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Darians Genesung
Die Wunde heilte langsam.
Nicht von einem Tag auf den anderen, sondern in kleinen Schritten, die Darian anfangs kaum bemerkte. Zuerst verschwand das Fieber. Dann konnte er den Arm wieder vorsichtig anheben. Wenige Tage später war er stark genug, den Übungsholzstab zu führen, den ihm ein alter Veteran in die Hand drückte, damit die Muskeln nicht erschlafften.
Frida wich in dieser Zeit kaum von seiner Seite.
Sie wechselte die Verbände, rieb die vernarbte Haut mit wohlriechenden Salben ein und ermahnte ihn jedes Mal aufs Neue, sich nicht zu überfordern.
„Narben heilen langsamer als Wunden“, sagte sie oft.
Darian hatte darüber gelächelt.
Doch sie hatte recht behalten.
Der Arm würde niemals wieder derselbe sein.
Er war schwächer als früher, und an kalten Morgen zog ein dumpfer Schmerz durch die Schulter. Dennoch kehrte seine Kraft zurück. Bald half er wieder beim Tragen von Wassereimern, anschließend beim Schleifen von Schwertern. Schließlich erklärte der Hauptmann der Garnison ihn für diensttauglich.
Noch am selben Abend erhielt er seinen ersten Wachbefehl.
Seit Beginn der Belagerung waren mehrere Wochen vergangen.
Und doch war kein einziger Pfeil auf Nordwacht abgeschossen worden.
Die gewaltigen Heere der Orks und Goblins lagen weiterhin vor den Mauern wie ein dunkles Meer. Täglich wurden neue Zelte errichtet, neue Gräben ausgehoben und weitere Kriegsmaschinen herangeschafft. Manchmal ritten orkische Kriegsherren dicht an die Mauern heran, als wollten sie die Verteidiger verspotten, ehe sie lachend wieder verschwanden.
Niemand verstand, warum sie warteten.
Manche glaubten, sie sammelten noch weitere Stämme.
Andere flüsterten von einem Kriegsherrn, der erst noch eintreffen müsse.
Die Ungewissheit war schlimmer als jeder Angriff.
Sie fraß sich in die Gedanken der Menschen.
Als Darian an diesem Abend die steinernen Stufen zum Wehrgang hinaufstieg, färbte die untergehende Sonne den Himmel blutrot.
Der Wind trug den Geruch von Rauch heran.
Sein Wachpartner wartete bereits.
Der Mann war deutlich älter als Darian, vielleicht Mitte vierzig. Sein Bart war bereits von grauen Strähnen durchzogen, und eine lange Narbe verlief vom linken Ohr bis unter den Kragen seines Kettenhemdes.
„Du musst Darian sein“, sagte er mit rauer Stimme.
Darian nickte.
„Hagen.“
Mehr stellte der Mann sich nicht vor.
Gemeinsam gingen sie den Wehrgang entlang. Unter ihnen schlossen Händler hastig ihre Läden, Kinder wurden von ihren Eltern nach Hause gerufen, und in den Straßen entzündeten die Laternenanzünder ihre Lichter.
Langsam senkte sich die Nacht über Nordwacht.
Dann geschah es.
Vor den Mauern flammte ein einzelnes Feuer auf.
Kurz darauf ein zweites.
Ein drittes.
Innerhalb weniger Augenblicke begannen überall in der Ebene Lichter zu entstehen.
Erst Dutzende.
Dann Hunderte.
Dann Tausende.
Schließlich schien die gesamte Landschaft in Flammen zu stehen.
Soweit Darian blicken konnte, brannten Lagerfeuer.
Ein endloses Meer aus glühenden Punkten, das sich bis zum schwarzen Schatten des Nebelgebirges erstreckte.
Er hielt unwillkürlich den Atem an.
„Bei allen Göttern...“
Hagen folgte seinem Blick.
„Man gewöhnt sich nicht daran.“
Kaum hatte er den Satz beendet, erhob sich aus der Dunkelheit ein dumpfer Gesang.
Tief.
Rhythmisch.
Er begann mit wenigen Stimmen.
Dann fielen weitere ein.
Immer mehr.
Bald sangen Tausende.
Die Orks schlugen im Takt mit Waffen gegen ihre Schilde. Dazwischen erklangen das hohe Kreischen der Goblins und das dumpfe Schlagen gewaltiger Trommeln.
Der Gesang rollte wie Donner über die Ebene.
Selbst die Mauern Nordwachts schienen leicht zu erzittern.
Darian spürte, wie sich die Härchen auf seinen Armen aufstellten.
„Sie machen das jede Nacht?“
Hagen nickte.
„Fast jede.“
„Warum?“
Der ältere Soldat zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht feiern sie. Vielleicht wollen sie uns den Schlaf rauben. Vielleicht erinnern sie sich gegenseitig daran, dass sie mehr sind als wir.“
Eine Weile schwiegen beide.
Sie blickten schweigend auf das flackernde Lichtermeer.
„Du bist noch jung“, sagte Hagen schließlich.
„Dreiundzwanzig.“
„Jünger als mein Sohn gewesen wäre.“
Darian sah ihn an.
Hagen lächelte schwach, ohne den Blick von den Feuern abzuwenden.
„Er starb vor fünfzehn Jahren an einem Winterfieber. Seine Mutter folgte ihm keine zwei Jahre später.“
Der Wind spielte mit seinem grauen Bart.
„Seitdem habe ich nur noch die Mauer.“
Darian wusste nicht, was er darauf antworten sollte.
Hagen schien keine Antwort zu erwarten.
„Früher war ich Schmied“, fuhr er nach einer Weile fort. „Ich wollte nie Soldat werden. Mein Vater hatte eine kleine Werkstatt hier in Nordwacht. Wir fertigten Hufeisen, Nägel und Wagenachsen. Nichts Besonderes.“
Er lachte leise.
„Heute schmiede ich Speerspitzen und repariere Rüstungen zwischen meinen Wachschichten. Das Leben sucht sich manchmal einen anderen Weg, als man geplant hat.“
Darian nickte langsam.
„Ich war erst seit einem Jahr Soldat, als meine Bastion fiel.“
„Dann hast du den Krieg schneller kennengelernt als ich.“
Wieder legte sich Schweigen zwischen sie.
Vor ihnen sangen Zehntausende Stimmen gegen den Nachthimmel.
Hinter ihnen schlief eine Stadt, die wusste, dass sie vielleicht bald um ihr Überleben kämpfen musste.
Und hoch oben auf den Mauern standen zwei Männer, getrennt durch zwanzig Lebensjahre, aber vereint durch dieselbe Gewissheit:
Wenn der Gesang eines Tages verstummte, würde der eigentliche Schrecken erst beginnen.
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