What's next?
Die Belagerung geht weiter
Die Tage begannen ineinander zu verschwimmen.
Darian hatte längst aufgehört zu zählen, wie viele Sonnenaufgänge er inzwischen von den Mauern Nordwachts aus gesehen hatte. Die Belagerung war zum Alltag geworden. Ein bedrückender Alltag, der von Warten, Wachdiensten und der ständigen Ungewissheit lebte.
Er hatte gelernt, den Rhythmus der Festung zu verstehen.
Morgens wurden die Tore nur für wenige Augenblicke geöffnet, um Spähtrupps hinauszulassen. Mittags brachten Fuhrwerke Steine und Wasser auf die Wehrgänge. Abends wurden Waffen kontrolliert, Sehnen gespannt und Feuerkörbe entzündet.
Und nachts...
Nachts gehörte Nordwacht den Geräuschen des Feindes.
Darian stand wie so oft neben Hagen auf dem Wehrgang des westlichen Mauerabschnitts. Der ältere Soldat hatte ihm längst das förmliche „Ihr“ abgewöhnt. In den langen Stunden gemeinsamer Wachen war aus vorsichtiger Bekanntschaft eine stille Freundschaft geworden.
Sie redeten nicht viel.
Sie mussten es auch nicht.
Manchmal genügte ein Blick oder ein kurzes Nicken.
Vor ihnen lag die dunkle Ebene, übersät mit den zahllosen Lagerfeuern der Orks und Goblins. Das Heer schien noch größer geworden zu sein. Wo früher freie Flächen gewesen waren, standen nun weitere Zelte, hölzerne Palisaden und grob gezimmerte Belagerungsmaschinen.
Doch noch immer blieb der große Angriff aus.
Stattdessen prüfte der Feind die Verteidiger.
Mal rückten einige Dutzend Goblinbogenschützen vor und überschütteten die Mauern mit Pfeilen, ehe sie sich unter dem Schutz der Dunkelheit wieder zurückzogen.
An anderen Tagen rollten einige wenige Katapulte heran, schleuderten Steine gegen die Mauern oder versuchten, einzelne Türme zu beschädigen.
Der Schaden blieb meist gering.
Nicht groß genug, um Nordwacht ernsthaft zu gefährden.
Aber ausreichend, um niemanden zur Ruhe kommen zu lassen.
„Sie zermürben uns“, murmelte Hagen.
Darian nickte.
„Sie wollen, dass wir müde werden.“
„Und unvorsichtig.“
Kaum hatte Hagen die Worte ausgesprochen, durchbrach ein dumpfer Schlag die Nacht.
Wumm.
Einen Augenblick später folgte ein zweiter.
Dann ein dritter.
Beide Männer richteten den Blick nach Norden.
Vor den feindlichen Linien stiegen dunkle Silhouetten auf.
Katapulte.
„Da sind sie wieder.“
Hoch über den Lagerfeuern zeichneten sich mehrere glühende Punkte gegen den Nachthimmel ab. Langsam stiegen sie auf, ehe sie in einem weiten Bogen auf Nordwacht zuflogen.
„Brandsätze!“, rief einer der Wachposten weiter östlich.
Die ersten Geschosse schlugen mit dumpfem Krachen in der Stadt ein.
Für einen Herzschlag blieb alles still.
Dann stieg eine Feuersäule zwischen den Dächern empor.
Kurz darauf eine zweite.
Aus der Ferne erklangen Glocken.
Alarm.
Die Signale hallten durch jede Straße der Festung.
Unter ihnen erwachte Nordwacht augenblicklich zum Leben.
Menschen stürmten mit Wassereimern aus den Häusern. Soldaten rannten durch die Gassen, während Mitglieder des Ordens der Heilerinnen Verletzte versorgten. Von den Brunnen aus bildeten sich lange Eimerketten, deren Glieder sich schweigend die schweren Holzeimer reichten.
Immer wieder war das Zischen verdampfenden Wassers zu hören.
Darian beobachtete, wie einer der Dachstühle in Flammen stand. Männer kletterten trotz der Hitze hinauf und rissen brennende Balken herunter, bevor das Feuer auf die Nachbarhäuser überspringen konnte.
Ein weiterer Brandsatz schlug unweit des Marktplatzes ein.
Wieder erklangen Alarmrufe.
Doch schon wenige Augenblicke später liefen die ersten Helfer heran.
„Sie sind schnell geworden“, sagte Darian.
Hagen nickte langsam.
„Sie mussten es werden.“
Noch vor einigen Wochen hätten solche Angriffe Panik ausgelöst.
Heute wusste jeder Einwohner, wohin er laufen musste.
Wer Wasser trug.
Wer Verletzte barg.
Wer Dächer einriss.
Wer Kinder in Sicherheit brachte.
Nordwacht hatte gelernt, mit dem Feuer zu leben.
Und genau das machte Darian Sorgen.
Denn selbst wenn die Schäden klein blieben, hinterließ jede Nacht ihre Spuren.
Die Menschen schliefen kaum noch.
Kinder erschraken inzwischen schon beim Knarren einer Tür.
Die Schmiede arbeiteten mit müden Augen bis tief in die Nacht.
Immer häufiger sah Darian Soldaten, die während des Essens für wenige Augenblicke einschliefen.
Nicht der Feind auf den Feldern erschöpfte die Stadt.
Es war das ständige Warten.
Der nie endende Alarm.
Die Gewissheit, dass jederzeit wieder ein brennender Stein vom Himmel fallen konnte.
Hagen stützte die Unterarme auf die Zinnen und blickte hinaus in die Dunkelheit.
„Sie testen uns.“
„Glaubst du, der eigentliche Angriff kommt bald?“
Der ältere Soldat antwortete nicht sofort.
Sein Blick ruhte auf den flackernden Feuern des feindlichen Lagers.
„Ich glaube“, sagte er schließlich leise, „dass wir den Angriff längst falsch verstehen.“
Darian runzelte die Stirn.
„Wie meinst du das?“
Hagen sah hinunter auf die Stadt, wo die letzten Flammen gerade gelöscht wurden und die Alarmglocken langsam verstummten.
„Vielleicht...“, sagte er mit ernster Stimme, „hat er längst begonnen.“
Darian folgte seinem Blick.
Unter ihnen kehrte langsam wieder Ruhe ein.
Doch es war keine friedliche Ruhe.
Es war die Ruhe erschöpfter Menschen, die wussten, dass ihnen nur wenige Stunden Schlaf blieben, bevor die nächste Nacht ihre Feuer bringen würde.
Und draußen, jenseits der Mauern, loderten die Lagerfeuer der Orks und Goblins unvermindert weiter – als hätten sie alle Zeit der Welt.
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