit") stand direkt neben ihr und nickte frenetisch mit dem Kopf, so dass ihre blonde Mähne, die sie zu einer wilden Hochsteckfrisur aufgetürmt hatte, in heftige Schwingungen geriet.

"Natürlich. Das ist das Beste, was uns passieren kann."

Die beiden Mädchen hätten nicht unterschiedlicher sein können. Sophie hatte eine zierliche, elfengleiche Figur, ein rundes Gesicht mit Stupsnase und großen nussbraunen Augen, die durch ihre Brille mit den runden Gläsern noch größer wirkten. Ihre dunklen, halblangen Haare band sie meist zu einem Pferdeschwanz am Hinterkopf zusammen, damit sie ihr nicht ins Gesicht fielen. 'Klarer Blick - klare Gedanken' war das Motto, das sie damit zum Ausdruck bringen wollte; aber verständlicherweise hatte noch nie jemand danach gefragt. Sie bevorzugte einfache, praktische Kleidung. Heute hatte sie anlässlich des Umzugs ein langärmliges Sweatshirt, abgetragene Jeans und Sneakers gewählt. In jeder Hand hielt sie eine vollgepackte Reisetasche.

Brigitte überragte sie um mindestens einen Kopf. Sie war groß mit einer schlanken Taille, hatte meerblaue Augen und ein markantes Gesicht mit hohen Wangenknochen. Zusätzlich betonte sie ihre Vorzüge durch kräftiges, aber nicht übertriebenes Make-Up, wofür sie ein echtes Talent bewies. Eine Zeitlang sah es so aus, als könne sie mit ihrem Aussehen eine Modelkarriere einschlagen, doch dann schlug Mutter Natur zu und bedachte sie mit einer gewaltigen Oberweite, die in kein Designerkleid gezwängt werden konnte. Auch ihr Hinterteil legte derart zu, dass sie zwar die Blicke aller Männer, junger wie alter anzog, auf dem Catwalk aber keine gute Figur mehr abgegeben hätte. Ihre langen blonden Haare stylte sie täglich zu immer neuen Fantasiefrisuren und sie liebte es auch generell, sich häufig einen neuen Look und Stil zu geben. Fast immer kam etwas provokantes oder aufreizendes dabei heraus. So hatte sie diesmal ein feuerrotes hautenges, bauchfreies Top mit halblangen Ärmeln und weitem Ausschnitt zu einem knappen schwarzes Minirock kombiniert und stöckelte sicher auf zentimeterhohen Absätzen über den Gehweg. Hinter sich zog sie einen orange-gelb karierten Rollkoffer her.

Sophie war in der Schule selbstverständlich Klassenbeste gewesen, ihre besonderen Stärken lagen in den Naturwissenschaften. Um ihre eigene soziale Kompetenz zu stärken, hatte sie sich irgendwann des blonden Mädchens angenommen, die hart an mehreren Fünfen im Zeugnis entlangschrammte, gab ihr Nachhilfe und half ihr dabei, die wichtigsten Prüfungen zu bestehen.

Umgekehrt gab es auch Dinge, in denen Brigitte ihrer schlauen Freundin Nachhilfe geben konnte. So verbesserte sie deren Sozialleben oder besser gesagt, sie sorgte dafür, dass Sophie überhaupt ein solches hatte. Sie brachte sie in die Mädchenclique an ihrer Schule und verschaffte ihr Einladungen zu Partys, schleppte sie zu Feten, Konzerten und all jenen Events, zu denen sich Sophie nie alleine getraut hätte, weil sie zu unsicher, verklemmt oder ängstlich war.

Entgegen aller Wahrscheinlichkeit entwickelte sich so zwischen den beiden unterschiedlichen Charakteren ein innige Freundschaft, die auch über die Pubertät hinaus Bestand hatte.

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