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Bei Betty im Zimmer
Betty saß noch immer auf ihrem Bett, die Beine untergeschlagen, als die Tür hinter Chantal ins Schloss fiel. Der lose Faden an ihrer Decke war längst gerissen, aber ihre Finger suchten weiterhin nach etwas, das sie beschäftigen konnte. Die Stille im Zimmer war plötzlich erdrückend, und in ihrem Kopf hallte Chantals Stimme nach: "Du bist mehr wert als das."
Sie zog ihre Knie an den Körper und legte das Kinn darauf. Die grünen Blumen ihres Flanell-Pyjamas fühlten sich weich und vertraut an, fast kindisch. Eigentlich hatte sie sich schon umgezogen, war bereit gewesen zu gehen.
Betty schloss die Augen, und die Bilder des Nachmittags drängten sich in ihren Vordergrund.
Es war kurz nach sieben gewesen, die Sonne hing tief und warf lange Schatten über den Hof der Jugendherberge. Die meisten waren noch beim Abendessen, aber Betty war früh aufgebrochen, hatte keinen Hunger gehabt. Sie war um die Gebäude herumgelaufen, auf der Suche nach etwas Ruhe, als sie ihn gefunden hatte: Lukas.
Er saß auf einer Holzbank hinter der Turnhalle, den Kopf in den Händen vergraben, die wirren roten Haare standen in alle Richtungen ab, als hätte er stundenlang darin herumgewühlt. Seine Haut, übersät mit unzähligen Sommersprossen, wirkte im goldenen Licht fast durchsichtig. Er hob den Kopf, als sie näherkam, und seine hellgrünen Augen waren groß und verängstigt – so verängstigt, dass Betty für einen Moment das Atmen vergaß.
"Betty", sagte er, und seine Stimme klang heiser. "Ich muss dir was erzählen."
Sie setzte sich neben ihn, ohne zu fragen. Das war das Besondere an ihnen: Sie musste nie fragen. Sie spürte einfach, wann er sie brauchte.
Lukas atmete tief ein. "Du weißt, was heute Nacht geplant ist, oder? Die Party im Jungszimmer."
Betty nickte. Sie hatte es aufgeschnappt, wie alle anderen. Die Flüsterstimmen, die aufgeregten Blicke, das Kichern in der Schlange vor dem Waschraum. Andrea hatte schon um drei Uhr angefangen, sich die Haare zu glätten.
"Die Regeln", fuhr Lukas fort, und seine Stimme brach fast. "Die haben sie mir aufgedrängt. Ich wollte nicht, aber Daniel und Johannes... die haben gesagt, wenn ich nicht mitmache, bin ich raus. Dann gehöre ich nicht mehr dazu."
Er lachte, aber es war kein fröhliches Lachen. Es war schrill und aufgedreht, so wie immer, wenn er etwas überspielte. "Weißt du, was die beschlossen haben? Jede, die kommt, muss sich nackt ausziehen. Und dann wird ein Junge bestimmt, der mit ihr Sex hat. Ich weiß es nicht genau. Sie haben es nicht mal richtig durchdacht, die Idioten. Sie haben einfach gedacht: 'Das wäre geil.' Und jetzt machen alle mit."
Betty spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. "Das ist verrückt", sagte sie leise.
"Ja", stimmte Lukas zu. "Verrückt. Und ich hab Angst, Betty. Ich hab richtig Angst." Er drehte sich zu ihr, und sie sah die Tränen in seinen grünen Augen glitzern. "Was ist, wenn jemand wirklich kommt? Wenn ich zugeteilt werde? Die anderen Jungs erwarten, dass ich... dass ich es tue. Dass ich ein Mann bin, der eine Frau nimmt. Aber ich kann nicht. Ich kann nicht. Und wenn sie es rausfinden, dann..."
Er brauchte den Satz nicht zu beenden. Betty wusste, was er meinte. Die Jungs in ihrer Klasse waren nicht bekannt für ihr Einfühlungsvermögen. Wenn sie erfuhren, dass Lukas nicht war, was sie dachten, wäre er erledigt. Ausgelacht, gedemütigt, ausgestoßen.
"Hey", sagte Betty und legte ihre Hand auf seinen Arm. Ihre Stimme war weicher als sonst, fast zärtlich. "Hör mir zu. Du musst nicht mitmachen."
Lukas schüttelte den Kopf. "Das geht nicht. Die merken das. Daniel durchschaut mich immer. Der hat so einen Blick, der sieht alles." Er atmete zitternd aus. " Ich muss so tun, als wäre ich einer von ihnen. Wenn ich fehle, fragen sie nach. Und wenn ich dann eine Ausrede habe, lachen sie mich aus. Die nennen mich schon jetzt Weichei."
Betty schwieg einen Moment. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie sah seine Hände zittern, die schmalen Finger, die sich in den Stoff seiner Hose krallten. Er war der dünnste von ihnen, fast zerbrechlich, und in diesem Moment wirkte er so jung und verletzlich, dass sie ihn am liebsten in den Arm genommen hätte.
"Also gut", sagte sie schließlich. "Dann mach es so: Spiel ein bisschen mit. Tu so, als wärst du begeistert. Aber übertreib es nicht. Wenn du zu laut bist oder zu viel redest, fällt es eher auf. Sei einfach... einer von ihnen. Aber nicht der Anführer. Einer der Mitläufer. Dann fragt keiner nach."
Lukas sah sie mit großen Augen an. "Du glaubst, das klappt?"
"Es muss klappen", sagte Betty. "Und wenn wirklich jemand kommt… sobald die eine nackte Frau sehen sind die viel zu abgelenkt noch etwas zu merken."
Lukas atmete tief durch. Sein Blick wurde ein wenig ruhiger, aber die Angst war noch da, tief in seinen Augen verborgen. "Danke", flüsterte er. "Du bist die Einzige, mit der ich darüber reden kann. Die Einzige, die mich versteht."
Er nahm ihre Hand und drückte sie fest. Sie wusste, warum er nur mit ihr reden konnte. Warum er ihr vertraute. Wegen dem, was vor einem halben Jahr passiert war.
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